Zeitlosigkeit. Alles bereits erlebt, alles bereits begriffen. Sinnlosigkeit.

Ein Dahindämmern durch bekannte Zeit und bekannten Raum - gefangen im Gewesenen. Gestern, Heute und Morgen in einem Gedanken. Nichts, das interessieren, das noch begeistern kann. Der Wunsch zu vergehen - verwehendes Bewußtsein zwischen den Galaxien und den Zeitaltern. Milliardenfach angestrebt und nur die Erkenntnis des eigenen Unvermögens eines letzten Schrittes.

Zeitlosigkeit. Sinnlosigkeit. Hilflosigkeit.

 

 

Zwischenbericht -Laura Banks


L
aura Banks - Der Besuch

"Du hast dich wieder mit Jimmy geprügelt!"

Vorwurfsvoll blickte sie mich an. Dann nahm sie ein feuchtes Tuch und wischte mir den Schmutz aus dem Gesicht. Hart schruppte das rauhe Tuch über meine Wangen und die Stirn und hinterließ rote Stellen. Ich schrie und jammerte. Doch sie schien es nicht zu hören. Wie im Selbstgespräch redete sie auf mich ein.

"Wieso machst du das nur immer wieder? Wie oft habe ich dir schon gesagt, daß ihr lernen sollt zusammenzuhalten. Genügt es denn nicht, wenn da draußen alles in Trümmern liegt? Warum mußt du das alles auch noch hierher bringen? Dein Vater würde..."

"Aber Dad prügelt sich doch auch!" begehrte ich auf.

Mutter hielt in der Bewegung inne. Dann ließ sie das Tuch fallen und drückte mich an sich. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, als sie wieder zu sprechen begann.

"Dein Vater prügelt sich nicht. Er kämpft für uns - für uns alle. Und er tut das nicht, weil es ihm Spaß macht, sondern weil er keine andere Wahl hat. Verstehst du?"

Sie schob mich von sich um mir in die Augen sehen zu können. Zwei dünne feuchte Bahnen zogen sich über ihr Gesicht.

"Aber ich will auch kämpfen, Mom."

"Das wirst du noch früh genug, mein Kleines." Sie versuchte ein Lächeln, doch es mißlang ihr. "Und du wirst es hassen lernen."

"Aber warum?"

Mutter wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment klopfte es an der Tür. Es war Onkel Dave, Dads bester Freund. Ich kannte ihn solange ich denken konnte. Er war eigentlich immer gut gelaunt gewesen und hatte auch in den schwierigsten Zeiten immer Worte der Ermutigung und Aufheiterung gefunden. Nicht zuletzt deshalb war er ein guter Freund der Familie geworden.

Doch an diesem Tag hatte er nichts Heiteres. Als Mutter ihm öffnete und hereinbat, blieb er einfach nur stehen. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck den ich niemals vergessen werde. Er blickte Mutter leer und hilflos an. Ein Flehen lag in seinen Augen. Der Mund öffnete sich, doch er brachte kein Wort hervor. Mutter blickte ihn einige Sekunden nur an. Dann brach sie in seinen Armen weinend zusammen.

An diesem Tag lernte ich was Trauer ist.

 

 

1. Gespräche

"Ich werde mitfliegen!"

Perry Rhodan ging auf die Bemerkung Guckys nicht ein. Der Mausbiber saß ungewöhnlich steif auf der Couch in Rhodans Kabine. Die Unsterblichen hatten sich hier getroffen um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Rhodan blickte in die Runde. Reginald Bull saß neben Gucky. Er hatte sich entspannt zurückgelehnt, als wolle er dem Mausbiber demonstrieren, das kein Grund für seine angespannte Haltung bestand.

Rhodans Sohn Michael saß in einem Sessel und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Er war es gewesen, der die Tarnung der Unsterblichen vor der Crew der ENTERPRISE hatte auffliegen lassen. Denn er hatte sein Mentalstabilisierung vor der Empathin Deanna Troi geöffnet, und so die Fassade der vermeintlichen unbedeutenden Forscher aus einem Paralleluniversum zum Einsturz gebracht.

Der Führungsstab der ENTERPRISE wußte nun, daß ihre sechs "Besucher" Menschen mit einem besonderen Status waren, Verbündete übergeordneter Mächte. Sie waren nun als Protagonisten einer kosmischen Bühne entlarvt, was automatische hohe Erwartungen in sie projizieren würde.

Das Verhältnis zwischen den Unsterblichen und der Besatzung der ENTERPRISE würde sich ändern - das stand für Rhodan außer Frage.

Sein Blick wanderte zu dem Arkoniden Atlan. Der alte Freund der Menschheit stand mit dem Rücken zu Rhodan an der Fensterfront der Kabine und blickte hinaus in den Weltraum, wo die Sterne zu feinen, durch den Dopplereffekt bunten Strichen verzerrt, an dem Föderationsraumschiff vorbeizogen.

Das Schiff flog mit Überlichtfaktor Warp 9 in Richtung eines für jeden an Bord ungewisses Ziel.

Nein, das stimmt nicht! Korrigierte sich Rhodan in Gedanken. Eine Person an Bord kannte das Ziel. Eine Person, um die sich letztlich in der momentanen Situation alles drehte. Laura Banks.

"Was hast du eigentlich zu ihr gesagt?" wechselte Michael Rhodan an Reginald Bull gewandt das Thema.

Bull war es gewesen, der Laura Banks dazu überredet hatte aktiv mit der Besatzung der ENTERPRISE zusammenzuarbeiten. Ursprünglich hatte die Frau, die sich selbst provokativ als Piratin bezeichnete, so schnell als möglich wieder von dem Föderationsraumschiff verschwinden wollen.

Reginald Bull grinste Michael Rhodan nur an.

"Du kennst mich doch. Ich habe ihr einen kleinen Klaps auf den Po gegeben, und schon wußte sie was zu tun ist."

"Ja, natürlich." Mike verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. "So wird es wohl gewesen sein."

"Ich werde mitfliegen!" sagte Gucky nochmals und unterstrich damit seine Gemütsverfassung, indem er entgegen jeder Gewohnheit Reginald Bull nicht mit einem entsprechenden Seitenhieb ob seiner Erklärung bedachte.

"Ich auch", sagte Bully nur. Nachdem er jedoch Rhodans überraschten Blick bemerkte, begann er seine Entscheidung zu erklären.

"Zum einen habe ich einen guten Draht zu Laura, zum anderen denke ich das ich bei der technischen Planung behilflich sein kann. Außerdem muss ich auf unseren Allmächtigen hier aufpassen."

Bully benutzte bewußt denselben Ausdruck, mit der Laura Banks den Mausbiber bei ihrem ersten Zusammentreffen betitelt hatte. Die Piratin glaubte in Gucky ein höheres Wesen erkannt zu haben, das über die Menschheit seit Uhrzeiten wachte. Mehr war bisher aus Laura nicht herauszubekommen. Jedenfalls schien das Volk der Mausbiber in diesem Universum eine bekannte, wenn auch vollkommen andere Rolle als im heimatlichen Universum zu spielen. Das war eine Tatsache, die Gucky zu schaffen machte. Wer konnte ihm das auch verdenken, da doch seine Rasse in seiner Realität längst ausgestorben war. Gucky war der letzte seines Volkes - und plötzlich war da die Möglichkeit Vertreter seiner Rasse zu finden. Es war eine verlockende Perspektive und Rhodan war klar, das Gucky dieser Chance in jedem Fall nachgehen mußte. Perry Rhodan würde den Teufel tun, ihn davon abzuhalten.

Gucky würde also dabei sein. Es ging um den Flug der BOUNTY zur Rebellenbasis NEW BERLIN. Nach der über dreistündigen Besprechung in der Beobachtungslounch der ENTERPRISE mit Laura Banks war man zu dem Ergebnis gekommen, das die Piratin mit ihrem Schiff, das momentan im Haupthangar des Föderationsraumschiffes stand, vorausfliegen würde, um Geleitschutz für die ENTERPRISE zu beschaffen. Außerdem sollte in der Rebellenbasis möglichst schnell an einer Modifikation der ENTERPRISE gearbeitet werden, wobei es dabei ausschließlich um ein Tuning des Überlichtantriebs ging. Laura würde also die Baupläne des Föderationsraumschiffs mit im Gepäck haben. Aus diesem Grund war es wohl auch sehr wahrscheinlich das mindestens ein Offizier des Schiffes mit an Bord sein würde.

"Es ist zweifellos echt", sagte Atlan plötzlich. Er kam zu den andern herüber und setzte sich ebenfalls. Fast behutsam stellte er das kleine Gefäß auf den Tisch. "600 vor Christus - ungefähr."

Bei dem kleinen, von Hand bemalten Kunstwerk, handelte es sich um ein sogenanntes Quinton. Der Arkonide hatte es sich von Laura geliehen, die es auf der Freihandelswelt Quaarim kurz vor ihrem Zusammentreffen mit den "Nebenweltlern", als welche sie die Unsterblichen und die Crew der ENTERPRISE bezeichnete, erstanden hatte.

Quintonen hatten sich als Beutestücke herausgestellt, welche von jenseits der Tore SAMSALAS gebracht wurden. Sie waren extrem wertvoll und galten als Statusobjekte unter der samsonischen Völkergemeinschaft. Es handelte sich dabei ausschließlich um Produkte aus terranischer Fertigung.

"Ist euch klar, was das bedeutet?" fragte Atlan in die Runde. "Sie fliegen über diese Tore in Parallelwelten und plündern die Erde der jeweiligen Universen. Ich will mir nicht vorstellen, was sie mit den hilflosen Menschen der frühen Geschichte veranstalten. Warum? Welcher kranke Geist steht hinter diesem ganzen Wahnsinn? Was kann einen derartigen interuniversellen Rassenhass schüren?"

Rhodan schüttelte den Kopf.

"Wir wissen es nicht - noch nicht. Wir haben einfach zu wenig Informationen. Auch Laura Banks weiß es nicht. Der Auslöser für das ganze liegt in der Vergangenheit dieses Universums. Es begann vor Äonen. Vielleicht erfahren wir auf NEW BERLIN mehr über die Hintergründe. Aber ich glaube es nicht. SAMSALA ist der Schlüssel."

 

*

 

Captain Jean-Luc Picard stand mit einer halbleeren Tasse Earl-Grey-Tea am Fenster seines Bereitschaftsraums und blickte hinaus in den Weltraum, wo die Sterne schnell an seinem Schiff vorbeizogen.

Er hatte das Licht gedimmt, damit sich der Raum nicht im dicken Verbundglas spiegelte und er den Anblick des vorbeiziehenden Universums voll auf sich wirken lassen konnte.

Er stand schon lange hier und blickte nach draußen. Der Captain des Flaggschiffes USS ENTERPRISE hatte seine Gedanken treiben lassen - hinaus in dieses Universum. Er hatte das schon oft getan - meist dann, wenn schwierige Entscheidungen auf ihn zukamen, aber dieses mal tat er es mit dem Bewußtsein, das er auf ein fremdes Universum blickte.

Der Türsummer signalisierte einen Besucher, doch er registrierte das Piepsen erst beim zweiten Mal. Seine Haltung straffte sich, als er mit einem kurzen "Herein" der Computerautomatik das Zeichen gab die Tür zu öffnen.

William T. Riker betrat den Raum. Der Erste Offizier der ENTERPRISE registrierte ohne Verwunderung, daß der Raum des Captains im Halbdunkel lag. Er trat ein und als sich die Tür schloß sperrte sie das geschäftige Treiben auf der Brücke des Schiffes wieder aus.

Riker trat neben seinen Captain und blickte ebenfalls nach draußen. Für Sekunden herrschte Stille. Die beiden Männer verstanden sich ohne Worte. In der über siebenjährigen gemeinsamen Dienstzeit, hatte sich zwischen dem Captain und seinem Ersten Offizier ein Verhältnis entwickelt, das inzwischen weit über ein dienstliches Zusammenarbeiten hinausging.

"To boldly go, where no man has gone before..."

Riker blickte Picard fragend an. Der Captain lächelte schwach.

"Dieser Schriftzug stand auf einem antiken Steuerrad, das im Besprechungszimmer der ENTERPRISE NCC-1701-C aufgestellt war.

Riker nickte. Dorthin zu gehen, wo niemand zuvor jemals war. Es war eine Prämisse, welche die ENTERPRISE in all ihren Bauversionen und unter all ihren Captains immer begleitet hatte.

"Kann es vielleicht sein, das wir... angekommen sind?" fragte Picard ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. "Kann es sein, das hier das Ende unseres Weges zu finden ist? Diese Fragen habe ich mir gestellt, Will."

Riker zögerte keine Sekunde, als er den Kopf schüttelte.

"Wir sind erst am Anfang. Für jede Zeit gibt es ein Morgen und für jedes Schiff ein neues Ufer, das es zu entdecken gilt - zu jeder Zeit und egal an welchem Ort."

Der Captain legte die Stirn in falten.

"Hamingway?"

Riker schüttelte den Kopf abermals und lächelte nun zurück.

"Nein. Riker, William T."

Picard nickte zustimmend. "Ich bin zu demselben Ergebnis gekommen."

Dann wandte er sich ab, ging zu seinem Tisch und setzte sich. Übergangslos wechselte er das Thema.

"Gibt es etwas neues, Nummer Eins?"

Riker setzte sich ihm gegenüber.

"Nein, Captain. Die Reparaturen sind weitestgehend abgeschlossen. Die Besprechung mit Geordi steht an."

Der Captain nickte. Doch anstatt aufzustehen und mit Riker zur Besprechnung zu gehen lehnte er sich in seinem Sessel zurück, stützte die Ellenbogen auf die Lehnen und legte die Fingerspitzen aneinander. Nachdenklich blickte er seinen ersten Offizier an.

"Was denken Sie über unsere Gäste, Will?"

Auch Riker lehnte sich ebenfalls zurück. Sie beide hatten noch die Eröffnungen Deanna Trois in den Ohren, die ihnen trocken erklärt hatte, das sie die vermeintlichen Forscher aus einem parallelen Universum als tausende Jahre alte Unsterbliche enttarnt hatte, die in ihrer Welt eine maßgebliche Rolle in der Geschichte der Menschheit spielten.

"Wir können die neue Situation nicht ignorieren", sagte Riker. "Ich empfehle ihre wahre Identität, über die wir sowieso nur sehr dürftig informiert sind, nicht öffentlich zu machen. Weitere Entscheidungen würde ich von den zukünftigen Entwicklungen abhängig machen."

Picard nickte. Dann zog er die Augenbrauen hoch und atmete schwer durch.

"Sie werden mitfliegen wollen."

"Das sehe ich ebenso, es spricht nichts dagegen."

"Sie, Geordi, Data und maximal zwei unserer Besucher."

"Worf?"

Picard schüttelte den Kopf.

"Ich brauche ihn auf der Brücke. Es ist nicht auszuschließen, das wir erneut in Gefechte verwickelt werden, bevor wir die Rebellenbasis erreichen, beziehungsweise bevor unser Geleitschutz eintrifft."

Damit war es bereits beschlossene Sache, das Laura Banks mit ihrer Bounty vorausfliegen würde.

Abermals erhob sich der Captain der ENTERPRISE und trat an das Fenster.

"Unsere Lage ist kritisch", begann er dann in ernstem Tonfall zu sprechen. "Es hat sich herausgestellt, das die ENTERPRISE in diesem Universum als technologisch rückständig einzustufen ist. Wir müssen alle Vorteile nutzen, die sich uns bieten. Das wird auch erfordern sonst gültige Regeln der Sternenflotte...sagen wir einmal: neu zu interpretieren."

Ruckartig wandte er sich um und blickte Riker direkt an.

"Will, Abkommen zwischen den Völkern unserer Milchstraße, was unsere Technologischen Modifikationen betrifft, werde ich hiermit außer Kraft setzen. Ich werde dafür die volle Verantwortung übernehmen. Eine Technologie, die hier nicht bekannt zu sein scheint ist unter anderem die Deflektorentechnik."

Der Gesichtsausdruck des ersten Offiziers der ENTERPRISE erstarrte.

"Das Pegasus-Projekt!"