Zwischenbericht -Laura Banks
2. Von Sternenreisen und Fahrstuhlfahrten... Die BOUNTY war ein Schiff eines fremden Universums. Lediglich der Arkonide Atlan und der Klingone Worf hatten den Raumer im Flug erlebt. Beide hatten sehr zweifelhafte Berichte über den Schiffszustand abgeliefert. Auch der Androide Data war bereits an Bord gewesen und er war auch jetzt hier. Allerdings hatte er den letzten Flug nicht bewußt erlebt. Er hatte sich selbst deaktiviert um der zerstörerischen Wirkung des Transschocks auf der Freihandelswelt Qhaarim IV zu entgehen. Nun stand er neben der Rampe des etwa 20 Meter langen Schiffes. Sein Blick wanderte mit ausdrucksloser Miene über die unregelmäßige Außenhülle. Wenn man sich den Raumer aus größerer Entfernung betrachtete, hatte er wohl die Grundform eines flachgedrückten Eis mit an der Unterseite angebrachten Deltaflügeln und vier tonnenförmigen Antriebsaggregaten am Heck. Datas Berechnungen ergaben einen Aerodynamikwert, der das Schiff auch für einen nicht durch Antigravprojektoren gestützten Atmosphärenflug prädestinierten. Allerdings war das eine Analyse, die auf der angenommenen Grundstruktur des Schiffes beruhte. Data hatte das Schiff einmal umrundet und hatte dabei 69 Hüllenmodifizierungen und 152 Oberflächenreparaturen erkannt. Eigentlich, so nahm Data an, waren von der ursprünglichen Oberflächenlegierung nur noch 10 Prozent vorhanden. Der Androide schätzte das Alter des Schiffes auf mindestens 80 Jahre. Data legte eine Hand an die Rumpffläche direkt neben dem Schott. Unbewußt legte er den Kopf leicht schief und verharrte in dieser Stellung. In diesem Moment trat Laura Banks aus dem Schiff auf die Rampe. Sie trug ein kugelförmiges Aggregatteil auf der rechten Schulter aus dem unzählige bunte Kabel hingen. Die selbsternannte Piratin verharrte in der Bewegung als sie Data bemerkte. "Was machen Sie da? "Ich habe auf dieser Hülle bereits sieben differierende Titanlegierungen festgestellt. Die Hüllenintegrität dürfte diese Tatsache höchst abträglich sein." Laura Banks musterte ihn mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck. "Alleine durch Handauflegen haben Sie das festgestellt?" Sie schüttelte den Kopf. "Das ist gut. Dann versuchen Sie doch einmal mit ihren goldenen Händchen diesen Sensorblock zu reparieren." Sie wuchtete sich den kugelförmigen Aggregatblock von der Schulter und warf ihn Data direkt in die Arme. Dieser reagierte mit der ihm gewohnten Geschwindigkeit und fing das über dreißig Kilo schwere Gerät auf. Sein Körper schwankte dabei nicht um einen Millimeter. Er drehte es kurz in den Händen. Dann schüttelte er mit abschätzender Mine den Kopf. "Ich könnte es versuchen. Allerdings ist der Einsatz eines Trikorders sicherlich eine bessere Option." Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und ging zu einem Diagnosepult am Rand der Hangarhalle. Laura wollte die aus purem Sarkasmus geborene Aufforderung zurücknehmen und das Bauteil zurückfordern als sich das Hangartor zischend öffnete und Reginald Bull mit Lieutenant Commander Geordie LaForge die Halle betrat. Bull und der Cheftechniker der ENTERPRISE diskutierten heftig miteinander und nahmen ihre Umwelt dabei kaum wahr. Stumm blickte Laura Reginald Bull entgegen. Sie konnte ihre Gefühle nicht genau beschreiben, aber ihr war bewußt, daß sie in seiner Gegenwart viel von ihrer inneren Unruhe und Verbissenheit ablegen konnte. Sie hatte sich ihm tatsächlich geöffnet, sie hatte geweint in seiner Gegenwart und damit hatte sie etwas getan, wovon sie gedacht hatte, daß sie dazu nicht mehr fähig war. Durch diese neue Erkenntnis war sie gewachsen. Sie hatte etwas gewonnen, das sie längst verloren geglaubt hatte: Hoffnung; nicht für sich, auch nicht für ihre bevorstehende Mission, sondern Hoffnung für die gesamte Menschheit. Diese neue Hoffnung in ihr würde ihr zukünftiges Handeln entscheidend bestimmen. Laura Banks hatte sich dazu entschlossen diese Hoffnung in ihre Galaxis hinauszutragen - zu all den Menschen dort draußen. Dieses Schiff, die ENTERPRISE, dessen Technik ihr in vielen Bereichen so rückständig schien, konnte zu einem Symbol einer neuen Zeit werden, denn es beherbergte Menschen aus Universen, die so völlig anders waren. Sie war zwar nicht bereit es offen zu zeigen, doch in ihr loderte ein neu entfachtes Feuer, geboren aus einer immer dagewesenen Glut, an einem Ort in ihr, wo sie nur noch Asche vermutet hatte. Diese Emotion, und all die neuen Gefühle, die damit verbunden waren, hatte sie diesem Unsterblichen aus einer fremden Galaxis zu verdanken. Als Reginald Bull sie bemerkte lächelte er ihr zu, während ihm Geordie LaForge versuchte die Schwierigkeiten der theoretischen Anwendung einer Hypertroptechnologie auf die Energieverteiler der ENTERPRISE zu vermitteln. Laura Banks musterte Reginald Bull mit ungeschminktem Interesse. Ihr wurde klar, das sie sich über die Herkunft der Narben in seinem Gesicht mehr Gedanken zu machen begann, als um die Flugbereitschaft ihres Schiffes. "...Miss Banks?" Erschrocken fuhr sie aus ihren Gedanken hoch, und blickte in das Gesicht Datas, der neben ihr stand und ihr das Aggregatteil entgegenhielt. "Ist alles in Ordnung?" fragte der Androide mit entwaffnender Besorgnis. Sofort hatte sie sich wieder unter Kontrolle. "Ja, natürlich", erwiderte sie verärgert und nahm ihm das Aggregat mit einer schroffen Bewegung aus den Händen. Bull und LaForge hatten die Rampe inzwischen erreicht. "Wann können wir starten", fragte der Cheftechniker der ENTERPRISE. Die Anspannung in seinem Gesicht war nicht zu übersehen. Ihm schien immer klarer zu werden, daß sein Schiff, das er noch vor kurzer Zeit für ein hochstehendes Produkt moderner Raumschiffstechnologie gehalten hatte, hinter der Technolgie dieses und auch des Universums Reginald Bulls weit zurücklag. "Ich denke in einer Stunde sind wir startklar." "Ich helfe ihnen", sagte Bull schnell. LaForge blickte Laura Banks und Reginald Bull nach, wie sie im Innern der BOUNTY verschwanden. Seine Gedanken schweiften ab und er schüttelte unbewußt den Kopf. Eine Geste, die er in den letzten Stunden immer öfter vollzogen hatte. "Geordie?" Der Cheftechniker blickte in das fragende Gesicht Datas. Abermals schüttelte er den Kopf und schritt Dann an Datas Seite den Rumpf des Schiffes ab. "Knapp einhundertundfünfzig Lichtjahre, Data", sagte er ohne den Blick von der Außenhülle der Bounty abzuwenden. "In nicht einmal drei Stunden. Wissen Sie wie lange die ENTERPRISE für diese Strecke benötigen wird?" Es war eine rhetorische Frage gewesen. Natürlich beantwortete Data sie trotzdem. "Nach bekannter Entfernungsangabe benötigen wir bei Maximum-Warp genau neunundzwanzig Tage, vier Stunden, zweiundreißig Minuten und elf Sekunden." Jetzt blickte LaForge den Androiden direkt an. Er sagte nichts und Data wertete es als Aufforderung fortzufahren. Dieser zog die Augenbrauen hoch und bediente sich zudem der menschlichen Geste des Achselzuckens. "Eine lange Reise." Geordie LaForge nickte mit sorgenvoller Miene. "Allerdings, Data. Allerdings." * Atlan wischte sich mit einem Handtuch den Schweiß aus dem Nacken, während er hinter Lieutenant Worf herlief.
"Das war sehr interessant, Mister Worf."
Endlich erreichte er den Sicherheitschef der ENTERPRISE und paßte seine Schritte dem schnellen Gang des Klingonen an. Dieser schenkte ihm einen kurzen Seitenblick und Atlan glaubte ein kurzes Zucken in den Mundwinkeln gesehen zu haben, das man eventuell als Lächeln interpretieren konnte.
"In der Tat, die Dagortechnik ist eine bemerkenswerte Lehre."
Sie hatten die Tür zu Worfs Offizierskabine erreicht. Beide trugen weiße Sportkleidung, doch im Gegensatz zu dem Arkoniden, schien der Klingone keine einzige Schweißperle vergossen zu haben. Obwohl sie über eine Stunde in einem der Sportsäle des Schiffs ihre Kampftechniken aneinander erprobt hatten. Atlan hatte Worf herausgefordert. Der Arkonide hatte von der Dagortechnik erzählt. Er hatte die legendäre waffenlose Kampfkunst der Arkoniden vor dem Klingonen ausgebreitet. Er hatte von der tiefen, damit untrennbar verbundenen Philosophie berichtet, er hatte von Dagor-Zhy erzählt, dem Ringen um das allesbestimmende übersinnliche Feuer. Atlan hatte von den Dagoristas, dem Arkon-Rittertum, durchdrungen von der Dagorphilosophie, erzählt; und der Klingone hatte stumm, mit einem wilden Feuer in den Augen zugehört. Und schließlich war es zu einer Kampfprobe gekommen. Zwei Kampftechniken aus unterschiedlichen Universen waren aufeinandergeprallt und dabei hatten beide festgestellt, daß der philosophische Hintergrund beider Techniken gar nicht so verschieden war. Worf hatte das ebenso erkannt wie Atlan.
"Wir sollten diesen Austausch gelegentlich wiederholen", sagte Atlan, als die Tür zu Worfs Kabine zischend auffuhr.
Der Klingonen blickte ihn an. Atlan schien in diesen stolzen Blicken etwas von früheren Kampfgefährten wiederzufinden, die ihn durch die vielen Jahrtausende immer wieder begleitet hatten.
"Dem steht nichts im Wege."
Mit diesen Worten verabschiedete sich Worf und ließ Atlan alleine auf dem Gang zurück. Der Arkonide blickte auf seinen Armbandchronometer, den man ihm, ebenso wie seinen Begleitern, inzwischen zurückgegeben hatte. Es war kurz nach 23 Uhr Bordzeit. Vor zwei Stunden war die BOUNTY gestartet. Schon bald würde sie die Rebellenbasis erreichen. Mit den Gedanken bei Bully und Gucky betrat er den Turbolift am Ende des Ganges und teilte dem Computer des sechs Decks tiefer gelegene Ziel mit, wo sich seine Kabine befand. Mit einer leisen Signalfolge bestätigte die Elektronik und der Lift setzte sich in Bewegung. Doch nur ein Deck tiefer hielt er bereits wieder an. Ein hochgewachsener Offizier im Rot der Führungsoffiziere betrat den Lift und stellte sich stumm neben ihn. Atlan beachtete ihn nicht weiter. Über tausend Menschen waren an Bord dieses Schiffes. Wie lange würde er wohl hier sein? Lange genug um sie alle kennenzulernen?
"Und? Haben Sie sich schon etwas eingelebt, Mister Atlan?"
Atlan bejahte die unerwartete Frage. Erst jetzt viel dem Arkoniden auf, das der Offizier etwas nervös von einem Bein auf das andere trat. Sein Blick war starr nach vorne gegen die Lifttür gerichtet.
Atlan registrierte es jedoch nur am Rande. Sie waren noch vor nicht einmal einer Woche hier in diesem fremden Universum gestrandet. Sie waren umgeben von fremden, feindlich gesinnten Mächten. Da war eine gewisse Anspannung nichts Ungewöhnliches.
"Naja, Picard bringt uns schon wieder nach hause", begann der Mann erneut ein Gespräch, dabei blickte er weiterhin gegen die Tür vor sich.
"Unser guter alter Jean-Luc hat zwar die vortreffliche Eigenschaft seine Crew in schwierige Situationen zu bringen, aber bisher hat er sie auch alle gemeistert."
Nun hatte der Fremde Atlans Interesse vollends geweckt. Der Arkonide hatte sich inzwischen bereits mit vielen Crewmitgliedern unterhalten, aber kein einziger, nicht einmal Commander Riker hatte auf diese Art über den Captain Picard gesprochen. Irgendetwas stimmte mit dem Mann nicht. Stand er kurz vor einem Nervenzusammenbruch? Den Eindruck machte er auf Atlan eigentlich nicht. Er wirkte zwar angespannt, aber seine Stimme klang fest, nicht ängstlich, sondern vielmehr ärgerlich.
In diesem Moment stoppte der Lift und der Mann verließ bereits ein Deck tiefer den Fahrstuhl. Am Vorbeigehen des Offiziers fielen dem Arkoniden unvermittelt die vier kleinen goldenen Rangabzeichen am Kragen der Uniform auf, die einen Captain-Rang symbolisierten.. Er hatte sie vorher gar nicht bemerkt. Schnell griff er mit der Hand in die Tür, die sich bereits wieder schließen wollte.
"Captain?", rief er dem Mann hinterher, der bereits einige Schritte in den Gang hinausgetreten war. Doch als der Fremde sich umdrehte war da nur ein einziges Rangabzeichen am Kragen. Konnte er sich so getäuscht haben? Er nahm die Hand von der Tür und winkte entschuldigend ab. In diesem Moment fiel ihm ein, daß er doch zumindest nach dem Namen des seltsamen Mannes hätte fragen können, doch die Türen hatten sich bereits geschlossen und der Lift war weitergefahren. Ein nachdenklicher Arkonide verließ mehrere Decks tiefer den Fahrstuhl.