Laura Banks - Auge um Auge
Es hatte in der
Nacht zu schneien begonnen. Als der Morgen graute, verließ ich den Truppentransporter.
Ich zog den Reißverschluß meiner Thermokombination bis zum Kragen hoch und vergrub die
Hände tief in den Taschen. Trotzdem kroch die Kälte des Morgens langsam meinen Körper
hoch.
Ich ging einige
Schritte und setzte mich dann auf einen nahen Schutthaufen aus Stahl und Mauerwerk, der
immer noch eine gewisse Restwärme ausstrahlte und den Schnee zum Schmelzen gebracht
hatte.
Die aufgehende Sonne
warf lange Schlagschatten durch die Ruinen der Stadt über die sich nun ein weißes Tuch
gelegt hatte. Der Schnee begann nach und nach alles zuzudecken, die endlosen Ruinen, die
aufgerissen Straßen und die Toten.
Ich beobachtete die
letzten Schneeflocken, die vom Himmel fielen und die Umgebung gnädig bedeckten. Durch den
weißen Schnee erhielt die Szenerie etwas Unschuldiges, etwas Reines - etwas Friedliches.
Ich sog diese
Eindrücke in der morgendlichen Stille in mich auf; wollte etwas von dem Frieden mit mir
nehmen - in die Welt jenseits dieser Szene, in das Morgen jenes unschuldigen Augenblicks.
Aber ich konnte es
nicht.
Wenn ich die Augen
schloß, sah ich den Vorabend dieses jungen Tages, sah die Flammen und hörte die Schreie.
Ich spürte wie ich
stärker zitterte, doch es lag nicht an der Kälte das Morgens.
Wir hatten gesiegt.
Doch wenn ich auf die Ruinen der Stadt blickte wurde mir klar, daß wir doch eigentlich
verloren hatten.
Wir waren mit soviel
Wut und so unendlich vielen Träumen in diese Schlacht gezogen. Wie ein Magnetsturm waren
wir über die samsonischen Besatzer hereingebrochen. Wir hatten ihre Schiffe aus dem Orbit
gefegt und mit den Bodentruppen jeden einzelnen der verhaßten Feinde vernichtet.
Ich war an
vorderster Front gestanden. Nichts hätte mich davon abhalten können. Beseelt von dem
einzigen Gedanken es ihnen endlich heimzuzahlen, all die Wunden und Tränen ein für
allemal zu vergelten. Dieses mal waren wir es die Angriffen und uns nicht nur
verteidigten.
Ich hatte getötet.
Das erste mal war ich dem Gegner Auge in Auge gegenüber gestanden und hatte mit aller
Kraft und Leidenschaft, zu der ich noch fähig war, getötet. Ich hatte nichts mehr
wahrgenommen außer dem Wunsch endlich zurückzuschlagen, zu kämpfen für mich und alles
was mir etwas bedeutete. Ich wollte der Ungerechtigkeit endlich einmal ins Gesicht
schlagen.
Ich hatte nichts
empfunden dabei, und jetzt, als ich auf diesem Trümmerhaufen in einer toten Stadt saß,
kamen die Empfindungen und Gefühle langsam zurück. Ich begann in mich hineinzuhören und
fand nichts weiter als eine bleierne Leere. Ich empfand keine Genugtuung und keine
Erleichterung.
Es war vorbei. Wir
gehörten zur Nachhut, die die letzten überlebenden Akonen aufsammeln würden. Wir hatten
dem Verbündeten beigestanden und die Besatzer vertrieben. Doch was hatte es uns gebracht.
Die Städte Akons lagen in Schutt und Asche. Wir hatten zwar die Akonen befreit und so ein
neues Potenzial an Personal und Schiffen für uns gewonnen, doch der schreckliche
Nachgeschmack der erneuten Vertreibung blieb.
Jedem war klar, dass
wir auf Dauer keinen Planeten halten konnten. Die strategische Übermacht des Gegners war
nachwievor ungebrochen. Wir waren seit dem Fall von Sondulan III Nomaden des Weltraums.
Nie würden wir auf einem Planeten Frieden finden - nicht solange es Samsala gab.
Ich beobachtete die
letzten Schneeflocken, die auf die Ruinen des Planeten Drorah niederfielen.
An diesem Tag nach
der Schlacht um Akon lernte ich was wirkliche Verzweiflung bedeutete.
3. NachtschichtEinen halben Standardtag war es nun her, seit die
PHÖNIX von der ENTERPRISE gestartet war.
Das Licht auf der
Brücke des Föderationsraumschiffes war etwas heruntergedimmt. Es war Nachtschicht.
Lieutenant Commander
Deanna Troi saß im Sessel des Captains und blickte auf den Hautschirm, auf dem die fernen
Sterne dieses fremden Universums vorbeizogen.
Commander Data, der
normalerweise das Kommando in der Nachtschicht hatte, mußte jetzt bereits auf der Basis
der Rebellen eingetroffen sein. Deanna hatte sich freiwillig für den Ersatzdienst
gemeldet. Schlaf hätte sie in diesem Nachtzyklus sowieso nicht gefunden. Zu viele
Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Als Schiffscouncelor hatte sie in diesen Tagen alle
Hände voll zu tun. Wesentlich mehr Besatzungsmitglieder als gewöhnlich suchten ihren
Rat. Die Situation war außergewöhnlich. Der Druck auf jeden einzelnen an Bord wuchs.
Keiner konnte es einfach so wegstecken in einem feindlichen. fremden Universum gestrandet
zu sein. Die Zukunft eines jeden Crewmitglieds war ungewiß. Es war gut möglich das die
ENTERPRISE zwischen den Fronten dieses Krieges untergehen würde. Ebenso war es möglich
das sie alle überlebten, jedoch nie wieder in das heimatliche Universum zurückfinden
konnten. Die Perspektiven, die die Frauen und Männer an Bord sahen, waren nicht gut, und
das würde sich in mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Moralverlust niederschlagen.
Ihre Aufgabe als Councelor war es den Streßfaktor unter der Crew niedrig zu halten.
Hinzu kam, daß sie
als Empathin die Gefühle der Crew körperlich spürte und es fiel ihr nicht immer leicht
damit fertig zu werden. Auch jetzt fühlte sie die Besatzung der ENTERPRISE. Sie schloß
die Augen, lehnte sich im Sessel zurück und versuchte sich zu entspannen. Im selben
Moment spürte sie einen vertrauten Impuls, den sie zunächst nicht zuordnen konnte, der
jedoch alarmierend aus ihrem Unterbewußtsein aufstieg.
Verwirrt öffnete
Sie die Augen und blickte in William T. Rikers Gesicht. Der Wind wehte durch sein kurzes
Haar und er blinzelte mehrmals. Sie standen an der Steilküste, an dem Ort, an den sie
schon so oft gegangen waren. Das sonst so milde Klima auf Betazed war heute rauh und wild.
Sie hörte die schweren Brecher der Wellen tief unter sich, die ungestüm gegen die
Klippen schlugen.
"Fähnrich,
unter Warp gehen..."
Sie hörte sich die
Worte sagen doch sie begriff sie nicht. Sie blickte in des Gesicht Rikers, sah sein
Lächeln, in das sie sich verliebt hatte und dachte an ihre gestrige erste gemeinsame
Nacht. Sie liebte, und sie begriff diesen Moment als einen der wichtigsten ihres Lebens.
Ein schon vergessen geglaubtes Wohlgefühl stellte sich ein, das ihren Körper bis in die
letzte Faser durchzog.
Riker zog sie an
sich und sie spürte die Wärme seines Körpers während die Windböen an ihrem Kleid
zerrten. Gleich würde sie ihren weißen Seidenschal verlieren und sie würde sehen, wie
er vom Wind getragen auf das Meer hinausgeweht wird um dann in den wogenden Wellen zu
landen. Sie und Riker würden das zum Anlaß nehmen um in die Wärme des Bungalows
zurückzukehren und sich erneut zu lieben.
Für einen Moment
war da in ihrem Unterbewußtsein die Frage, wie sie wissen konnte was gleich geschehen
würde. Doch der Gedanke wurde mit dem Schal davon geweht, der sich gelöst hatte...
"Schiff geht
unter Warp", sagte der Fähnrich am Steuerpult mit emotionsloser Stimme. Er blickte
auf das neugeborene Kind, das ihm die Ärztin in die Arme gelegt hatte. Sein Sohn schrie
und zappelte in seinen Armen. Er war so glücklich in diesem Moment. Er blickte in die
wasserblauen Augen seines Kindes, die so sehr den Augen der Mutter glichen. Er sah nicht
mehr die Konsole vor sich, sah nicht die sprunghaft ansteigende Gravitationsvektoranzeige
und sah nicht die riesige Kugel des Planeten, in dessen Orbit die ENTERPRISE langsam
hineingezogen wurde.
Es war Still
geworden auf der Brücke der ENTERPRISE. Die Offiziere hingen schlaff in ihren Sitzen, die
Blicke in die Ferne gerichtet und mit einem Lächeln auf den Lippen begannen sie ihren
Traum zu träumen...
*
Das Dröhnen in seinem Schädel wurde stärker.
Ächzend erreichte er den Turbolift. Ihm war nicht bewußt, daß er die letzten Meter nur
noch getaumelt war. Seine Umgebung verschwamm unter den Schmerzen zu einer
schlierendurchzogenen Umwelt, die er mehr ertastete als das er sie mit seinen Augen
erkannte.
"Brücke",
hörte er sich sagen. Seine Stimme schien ihm dabei unsagbar fremd. Das akustische
Bestätigungssignal des Computers schien in seinem Kopf zu explodieren und ließ ihn
stöhnend gegen die Rückwand des Lifts sinken.
Er mußte seine
Sinne beisammen halten, um dem plötzlichen mentalen Angriff, und als solchen hatte er
seinen Zustand sofort erkannt, entgegen wirken zu können.
Perry Rhodan war
mentalstabilisiert; so wie alle Unsterblichen und wichtigen Entscheidungsträger.
Mentalstabilisierung bedeutete nicht mehr und nicht weniger als einen geistigen Block
gegen äußere Beeinflussung durch technische oder psionische Kräfte. In den meisten
Fällen war es ein wirksamer Schutz und für Menschen, die nicht selten das Schicksal von
Milliarden bestimmten unerläßlich. In diesem Fall jedoch schien es nur ein schmerzliches
Hinauszögern einer unabwendbaren Niederlage zu bewirken.
Er spürte das
leichte Vibrieren der Liftbewegung und es erschien ihm wie ein Fieberanfall, der seinen
Körper durchschüttelte. Deutlich konnte er dabei das Pulsieren seines in die Schulter
implantierten Zellaktivators fühlen. Nur am Rande wurde ihm dabei klar das er nicht nur
mentalen, sondern auch körperlichen Schaden nahm.
Zischend öffnete
sich der Lift auf Deck eins und er torkelte auf die Brücke der ENTERPRISE.
...Der frische,
heiße Wind wehte ihm ins Gesicht...
Nur verschwommen
nahm er die Körper der Brückenoffiziere wahr, die reglos in ihren Sitzen hingen oder auf
dem Boden lagen.
...Es löste sich
nur schwer von seiner Schulter...
"Picard",
schrie er ohne zu realisieren, das es nur ein leises Wimmern gewesen war.
...Er blickte in den
blauen Himmel. Tief sog er die klare Luft ein, und blickte auf die Stoffteile in seiner
rechten Hand...
"Was ist?"
Er sank auf die
Knie. Sein Aktivatorchip schien in seiner Schulter mit stakkatoartigen Impulsen das Unheil
von ihm abwenden zu wollen
"Perry. Was ist
los?"
Wie Wellen
durchpflügten die Impulse seinen Körper und schlugen sich wie eine wilde Brandung in
seinem Gehirn tot.
"Perry?"
...Er griff sich
unbewußt an sein Schulterblatt und begann eine Stelle zu massieren, bis das seltsame
Jucken verschwunden war. Erneut blickte er auf die beiden Stoffteile in seiner Hand.
Sie waren für ihn
Symbole einer abgeschlossenen Zeit. Es war wie das Zuklappen eines Buches; so würde er
einmal auf die Frage danach Antworten - in einigen tausend Jahren.
Er schloss die
Augen. Was dachte er denn da. Als er sie öffnete. Blickte er wieder in die glühende
Wüste hinaus. Leise konnte er das Plätschern der Wellen am Ufer des Goshun-Sees hören.
Der Wind strich ihm sanft über das heiße Gesicht.
"Perry? Was ist
los?" hörte er erneut die Frage Reginald Bulls, der im Schott der STARDUST
aufgetaucht war.
"Nichts. Alles
klar, Dicker."
Bull zuckte mit den
Schultern und verschwand wieder im Schiff.
"Alles
klar", murmelte er erneut und hörte dabei in sich hinein, als würde er dort eine
Bestätigung für die eigene Aussage finden können - eine Bestätigung, die er aus
irgendeinem Grund benötigt hätte.
Er schüttelte den
Kopf als könne er so die wirren Gedanken verscheuchen. Abermals wanderte sein Blick zu
den Rangabzeichen in seiner Hand, die er eben selbst von den Schultern seiner Uniform
gelöst hatte.
Perry Rhodan hatte soeben seinen
Abschied von der US Space-Force genommen.