Leuchtfeuer
Der Zustand war erreicht. Nichtdenken. Leere. Das einzige Konzept gegen Schmerz und Verzweiflung. Das einzige Konzept, das den Weg der Evolution ausschloß. Da war einmal eine Ahnung von einer Weiterentwicklung gewesen durch ein Schärfen der Sinne, durch Weiterdenken. Doch dann war die Erkenntnis des Unvermögens erfolgt, die Aggressivität, der Hass, das ganze negative Potenzial das Nährboden gewesen war, Entwicklungshelfer der jetzigen Existenz, war nun die Barriere vor der es nur bedingungsloses Zurückweichen gab.
Sackgasse. Nichtdenken. Leere. Stille in Raum und Zeit.
Dann das Licht. Grell und verführerisch. Unwiderstehlich. Fordernd. Gleißende Risse in die schwarze Leere brechend.
Ein Schiff. Unglaublich langsam treibt es geradezu an seinem Ereignishorizont vorbei. Es ist so neu, so fremd, voller frischem ungekanntem Leben. Ein elementarer Instinkt läßt danach greifen. Holt zurück in die Zeit, irgendwo in der ersten Hälfte der Evolution des Universums, die bereits so oft passiert wurde ohne dieses Licht zu erfahren. Der Heißhunger des Fremden übermannt geradezu. Zwei Universen, fokussiert auf einen Ort - die letzte Grenze. Eintauchen in die Welten jenseits dieser Grenze.
5. Traumzeit
Jeder Atemzug brannte in seiner Kehle. Seine Bewegungen waren gleichmäßig und mechanisch. Schweiß rann ihm immer wieder in die Augen.
Eine erneute Steigung folgte, die er abermals im Laufschritt nahm. Er musste sich nicht mehr darauf konzentrieren, seinen Atem regelmäßig und flach zu halten. Er tat dies jetzt seit über einer Stunde. Ein Blick auf seine Armbandanzeige sagte ihm das er noch sechzig Prozent seiner Atemluft zur Verfügung hatte - ein guter Wert.
Er hatte die Anhöhe erreicht und rutschte mehr als er lief den Hügel wieder hinunter. Der rote Sand stob unter seinen Füßen hoch und nahm ihm in der dünnen lebensfeindlichen Atmosphäre des Mars kurz die Sicht.
Im Helm hörte er jeden seiner Atemzüge wie schmerzvolle Windböen als dominierendes Geräusch.
Wäre er jetzt stehen geblieben und hätte sich entspannt, dann hätte er langsam wahrgenommen, wie seine Füße, sein ganzer Körper schmerzte. Doch das tat er nicht. Der Lauf war nicht in erster Linie eine physische Herausforderung, sondern vor allem ein Kampf der Psyche. Der Wille immer aufs neue einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Kraft nicht aufzugeben, ein sich gestecktes Ziel zu erreichen - das war immer ein wichtiger Aspekt seines Lebens gewesen.
Er wollte den Rekord brechen. Erneut las er die Zeit von seinem Armbanddisplay ab. Er musste den Staub des Marsbodens, den er aufgewirbelt hatte, erst abwischen. Doch er wusste bereits vorher was er lesen würde. Er hatte noch gut eine Stunde Lauf vor sich. Viel konnte geschehen. Doch er wusste das er den Rekord einstellen würde. Er würde als jüngster Kadett der Raumakademie der Sternenflotte in die Geschichte eingehen, der den Lauf der Marsmeisterschaften in dieser Zeit geschafft hatte. Der Gedanke war weder als eine Vorahnung, noch bloße Hoffnung in ihm; es war Gewissheit.
Er wusste das alles als er die Basis des Hügels erreicht hatte und nun zwischen zwei Anhöhen hindurchlief, die als rote Sanddünen zu beiden Seiten über vier Meter aufragten.
Ein Vogel zwitscherte. Er blickte abwechselnd in die Büsche zu beiden Seiten der Allee, die er langsam durchschritt.
Die frische, klare Luft, die er in die Lungen sog, die jede Pore seines Körpers zu liebkosen schienen, war für einen kurzen Moment wie ein Schock. Aber nur für einen sehr kurzen Moment.
Die Marsmeisterschaften wurden zu einem verwehenden Gedanken. Jean-Luc Picard wollte sich die schweißnassen Haare in einer letzten Reaktion aus der Stirn wischen und fuhr sich über den kahlen Schädel, auf den die Sonne Frankreichs brannte.
Seit 20 Jahren war er nicht mehr hier gewesen, aber war dieser letzte Besuch nicht kurz nach den Marsmeisterschaften gewesen. Sein Kopf begann zu schmerzen.
Er hörte ein rascheln zwischen den Büschen.
"Okay. Wer immer du bist, ich höre dich..."
Seine eigene Stimme klang wie die eines Fremden in ihm nach. Er schluckte. Gleich würde er das erste mal seinen Neffen Renè sehen, obwohl er nicht wissen konnte, wer sich in den Büschen nahe seines Heimatdorfs verbarg. Eine tiefe Zuneigung verband ihn mit dem Sohn seines Bruders Robert. Aber er kannte ihn doch noch gar nicht. Die Kopfschmerzen wurden stärker.
Sie waren bereits stärker als vor wenigen Tagen, als er aus dem Borgkollektiv befreit worden war.
...Widerstand ist zwecklos, Nummer Eins...
Er befand sich in der Rekonvaleszenzphase nach einer körperlichen und geistigen Vergewaltigung durch die Borg, die ihn als Werkzeug gegen die Menschheit missbraucht hatten. Nun war er auf dem Weg zu seinen Wurzeln, dem französischen Weingut seiner Eltern. Hier war er aufgewachsen. Hier erhoffte er sich Antworten, auch wenn er sich das noch nicht eingestand. Sie hatten ihm seinen Willen und seine Persönlichkeit gestohlen. Er war zu einem Werkzeug des Aggressors geworden, und er hatte nichts dagegen tun können.
...Ich war nicht gut genug...
Er weinte als er die Worte hervorstieß. Der starke, heroische Captain der ENTERPRISE weinte wie ein kleines, hilfloses Kind. Plötzlich lag er im Schlamm zwischen Weinstöcken. Sein Bruder Robert, mit dem er sich gerade geschlagen hatte, lag ihm gegenüber. Gleich würde er sagen...
"Krimineller, schuldig oder nicht schuldig?!"
Picard fuhr herum. Er blickte in das Gesicht Q’s, der auf seinem Thron vor ihm schwebte. Das zustimmende, hasserfüllte Gegröle der Zuschauer im Gerichtssaal des Superwesens schmerzte in seinen Ohren.
"Schuldig", hörte er sich sagen, "unter Vorbehalt."
Er war mit seiner Crew auf dem Weg nach FARPOINT STATION. Sein erster Flug mit der ENTERPRISE gestaltete sich gleich als entscheidungsträchtige Mission für die ganze Menschheit. Vielleicht sogar kritischer als der Moment als die Borg mit ihm an Bord ihres Kubus vor kurzem die Erde erreicht hatten. Nein. Das war noch gar nicht geschehen.
Ihm schwindelte, seine Kopfschmerzen wurden unerträglich.
Er wandte sich vom Hauptschirm ab. Er blickte hoch zu Tasha Yar am Kommandopult des Sicherheitsoffiziers. Gleich würde er an Riker den Befehl geben und er würde dann mit Tasha Yar, Beverly Crusher und Data auf den Planeten hinunterbeamen. Dort unten lag Deanna Troi und ein Pilot in einem havarierten Shuttle und benötigte Hilfe. Die Prozedur war klar. Er wusste was er zu tun hatte und er würde es tun - und damit das Todesurteil über Tasha Yar sprechen. Sie würde diesen Außeneinsatz nicht überleben. Er wusste das.
"Nummer Eins..."
Nein. Es musste anders laufen können...
"...Außenteam..."
Diese Kopfschmerzen! Was war nur geschehen? Was geschah nur mit ihm?
Ich war nicht gut genug. Ich bin nicht gut genug!
"Ich muss zugeben, dass ich etwas enttäuscht bin, Jean-Luc."
Q stand plötzlich neben Tasha Yar, die Hände auf das Pult gestützt und blickte ihn von oben herab an.
"Ich hätte nicht gedacht das es so mit ihnen endet..."
"...zusammenstellen!"
Er sprach die Worte so aus, wie er es bereits getan hatte. Keine besondere Emotion schwang darin mit, denn es war ein Befehl wie jeder andere in diesem ersten Jahr an Bord der ENTERPRISE. Doch innerlich brach Captain Jean-Luc Picard zusammen.
"Wie viele Lichter sehen Sie? Wie viele Lichter sehen sie?"
Schweiß rann ihm in die Augen. Das Bild vor ihm verschwamm immer wieder. Die Lichter blendeten ihn, brannten in seinen überreizten Augen, in die der Schmerz Tränen getrieben hatte. Halb nackt saß er vor Gul Madred. Ihm war inzwischen klar, dass der einzige Wunsch im Denken des Cardassianers war, ihn zu brechen. Die Mission auf Celtris III war ein kompletter Misserfolg gewesen, denn es hatte sich um eine Falle gehandelt, dessen einziger Zweck es gewesen war den Captain des Flaggschiffs ENTERPRISE habhaft zu werden.
Sie hatten seine Rechte als Kriegsgefangener mit Füßen getreten, sie hatten ihm die Kleider vom Leib gerissen, ihn gefoltert und gedemütigt. Er war am Ende. Wahrscheinlich würde er hier sterben. Die ENTERPRISE war bei einer Schlacht mit den Cardassianern vernichtet worden.
"Wie viele Lichter sehen sie?"
Er starrte auf die vier Lichter, die ihm ins Gesicht brannten, ihn ausbrannten, seinen Geist, seinen Willen zu vernichten drohten.
Gul Madred wollte die falsche Zahl fünf von ihm hören; nicht weil er nicht zählen konnte, sondern weil er ihn brechen wollte.
"Na Jean-Luc, wie viele Lichter sehen sie denn nun?"
Picard starrte durch die Lichter hindurch Q an, der an die Wand hinter dem Cardassianer gelehnt stand und die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
"Wie viele Lichter? Sie hatten doch über ein Jahr Zeit über die Antwort nachzudenken. Oder glauben sie tatsächlich hier zu sitzen. Wollen sie mir wirklich weiß machen, sie schaffen es nicht hinter diese Charade zu blicken?!"
Q stieß sich von der Wand ab und kam an den Tisch, hinter dem der Cardassianer wie eine Statue saß. Die Zeit schien plötzlich eingefroren zu sein. Er stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab und beugte sich zu Picard herüber.
"Schwache Leistung, Jean-Luc. Es fällt mir etwas schwer es zuzugeben, aber ich hätte mir wirklich mehr von ihnen erwartet.
Die Erde, Frankreich, der Mars, Celtris III, mein Gerichtshof, unser ganzes Universum - was haben diese Dinge gemeinsam."
Picard schüttelte kraftlos den schmerzenden Kopf. Er konnte nicht mehr - wollte nicht mehr denken.
"Nun? Picard? Was haben sie gemeinsam? Das ist die große Preisfrage. Die Antwort ist lächerlich einfach und der Preis ist ihr kleiner, minderbemittelter Verstand! Also?"
Picard schloss die Augen. Die vier Lichter erloschen. Der Zusammenhang. Die Gemeinsamkeit. Vertrautheit. Warum? Weil er die Zukunft kannte. Er hatte zu jeder Zeit gewusst was geschehen würde. Warum? Weil es seine Vergangenheit war. Weil es bereits alles Erlebtes war. Das war die Gemeinsamkeit. Captain Jean-Luc Picard öffnete die Augen und erwachte.
*
Er stand an dem Grab, doch er sah es nicht wirklich vor sich. Seine Gesichtszüge waren eingefroren zwischen Raum und Zeit. Er hatte die Unsterblichkeit errungen und hasste sich dafür. Es waren für ihn untypische, egoistische Gedanken, doch das war ihm in diesem Moment egal. Die Menschen um ihn waren ihm egal, die unzähligen Kameraaugen, die auf ihn gerichtet waren und in diesem Moment Geschichte schufen, waren ihm egal, Terra, Arkon, die Milchstraße, ja das ganze Universum wurde zu einem blassen Bild neben der strahlenden Glut seines Schmerzes.
Er hatte geliebt. Er hatte mit dieser Liebe Grenzen gesprengt - innere Grenzen und die Grenzen zweier galaktischer Imperien. Er hatte erfahren wie die Wunder des Universums vor dem Anblick des Menschen, den man liebte zu einem unbedeutenden Nichts verblassen konnten. Und mit einem grausamen Schicksalsschlag war alles zu ende. Thora war Tod.
Nun stand er hier an ihrem Grab auf dem irdischen Mond, fühlte sich wie ein kleiner hilfloser Junge, fühlte sich alleine. Neben ihm stand sein Sohn. Sein Sohn, der ihn hasste, wie kein anderes Wesen in diesem Universum.
Perry Rhodan würde ihm jetzt gleich die Hand zur Versöhnung reichen. Er würde seinen Sohn ansehen und nur Hass und Kälte in diesen halbarkonidischen Augen lesen. Und plötzlich hatte er Angst davor. Eine furchtbare, beklemmende Angst, denn er ahnte nicht, er wusste, was geschehen würde.
Instinktiv, ohne selbst zu bemerken das er es tat, fasste er erneut nach hinten um sich mit dem Handrücken das Schulterblatt zu massieren. Er tat dies hier im Mausoleum, das zu Ehren von Thora Rhodan, dem Guten Geist des Solaren Imperiums auf dem Mond errichtet worden war. Er tat es hier ebenso, wie er es vor Sekunden am Goshun-See in der Wüste Gobi getan hatte, kurz nachdem sie von ihrem ersten Mondflug zurückgekehrt waren und dort den Außerirdischen Crest und diese hochnäsige Arkoniden Thora das erste mal getroffen hatten.
Unter seinem Schulterplatt pochte es förmlich. Rhodan hatte das Gefühl, das diese Stelle immer heißer wurde.
Thomas Cardif wartete. Der Mann, der sich bis heute geweigert hatte, den Namen seines Vaters anzunehmen, würde diesem in den nächsten Augenblicken den größten Schmerz seines Lebens bereiten und die angebotene Hand des Vaters nicht ergreifen.
In diesem Moment, während er die Stelle seiner Schulter massierte, unter der sich der Unsterblichkeits-Chip von ES verbarg, in diesem Moment, während er in die kalten Augen seines längst verstorbenen Sohnes blickte, in diesem Moment, in dem nichts als Trauer seine Seele erfüllte, in diesem Moment trat Perry Rhodan aus der Szene seiner Vergangenheit heraus. In diesem Augenblick - vielleicht nur Sekunden realer Zeit oder bereits viele Stunden, nachdem er auf der Brücke der ENTERPRISE zusammengebrochen war - griff endlich seine Mentalstabilisierung. Sein Geist durchbrach die Fesseln der Illusion und lies ihn die vermeintlich reale Szene als nicht länger involvierter Beobachter sehen. Stechende Schmerzen stellten sich ein. Sein Aktivatorchip half ihm jedoch mit wohltuenden Impulsen, die seinen Körper durchströmten, seine Seele salbten.
Er schaffte es noch nicht zu erwachen, aber er war nicht länger emotionell an die Szenen seiner Vergangenheit gefesselt. In diesem Moment erkannte er auch die lauernden und zugleich steuernden Impulse in seinem Denken.
"Was ist los, Perry?"
Da war sie wieder, die Frage Reginald Bulls. Die Frage, die er schon in der Wüste Gobi an ihn gerichtet hatte, als da bereits die ersten Zweifel in ihm hochkrochen. Und da waren sie auch jetzt wieder.
Reginald Bull trat nach vorne und blickte ihn forschend an. Sein bester Freund hatte diese Frage damals während der Trauerfeier nicht gestellt und auch nicht zu dem denkwürdigen Zeitpunkt in der Wüste Gobi.
Rhodan wollte antworten. Wollte mit Worten klarstellen, dass er nicht mehr länger Teil dieser Farce war. Er öffnete den Mund und... blickte mit stockendem Atem an dem Giganten empor. Der entsetzte Schrei von Mory Abro klang noch in ihm nach. Eben erst hatte Lordadmiral Atlan den Impulsstrahler sinken lassen, den er instinktiv auf den Riesen in der Schleuse des fremden Schiffes angelegt hatte.
Das vierarmige Wesen war über drei Meter fünfzig groß. Doch Rhodans Frau wich vor dem Giganten keinen Meter zurück. Mit einer Schnelligkeit, die er an ihr liebte, hatte sie ihre Fassung wiedergewonnen und blickte zu dem schwarzhäutigen Riesen hinauf, dessen drei Augen in einem roten Feuer glühten.
"Würden Sie mir erlauben das Landefeld zu betreten? Die Kranken müssen versorgt werden..."
Perry Rhodan blickte zu dem Monster hinauf, der heute einer seiner besten Freunde und Weggefährten war. Er blickte zu Mory Abro hinüber, die sein Zögern wohl nicht erwartet hatte.
"Nein", sagte Rhodan nur. "Ich denke - nein."
Die Zeit schien plötzlich stillzustehen. Sogar der Haluter Icho Tolot, fünfundzwanzig Meter über ihm in seiner Schleuse, schien ein verblüfftes Gesicht aufzusetzen und seiner "Monster"-Rolle nicht mehr gerecht werden zu können. Keiner der Anwesenden rührte sich mehr.
Plötzlich trat Reginald Bull an seine Seite.
"Was ist los mir dir, Perry. Verdammt, hältst Du das für klug."
Perry Rhodan blickte seinen vermeintlich Freund an, der ihn fragend und angespannt anblickte.
"Warum sollte ich?" Perry Rhodan trat einen Schritt nach vorne und drehte sich mit weit ausholenden Armen einmal um seine Achse. Dann trat er direkt vor den Mann, der wie Reginald Bull aussah. "Vielleicht weil es sonst nicht weitergehen kann? Weil Du nur das aus meinem Gehirn herauspressen kannst, das auch in mir ist - was ich auch tatsächlich erlebt habe."
Für einen Moment blickte er in das ihm so vertraute Gesicht Reginald Bulls, von dem er sich nun absolut sicher war, daß er jene Komponente in diesem Traumszenario war, das von außen auf ihn einwirkte. Dieser Reginald Bull vor ihm war der noch unbekannte Aggressor, der dafür verantwortlich war, daß alle an Bord der ENTERPRISE in einen tiefen Schlaf verfallen waren. Dieser imaginäre Mann vor ihm war nicht Reginald Bull und das ließ ihn Rhodan auch mit all seinen Empfindungen spüren. Rhodan war jetzt wieder im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte. Seine Mentalstabilisierung arbeitete jetzt mit höchster Effizienz und sein Zellaktivator, der sich bereits von Beginn dieser ungewöhnlichen Traumreise an bemerkbar gemacht hatte, stabilisierte nun seinen Metabolismus gegen eventuelle Nebenwirkungen der aktiven Abwehr der psionischen Beeinflussung.
Rhodan wurde in diesem Moment auch klar, dass die Crew der ENTERPRISE nicht über einen derartigen Schutz verfügte und er spürte instinktiv, dass es Zeit war zu handeln um Schlimmeres für die Besatzung des Schiffes zu verhindern.
All diese Überlegungen und Gedanken hatte er offen nach außen getragen, und sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Aggressor, der sich in der Gestalt seines Freundes manifestiert hatte, trat langsam mehrere Schritte zurück. Dann stieß er plötzlich einen markerschütternden Schrei aus und löste sich in einer lodernden Flamme auf. Die Hitze schlug Rhodan entgegen, doch sie beeindruckte ihn nicht, denn er wusste jetzt das sie nicht real war. Mit der Hitze die über ihn hinwegfegte begann sich seine Umgebung aufzulösen, bis er sich schließlich in einem wogenden, farblosen Nichts wiederfand.
"Wer bist Du, Rhodan?"
Die Stimme war in seinem Geist. Hass und Verwunderung schwang gleichermaßen darin mit.
"Wer bist Du?" stellte Rhodan unbeeindruckt die Gegenfrage. Eine Reaktion die das fremde Wesen noch mehr verwirrte. Der Unsterbliche spürte deutlich, dass das Fremde niemals zuvor mit einer vergleichbaren Situation zu tun gehabt hatte. Aber gleichzeitig stellte sich deutlich spürbar nicht das Gefühl von Abwehr oder Angst bei dem Fremden ein, sondern unbezähmbare Neugier.
Rhodan spürte immer deutlicher wie er Herr der Lage wurde. Er war nicht mehr der, der seine Gedanken und Empfindungen preis gab, sondern vielmehr derjenige, der ein Gefühl für den Fremden Aggressor entwickelte.
Das Gefühl von Neugier wurde immer stärker und der Wunsch diese Neugier zu stillen schlug über Rhodan regelrecht zusammen.
Das war es also was der Fremde wollte. Nichts anderes als Geschichten, Informationen - Neues. Rhodan begann zu verstehen, und seine Eigenschaft als Sofortumschalter ließ ihn augenblicklich danach reagieren.
"Schluss damit", schrie er dem Fremden gedanklich entgegen.
Ein Lachen brandete durch seinen Geist, hallte von den Grenzen seines inneren Ereignishorizonts wider und schlug auf ihn zurück.
"Warum sollte ich, Rhodan?!"
Rhodan lächelte. Er schloss die Augen. Eine leichte Briese wehte vom Ufer des Goshun-Sees heran und strich sanft über seinen nackten Körper auf den die Sonne brannte. Er streckte die Arme vom Körper und strich mit den Händen durch die Grashalme des Rasens vor seinem Haus am See der Millionenstadt Terrania.
Das minütliche, diskrete Piepsen einer Sensordrone bestätigte ihm das er alleine war und auch nicht dem kleinsten Taststrahlen ausgesetzt war.
Sicherheit wurde großgeschrieben im 35.Jahrhundert. Das galt in ganz besonderer Weise für den Großadministrator und Ersten Hetran der Milchstraße.
Ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft. Rhodan blinzelte in die Sonne. Weit entfernt hinter dem See und der Skyline Terranias starteten fünf 1500m-Schlachtschiffe im Formationsflug in den blauen, wolkenlosen Himmel. Es interessierte ihn nicht. Er schloss die Augen und entspannte sich.
Fünf Minuten, zehn Minuten, zwanzig Minuten.
"Was soll das?" donnerte die Stimme des Aggressors durch seinen Geist. Rhodan fühlte fast körperlich die zornige Ungeduld, die darin mitschwang. "Gibt es nichts Aufregenderes in deinem Leben, Unsterblicher?"
"Aber natürlich", murmelte er mit einem provokativen Grinsen in den strahlenden Sommertag, ohne die Augen zu öffnen. "Nur nicht für dich."
Gähnend drehte er sich auf den Bauch und ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen.
Ein erneutes Lachen brandete in seinem Geist auf.
"Wer braucht dich schon? Du bist nicht das einzige Wesen von Interesse hier."
Die Stimme wurde leiser in ihm, so als entferne sie sich.
"Ich habe Zeit, Terraner."
"Ach ja?" sagte Rhodan laut und öffnete die Augen. Er blickte auf die Schiffe der Endlosen Armada, die sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schien und mit ihrer unbeschreiblichen Anzahl an den unterschiedlichsten Raumern in der Ferne zu einem feinen Nebel verschmolz. Er blickte nach unten und betrat das Tiefenland, zu dessen Ritter er geschlagen worden war. Er drehte sich um und wechselte in das Parresum über, die andere Seite des Universums. Er blinzelte kurz und stand mit dem nächsten Gedanken im hellen, goldenen Glanz des Berges der Schöpfung. Und dann schloss er die Augen wieder und fühlte das weiche Gras unter seinem Körper am Goshun-See und hörte das Piepsen der Sensordrohne.
Mit einem lauten, qualvollen Kreischen stürmte der Unbekannte Aggressor über seinen Geist hinweg, doch Rhodan blinzelte nicht einmal.
"Zeig es mir, zeig es mir, zeig es mir!" Dann eine Pause. "Was willst Du Unsterblicher?!"
"Warum nicht gleich so."
Rhodan wechselte die Umgebung und saß jetzt hinter dem Schreibtisch in seinem Büro in Imperium Alpha. Der Ort schien ihm irgendwie angemessen.
"Erstens: Du sorgst dafür, dass alle anderen aufwachen. Zweitens wirst du die ENTERPRISE aus diesem Gebiet abziehen lassen. Im Gegenzug werde ich dir die vollständige Geschichte meines Universums erzählen, dessen offizieller, uneingeschränkter Erbe ich bin."
Das war eine extreme Übertreibung, doch Rhodan verstand es perfekt, diese Tatsache vor dem Unbekannten zu verbergen. Perry Rhodan war lediglich ein kleiner Protagonist der galaktischen Geschichte, der mit seinen paar Tausend Jahren, in denen er bisher gelebt hatte, zwar einiges bewirkt hatte, letztlich bisher jedoch nur einen Wimpernschlag der Ewigkeit erfahren hatte.
Rhodan wusste das. Er hatte sich ganz im Gegenteil immer dagegen gewehrt als mehr angesehen zu werden. Er sah sich als einen Terraner von vielen, der lediglich das Privileg oder den Fluch auferlegt bekommen hatte ein paar Sekunden länger an der Ewigkeit teilzuhaben als die meisten anderen Wesen.
"Weshalb sollte ich dir vertrauen, Rhodan?"
"Du weißt, dass du mir vertrauen kannst."
"Ja."
"Gut."
"Das Problem ist jedoch, dass dieses Schiff nicht mehr in der Lage ist, diesen Ort zu verlassen. Erwache, Rhodan. Erwache und sieh selbst."
Und Rhodan schlug endlich die Augen auf. Ächzend zog er sich vom Boden der Brücke in die Höhe. Überall hörte er das Stöhnen von Erwachenden. Ihm schwindelte, sein Magen rebellierte. Es dauerte mehrere Sekunden bis ihm klar wurde das der Boden unter ihm tatsächlich leicht schwankte. Es war mehr ein behäbiges Wogen.
Die Hauptbeleuchtung war ausgefallen. Der Raum der Brücke war in das Rot der Notbeleuchtung getaucht. Lediglich das Aufblitzen vereinzelter Anzeigepulte, die ihren Dienst noch nicht völlig eingestellt hatten, veränderten für Sekunden immer wieder die Lichtverhältnisse.
Rhodan hatte ein permanentes Rauschen in den Ohren.
Mühsam stützte er sich am Sichelpult ab. Die Tür zur Beobachtungslounch stand offen. Von dort fiel helles Licht auf den Boden der Brücke. Rhodan schwankte auf die Tür zu. Als er sie erreicht hatte, und in den lichtdurchfluteten Raum blickte, wurde ihm mit schockierender Gewissheit klar das der unbekannte Aggressor die Wahrheit gesprochen hatte. Er blickte durch die Panoramafenster auf den Heckbereich der Untertassensektion, über deren Ränder die Wellen eines Meeres schwappten und dabei das ständige Rauschen erzeugte, das er schon die ganze Zeit in den Ohren hatte. Vor dem Unsterblichen breitete sich das Panorama eines bis zum Horizont reichenden Meeres aus, über dem ein Wolkenverhangener Himmel stand.
Die ENTERPRISE war auf einem Wasserplaneten abgestürzt.