7. Lug und Trug
Rhodan stand in Salzwasser. Der teppichartige Bodenbelag hatte sich mit dem Meerwasser des Planeten vollgesogen. Jeder Schritt den er auf die Fensterfront zumachte, verursachte ein schmatzendes Geräusch unter seinen Stiefeln. Der Aufschlag musste alles andere als kontrolliert erfolgt sein, und zwar mit dem Heck der Untertassensektion voraus. Die Scheiben, eigentlich dafür gedacht, den atmosphärischen Druck vor dem äußeren Vakuum im Schiff zu halten, waren von der Tonnenwucht des Wassers in den Raum gedrückt worden. Noch immer tropfte Wasser von der Aussenhülle über die Bruchkanten der Fenster in den Raum. Unaufhörlich, erbarmungslos, zerstörerisch.
Alles war voller Glassplitter und Trümmern. Nichts war von der ehemaligen Einrichtung noch heil. An der Wand, an der sich einst das Multifunktionsterminal befunden hatte, befand sich ein schwarzes, verkohltes Loch, in dem es noch immer unkontrolliert aufblitzte, wenn durch das eingedrungene Wasser ein erneuter Kurzschluss der Energieleitungen erfolgte. Der schwere Konferenztisch war aus seiner Bodenverankerung gerissen worden und umgekippt. Die Sessel lagen allesamt an der Rückwand des Raumes.
So ähnlich musste es in den meisten fensterseitigen Räumen aussehen. Glück hatten jene gehabt, die am Bug lagen. Aber vor allem die Unterseite der Untertassensektion musste schwer getroffen worden sein. Die ENTERPRISE hatte Schlagseite. Der Boden lag eindeutig schief. Ein Vorgang, der sich in den nächsten Stunden wahrscheinlich noch verstärken würde. Man musste kein Sofortumschalter wie Perry Rhodan sein um zu begreifen, dass sich dieses Schiff nie mehr in den Weltraum erheben würde. Die ENTERPRISE würde im Meer eines unbekannten Planeten in einem fremden Universum einfach versinken. So endete es also.
Rhodan trat an die zerstörte Fensterwand. Als er eine Hand an einen Fensterrahmen legte bahnte sich ein ewiges Rinnsal aus Meerwasser einen Weg über seinen Handrücken. Das Wasser war eiskalt, instinktiv zog er die Hand zurück und wischte sie sich an der Hose ab.
Der Unsterbliche blickte auf ein fast surreales Bild. Überall auf der Außenhülle des Schiffsdiskus saßen oder standen Mitglieder der Crew. Anscheinend waren nicht alle so wie er in einen komatösen Schlaf gezerrt worden. Trotzdem hatte die Anzahl wohl genügt um das Schiff abstürzen zu lassen.
Wie viel mochten dabei bereits den Tod gefunden haben? Und wie viel würden noch folgen? Sie alle?
Wir alle, korrigierte sich Rhodan in Gedanken. Sie alle saßen im wahrsten Sinne des Wortes in einem Boot.
Plötzlich erstarrte Rhodan in der Bewegung. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter und nur noch ein Gedanke beherrschte für Sekunden seinen Geist: Michael.
Wo an Bord hatte sich sein Sohn befunden, als die ENTERPRISE abgestürzt war? Und was war mit Atlan? Rhodan wurde mit schrecklicher Gewissheit klar, dass er beide unter Umständen verloren hatte. Ein schrecklicher Tod, bei der Wucht des Aufpralls erschlagen, oder im eisigen Meerwasser dieses Planeten ertrunken. Aber vielleicht lebten Sie noch, vielleicht hofften sie in einer aussichtslosen Lage, irgendwo eingeschlossen auf Hilfe. Rhodan musste etwas tun - sofort.
Während ihm diese Gedanken durch den Kopf schossen, fiel sein Blick auf einen Mann, der keine zwanzig Meter von ihm entfernt hochaufgerichtet im Freien stand.
"Picard?", rief Rhodan fragend, und tatsächlich drehte sich der Captain der ENTERPRISE langsam zu ihm um.
Der Unsterbliche schwang sich über den demolierten Fensterrahmen auf die Außenhülle des Schiffes und lief zu Picard hinüber. Eine kühle Briese wehte ihm über das Gesicht. Die noch fernen dunklen Wolken türmten sich immer höher auf. Es würde einen Sturm geben. Einen Sturm, dem das havarierte Schiff nichts entgegenzusetzen hatte. Noch hatte die Diskuszelle genügend Auftrieb, doch Rhodan befürchtete das ein hoher Wellengang dem Schiff den Rest geben würde.
Picard blickte mit erstarrten Gesichtszügen über das Weit der Schiffshülle.
"Wir haben einen Fehler gemacht, Rhodan. Wir waren zu unvorsichtig. Wir wussten einfach zu wenig über dieses Universum um einfach so loszufliegen."
"Es gab keine Alternative."
"Was sollen wir jetzt tun, Rhodan?"
Der Unsterbliche blickte Picard mit einer gewissen Überraschung an. Eine derart hilfesuchende Frage hatte er von dem Captain der ENTERPRISE nicht erwartet. Dieser schien die Blicke Rhodans zu merken, denn er wandte sich ihm nun direkt zu.
"Sie sind doch ein Unsterblicher. Sie haben so viel erlebt. Diese Situation muss doch für sie zu lösen sein. Helfen Sie mir und meiner Crew."
Rhodan reagierte zunächst instinktiv.
"Nun, die Hauptshuttlerampe befindet sich über dem Meeresspiegel, wir könnten versuchen von dort..."
"Unmöglich", schüttelte Picard den Kopf. "Wir bräuchten schon einen Haluter, um die Hangartore zu öffnen. Nichts funktioniert mehr."
Rhodan wollte diese Möglichkeit nicht so einfach abtun. Was war nur los mit Picard. Hatte er diesen Mann wirklich so falsch eingeschätzt. In diesem Augenblick begriff er es. Die bittere Wahrheit rann ihm eiskalt den Rücken hinunter. Ein dicker, den Atem abschnürender Klos bildete sich in seinem Hals. Für Sekunden war er sprachlos. Weigerte sich einfach weiterzudenken - aber nur für Sekunden. Dann konnte der als Sofortumschalter in die Geschichte eingegangene Unsterbliche mit der Situation umgehen. Tiefer Ärger, ja Hass kroch in ihm empor.
"Ein Haluter also! Woher wissen sie von den Halutern?"
Picard blickte ihn aus hilflosen Augen fragend an.
"Was meinen Sie? Sie selbst haben mir von diesem Volk berichtet."
Rhodan schüttelte zornig den Kopf. Dann lachte er befreit auf. Nun war er sich sicher.
"Nein, das habe ich nicht, Picard. Oder wie ist denn nun dein richtiger Name? Nett gemacht. Das muss ich schon sagen. Wie wäre es weitergegangen. Hätte ich als einziger überlebt - irgendwo an eine einsame Insel geschwemmt. Ohne Hoffnung um dir dann doch irgendwann meine ganze Lebensgeschichte zu erzählen."
Picards Blick wurde plötzlich eisig. Die Gesichtszüge versteinerten geradezu.
"Ich verstehe nicht", sagte er tonlos. Der vermeintliche Picard ging langsam rückwärts, verkrampfte sich geradezu. Seine Blicke gingen scheinbar ins Leere, blickten an Rhodan vorbei, mal zur einen dann zur anderen Seite. Die Gestalt Picards wurde plötzlich irgendwie unscharf. Er duckte sich, als müsse er vor irgendetwas ausweichen.
"Nicht ihr auch noch!", schrie der Fremde unvermittelt auf. Rhodan trat instinktiv einige Schritte zurück.
Die Gestalt Picards verwischte zusehends. Rhodan schien es, als würde ein Trivideo-Film mit zu hoher Geschwindigkeit ablaufen. Der namenlose Aggressor schlug plötzlich mit beiden Armen durch die Luft, als wolle er unsichtbare Attacken abwehren. Bei jeder Bewegung veränderte sich nun auch die Gestalt. Rhodan glaubte in einem Moment einen Mann in einer altertümlichen Rüstung zu sehen, im nächsten Moment Personen mit Starfleet-Uniformen. Plötzlich einen Ertruser, den er zu kennen glaubte. Oro Masut! Michael Rhodans Leibwächter, als der noch als Freibeuterkönig Roi Danton durch die Milchstraße streifte.
Rhodan wurde fast schwindlig, so schnell wechselten die Gestalten nun. Aber auch die Umgebung veränderte sich. Zuerst zuckten nur Blitze durch das ohnehin surreale Szenario, denn riss die Umgebung regelrecht an mehreren Stellen auf. Der Unsterbliche konnte in unzählige, ihm unbekannte Umgebungen blicken. Doch plötzlich begannen zwei der Aufrisswelten zu dominieren. Rhodan erkannte plötzlich einen Raumhafen, auf dem ein typisches, wenn auch uraltes Birnenschiff der Gurrads stand. Und er erkannte seinen Sohn Mike in seinem damaligen Outfit als Roi Danton.
In der zweiten expandierenden Szene blickte er in eine römisches Kolosseum in dem römische Gladiatoren und Löwen, wie in einem Standbild erstarrt waren. Nur eine Gestalt drehte sich langsam zu ihm um, ließ das schwere Doppelklingen-Schwert fallen und riss sich den Helm vom Kopf. Es war Atlan. Er schien Rhodan zu erkennen, denn er kam mit festen Schritten auf ihn zu.
"Schluss damit!", rief er und warf den Helm zur Seite, wo er mitten in der Luft zu feinem Rauch verwehte. Und aus der zweiten Szene trat Mike Rhodan. Und als sie sich trafen zerstob deren Traumfassaden zu einem Nichts. Und dann waren da nur noch die drei Unsterblichen und der Fremde. Und dieser wand sich unter Schmerzen, schrie und jammerte, wurde von den dreien mental in die eine, dann wieder in die andere Richtung gezerrt, aber dabei immer weiter zurückgedrängt, wurde zunehmend konturloser und dabei machtloser.
"Wirklich keine schlechte Idee", rief Rhodan, "mich von einem Traum einfach in einen anderen zu schicken. Aber wieder einmal hast du Fehler gemacht. Picard kennt in seinem Universum keine Haluter. Ich habe mich seit unserer Ankunft in diesem Universum mit der aktuellen Völkergemeinschaft der Starfleet beschäftigt.
Einmal ganz abgesehen davon, dass du einen jämmerlichen Picard abgegeben hast - jedenfalls nach meinem Empfinden"
Der Fremde antwortete mit einem qualvollen unartikulierten Schreien.
"Es ist vorbei", rief nun auch Atlan, und seiner Stimme war anzuhören das auch er schon länger gegen die Beeinflussung angekämpft hatte.
"Wir werden jetzt gehen", sagte Mike nur. "Und alles was dir bleiben wird, ist die Hoffnung das wir niemals zurückkehren."
"Denn sonst werden wir dich vernichten", vollendete Perry Rhodan die Drohung. Es war Taktik. Er hatte nicht vor, jemals in diese Traumwelten zurückzukehren, und er hatte auch nicht vor den namenlosen Fremden zu vernichten, er wollte ihn schlicht und einfach in seine Schranken verweisen, um so nie wieder etwas mit ihm zu tun haben zu müssen.
Die drei Unsterblichen blickten sich an.
"Bis gleich", sagten sie, wie aus einem Mund. Dann erwachten sie.
*
"Es läuft wohl nicht so, wie du dachtest?"
Laura Banks konnte mühelos mit James Gonner Schritt halten. Der Rebellenführer war auf dem Weg zu seinem Flaggschiff. Er trug eine Standard-Raumkombination, wie auch sie selbst sie bereits tausendmal getragen hatte. Lediglich ein rotes Symbol auf der Stirnseite des Raumhelms, den er sich unter den Arm geklemmt hatte, wies ihn als Führungsperson aus.
Sie durchquerten den Schleusensicherheitsbereich und betraten eine der Hauptlandeplattformen des Röhrenhangars. Hecktisches Treiben empfing sie. Info-Meldungen hallten durch das Weit des Hangars. Irgendwo schlug etwas kraftvoll gegen Metall, Das charakteristische Dekompressionsgeräusch einer Schleuse war ebenso zu hören wie das fauchende Heulen eines Triebwerktestlaufs. Zischend löste sich eine Versorgungsleitung von Gonners Flaggschiff, keine dreißig Meter vor ihnen. Der Geruch von Ozon stieg ihnen in die Nase.
Laura Banks musterte James Gonner von der Seite genau. Er schien unbeeindruckt und keineswegs verunsichert, doch sie kannte ihn besser.
"Dieser Riker ist nicht der wirkliche Entscheidungsträger. Ich werde mit Picard sprechen, deshalb fliege ich auch mit dem Begleitschutzgeschwader. Es muss eine Entscheidung herbeigeführt werden, noch bevor die ENTERPRISE NEW BERLIN erreicht."
Er blickte sie mit einem frechen Lächeln an, das sie an ihm einmal geliebt hatte.
"Dieser Picard hat letztlich keine Wahl - und das weiß er."
Die Besprechung war tatsächlich nicht so verlaufen, wie Gonner es sich wohl gewünscht hatte. Nachdem seine Wissenschaftler und Ingenieure die Umbaumaßnahmen der ENTERPRISE zur Gänze erläutert hatten, und daran gingen einen Zeitplan für die Arbeiten darzulegen, hatte Commander Riker das Wort ergriffen.
Er hatte von seiner Bewunderung für die technischen Möglichkeiten gesprochen, welche die Rebellen für ihn und sein Schiff bereit hielten. Er hatte von seiner positiven Einschätzung der integeren Ziele der Rebellen gesprochen und hatte mögliche gemeinsame Aktionen nicht ausgeschlossen. Aber er hatte auch von der Starfleet erzählt, von ihren Motiven und Zielen. Er hatte von der ENTERPRISE erzählt und von ihrem Captain und letztlich hatte er keinen Zweifel daran gelassen das alleine Captain Picard, und nur er, entscheiden würde was an der ENTERPRISE an Modifikationen eventuell vorgenommen werden würden. Er hatte auch keinerlei Missverständnisse darüber aufkommen lassen, dass das Flaggschiff der Menschheit eines fremden Universums keinesfalls zu einem beliebig einsetzbaren Werkzeug der Rebellen gemacht werden könne.
Riker hatte mehr über die Hintergründe erfahren wollen. Er hatte einen umfassenden Bericht der aktuellen Lage und der geschichtlichen Vorkommnisse verlangt, die zu diesem Konflikt geführt hatten.
Dieser Reginald Bull hatte sich auffällig im Hintergrund gehalten, aber er hatte in seiner Mimik, sicherlich bewusst, der Rede Rikers zugestimmt.
James Gonner hatte sich alles geduldig angehört, denn er war durchaus bereit, gewisse Zugeständnisse zu treffen. Aber er hatte zu keiner Sekunde die Interessen der Rebellen vergessen. Er hatte zu keiner Sekunde vergessen, dass eben während dieser Rede Rikers, irgendwo in dieser Galaxis Menschen aufgrund von Unterdrückung leiden mussten und auch starben. Jede Sekunde erfolgte irgendwo da draußen der vielleicht letzte Atemzug eines Menschen, jede Sekunde flossen Tränen, jede Sekunde kämpften Menschen um ihre Recht auf Freiheit. Das war die Realität, und keine Geschichte konnte daran etwas ändern, dass dies Ungerecht war.
Laura Banks schien seine Gedanken erraten zu haben, denn plötzlich hielt sie ihn am Arm fest und zog ihn zu sich herum. Seine Gedanken wurden so abrupt in die Wirklichkeit zurück gerissen, als er ihr in die Augen sah, das sein Atem stockte.
"Du willst die ENTERPRISE doch wohl nicht..."
Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als sie versuchte in seiner Mimik die Wahrheit zu finden.
"Das kannst du nicht tun!"
"Wir werden uns nicht die Initiative aus den Händen nehmen lassen. Zu viel steht auf dem Spiel. Es reicht schon das dieser - Göttliche", der Rebellenführer presste das Wort fast angewidert hervor, "einfach so in meiner Basis verschwunden ist."
Laura schlug die Augen bei dem Gedanken an Gucky nieder.
"Denkst du er ist bei ihr?"
"Wo sonst?"
"Aber keiner geht einfach so zu Mutter."
"Eben..."
Er wollte noch etwas hinzufügen, als er eine Nachricht auf seinem Ohrempfänger erhielt. Instinktiv wendete er sich von ihr ab und legte eine Hand auf das Ohr, um die Mitteilung in der Geräuschkulisse des Röhrenhangars besser hören zu können.
Als er sich Laura wieder zuwandte, lag etwas alarmierendes in seinem Blick.
"Nachricht von einem Patrouillenschiff", sagte er nur. "Die ENTERPRISE hat einen vorausberechneten Rendezvouspunkt noch nicht erreicht. Das Schiff ist überfällig."
Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von ihr ab und rannte auf das startbereite Schiff vor ihnen zu. Während des Laufs sprach er etwas in sein Armbandmikrofon und Sekunden später hallte ein Alpha-Alarm durch die Rebellenbasis NEW BERLIN.