Zwischenbericht - Laura Banks
Laura Banks - Abschied
Herold Schimmer und ich wurden Freunde. Zunächst hatte ich nichts anderes gewollt, als dieses Schiff mit dem seltsamen Namen so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Doch die Situation verbot es von selbst sofort auf dem nächsten Planeten zu landen. Die BOUNTY wurde gejagt. Doch Herold verstand es auf unglaubliche Weise durch messerscharfen Verstand und schier unglaublichem Aktionen, die Verfolger immer wieder zu verwirren und abzuschütteln. Es schien fast als wäre er mit diesem Schiff und dieser ganzen Raumregion verwachsen. Fast spielerisch schaffte er es immer wieder die Verfolger abzuschütteln. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ein Schiff, das auf interstellaren Fahndungslisten stand, auch nur 48 Stunden überlebte ohne aufgebracht zu werden. Doch der alte Mann schaffte es. Er spielte nicht nur virtuos mit den Möglichkeiten seines Schiffes, legte ein schier unglaubliches Wissen in taktischen Manövern an den Tag, sondern beeinflusste Nebenbei noch regionale Computernetze um unsere Identität zu verschleiern. Tagelang beobachtete ich ihn mehr oder weniger stumm, und aus einer anfänglichen Abneigung, sicherlich geboren aus der Trotzreaktion mein Schicksal erneut in anderen Händen wieder zu finden, wurde schon bald Achtung und Bewunderung.
Harold Schimmer war ein Pirat. Ein Anarchist in einer Galaxis in der das Gesetz alles, und wirkliche Freiheit Nichts bedeutete. Wir überfielen Schiffe, die unter der Kennung Samsalas flogen und verdienten uns Credits als Geleitschutz für Freihändler. Dabei kamen wir in der Folge kein einziges Mal in wirkliche Bedrängnis durch die samsonischen Ordnungskräfte.
Der Begriff von „Tarnen und Täuschen“ wurde zu einem zentralen Bestandteil meines Lebens.
„Nichts“, sagte Harold einmal zu mir, als wir mit abgeschalteten Triebwerken durch den Weltraum trieben, die Notanzeige der abgeschalteten Überlebenssysteme fixierend. „Nichts, ist wirklich so wie es scheint. Masken bestimmen unser aller Leben. Und wenn wir diese Masken zu nutzen wissen, können wir selbst auch wieder unser Leben bestimmen.“
Das sagte dieser alte Mann zu mir, der wie ein offenes Buch inzwischen vor mir lag, der sich bis zum Grunde seiner Seele geöffnet hatte. An dem nicht das geringste Falsche war.
Ziemlich genau ein Jahr, nachdem ich Harold Schimmer kennen gelernt hatte starb der alte Mann.
Er beschloss einfach zu sterben. Er starb in meinen Armen, schlief einfach ein. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, als ich ihm die starren Augen schloss. Er war glücklich, als er ging, denn er war nicht alleine. Er war mit einem Menschen zusammen, vor dem er keine seiner Masken tragen musste. Hier, in der Stille der Kabine der BOUNTY, war plötzlich alles genau so, wie es schien. Die innere Ruhe der Wahrhaftigkeit, der beste Zeitpunkt um zu gehen.
Ich war alleine in der BOUNTY, die jetzt mein Schiff war. Harold Schimmer, der alte Mann war gestorben und Laura Banks, die Piratin war geboren.
9. Raumkampf
Der Verband aus fünf Rebellenschiffen stürzte mit maximalem Überlichtfaktor auf jenen Koordinatenpunkt zu, an dem sich das Schiff der Nebenweltler laut Laura Banks Bericht hätte befinden müssen. Während des Überlichtflugs war eine konkrete Ortung eines Schiffes, das sich nicht ebenfalls in einer üblichtschnellen Bewegung befand, sondern nur im Raum hing, nur begrenzt möglich.
Sämtliche Passiv- und Aktivortungssysteme waren hochgefahren, doch bisher stand lediglich fest, dass sich die ENTERPRISE nicht im Warpflug befand.
James Gonner saß scheinbar ruhig in seinem Kommandosessel und beobachtete die zahlreichen Kontrollschirme. Laura Banks stand neben ihm. Die abtrünnige Rebellin hatte es sich nicht nehmen lassen mit an Bord zu gehen.
Laura bemerkte den dünnen Schweißfilm auf Gonners Stirn. Auch wenn er es sich durch keine Reaktion anmerken ließ, so war ihr doch klar, unter welchem gewaltigen Druck er in diesen Augenblicken stand. Für die Rebellen stand viel auf dem Spiel. Das Schiff der Nebenwelter bereits in dieser frühen Phase zu verlieren, hätte sich fatal auf die Moral auswirken können. James Gonner war sich sehr wohl bewußt, welche Bedeutung ein derartiges Schiff für die Menschen um ihn hatte.
Er wandte sich an seinen Navigator und ließ sich die Flugbahn der ENTERPRISE, ausgehend von ihrem letzten bekannten Standort, also jenem an dem Laura das Nebenweltlerschiff verlassen hatte, grafisch in einem Hologramm darstellen.
„Sie sind so verdammt langsam“, hörte Laura ihn so leise murmeln, dass nur sie ihn verstehen konnte.
Als nächstes ließ er sich die Daten jenes Sektors einblenden, die von der ENTERPRISE bisher durchquert worden war.
Seit Lauras Aufbruch von der ENTERPRISE waren inzwischen knapp 13 Stunden vergangen. Nach Angaben der Schiffsführung hätte das Nebenweltlerschiff bei einem geplanten Warpfaktor von 9 Komma 2 lediglich zwei bis drei Lichtjahre zurücklegen dürfen. Irgendwo und irgendwann auf diesem Weg musste das Schiff verloren gegangen sein.
Plötzlich kam eine Meldung der stationären Spionsonde herein. Sie meldete ein aufgefangenes Notsignal, das eindeutig von den Nebenweltlern stammen musste, gefolgt von einem Satz Koordinaten.
„Dort“, Gonner sprang auf. Er griff in das Holo. Sein Zeigefinger berührte einen rot markierten Punkt in der Sternenkarte. Dabei ignorierte er das Surren der Holoprojektorköpfe, die vergeblich versuchten das Bild durch den Eingriff Gonners zu stabilisieren. Planetensysteme zerbarsten und Sternennebel verzerrten sich zu grünen Dämonenmäulern unter seiner Handbewegung.
„Ein Sperrgebiet“, kam die Information von seinem Navigator. „In den Sternenkarten als Gefahrenklasse drei deklariert. Keine Gefahr für passierenden Hyperraumflug. Jedoch 4-D-Gefahrenklasse Eins für den einzigen Planeten des Sterns. Außerdem besteht ein Unterlichtannäherungsverbot für einen Radius von zwei Lichtjahren. Die Gefahr wird nicht näher definiert, aber sie hat eine Para-Kennung. Letzter Kontakt eines samsonischen Aufklärergeschwaders vor über zwanzig Standardjahren.“
Der Navigator blickte irritiert von seinen Anzeigen auf. Sein Gesicht war blass geworden.
„Totalverlust.“
„Wie weit von der Flugroute der ENTERPRISE genau entfernt?“ hörte sich James Gonner tonlos fragen.
Abermals blickte der Navigator auf seine Anzeigen.
„Die Route tangiert den Systemrand. Aber warum hätten sie hier stoppen sollen?“
„Der Antrieb der ENTERPRISE funktioniert anders als die unseren“, gab Laura zu bedenken. „Sie verlassen mit ihrer Warpfeldschale den 4-D-Raum nicht wirklich. Es könnte sein das ein Angriff möglich war. Verdammt, wieso habe ich das nicht bedacht?“
„Hyperraumortung!“, kam eine erneute Meldung. „Drei Schiffe im schnellen Anflug an Zielsystem. Samsonisch – Kreuzerklasse!“
„Na toll!“ knurrte James Gonner nur. Er ließ für sein Geschwader neuen Kurs setzen. „Wie lange brauchen wir noch?“
„Dreiundzwanzig Minuten!“
*
Die Schiffe näherten sich schnell. Picard löste den Roten Alarm aus. Das Schiff ging im Rahmen seiner Automatikfunktionen auf Gefechtsbereitschaft. Doch der Captain der ENTERPRISE war sich bewusst, dass er gegen die Schiffe da draußen ohne seine Mannschaft nicht den Hauch einer Chance hatte.
Besorgt blickte er zu Deanna Troi und den anderen Mitgliedern der Brückenbesatzung hinüber, die neben der Tür zu seinem Bereitschaftsraum auf dem Boden lagen. Rhodan hatte sie aus ihrer teilweise unbequemen Lage an den Einsatzplätzen befreit und dort „aufgebahrt“. Sie schliefen. Deutlich konnte Picard sehen, wie sich die Brustkörbe regelmäßig hoben und senkten. Seine Crew war wohl außer Gefahr, nur nutzte sie ihm so nicht das geringste.
Als hätte der Arkonide im Maschinenraum der ENTERPRISE seine Gedanken gehört, meldete sich Atlan plötzlich in der Zentrale.
„Der Warpkern scheint soweit in Ordnung, Captain. Ich kann keine Schäden feststellen. Die Mannschaft beginnt aufzuwachen. Auf meinem Weg in den Maschinenraum haben sich einige Crewmitglieder bereits gerührt. Auch hier kehrt wieder Leben ein.“
„Crusher hier“, schaltete sich plötzlich auch die Krankenstation zu. Die Stimme der Chefärztin klang noch etwas schwach, aber bestimmt. „Wie sieht es auf der Brücke aus, Captain.“
Picard atmete hörbar auf.
„Kommen sie hier hoch, Beverly. Die Lage ist kritisch.“
Damit trennte er die Verbindung. Nun begann sich auch Deanna Troi zu rühren. Ein tiefes Stöhnen kam über ihre Lippen, als sie sich mit dem Arm vom Boden abstützte. Als sie aufstehen wollte, griff sie sich jedoch an den Kopf und fiel zurück auf den Boden. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Die parapsychisch übersensible Halb-Betazoidin hatte bestimmt in den letzten Stunden auf ganz besondere Weise ihre eigene Hölle durchwandert.
Picard war sofort bei ihr.
„Es wird ihnen gleich besser gehen, Counselour. Dr. Crusher ist auf dem Weg.“
Langsam erwachte das Schiff zu neuem Leben. Immer mehr Stationen meldeten Bereitschaft - und das war auch dringend nötig.
„Abstand zu den Schiffen?“ Picard hatte die Frage an den Bordcomputer gerichtet, doch Perry Rhodan kam ihm zuvor. Er hatte inzwischen eine Verbindung zur OPS neben sich geschaltet, um sein Flugmanöver unmittelbar auf die samsonischen Schiffe abstimmen zu können. Rhodan hatte schon so manche fremdartige Konsole aus der puren Notlage heraus zu bedienen verstanden. Hier war es nicht anders. Die Symbolik und Schaltflächenanordnung war zwar gewöhnungsbedürftig aber für Menschen intuitiv in den Grundfunktionen erfassbar.
Die Manöverdüsen warfen die ENTERPRISE herum und brachten das Schiff mit dem vollen Schub des Impulsantriebs auf Fluchtkurs. Die Beschleunigungswerte waren bemerkenswert, die Manövrierfähigkeit beeindruckend. Nur jenseits der Lichtmauer steckten die Möglichkeiten des Föderationsschiffes noch in den Kinderschuhen. Die samsonischen Raumer befanden sich nun hinter der ENTERPRISE.
Rhodan prüfte die Werte und nickte.
„Die ENTERPRISE zeigt sehr gute Manövrierfähigkeit im Unterlichtflug. Wir können schneller beschleunigen als die samsonischen Schiffe – theoretisch. Die Schiffe fliegen jedoch bereits mit halber Lichtgeschwindigkeit. Sie kommen deshalb rasch näher.“
Doktor Beverly Crusher erreichte, gefolgt von Mike Rhodan die Brücke. Sie und Perry Rhodans Sohn kümmerten sich unmittelbar um die Brückencrew, doch Deanna Troi war die einzige, die bisher ansprechbar war. Crusher spritzte der Halb-Betazoidin ein stimulierendes Mittel und half ihr dann in den Sessel neben Picard.
Mike Rhodan hatte inzwischen unaufgefordert den Platz am Gefechtsstand eingenommen und verschaffte sich einen Überblick. Dabei legte er dasselbe Geschick seines Vaters an den Tag. Es gelang ihm die Torpedobänke zu laden, jedoch hatte er mit der Zielerfassung und den taktischen Möglichkeiten der Photonentorpedos und Phaser absolut keine Erfahrung.
„Eine Welt für ein paar vernünftige Transformkanonen oder zumindest MVH-Geschütze“, murmelte er. „Wo ist dieser Klingone, wenn man ihn mal braucht?“
Ein Räuspern machte ihn auf Captain Picard aufmerksam, der ihn fragend anblickte.
Mike setzte eine entschuldigende Mine auf.
„Paratr...Schirmstaf...Ich meine, Schutzschirme bei hundert Prozent.“
In diesem Moment waren die samsonischen Schlachtkreuzer auf Schussdistanz heran und die ersten Treffer schlugen in die Schutzschirme der ENTERPRISE. Wie zu erwarten konnten die Trägheitsdämpfer nicht die gesamte Wucht der auftreffenden Energien neutralisieren. Mike hätte es beinahe von den Beinen gerissen, wenn er sich nicht an der Sichelkonsole festgehalten hätte.
„Vergessen Sie das mit den hundert Prozent. Heckschilde runter auf 65 Prozent“, Mike schüttelte den Kopf, als er die Schirmstabilität näher studierte. „ Das geht nicht lange gut.“
Picard war aus seinem Sessel aufgesprungen.
„Photonentorpedos achtern, volle Streuung in die Flugbahn der Schiffe.“
„Ich versuchs“, murmelte Mike nur. Die Torpedobänke achtern waren kein Problem. Die Flugbahn des Gegners in Relation zu der des eigenen Schiffes unter Berücksichtigung der Torpedowirkungstrefferdistanz und Flugzeit waren ein ganz anderes Thema. Icho Tolot hätte die Werte mit seinem Planhirn innerhalb einer Sekunde errechnet. Doch Mike war kein Haluter, er war nicht einmal ein besonders guter Mathematiker, doch die guten, alten terranischen Hynoschulungen halfen ihm ungemein. Es gab sicherlich auch Automatikfunktionen der Zielerfassung, die er lediglich für diese Aufgabe hätte modifizieren müssen, doch genau diese feinen Möglichkeiten der Kontrollen, waren ihm bisher verborgen geblieben.
Letztlich vergingen jedoch keine drei Sekunden bis er die Torpedos dem Gegner entgegen jagte. Tatsächlich detoniert ein Großteil der Torpedos genau in der Flugrichtung der Angreifer. Das Feuer zeigte eine gewisse Wirkung. Die Angriffsformation löste sich auf. Die Schiffe schwenkten aus ihrem direkten Kurs auf die ENTERPRISE. Sie hatten einige Sekunden Zeit gewonnen.
„Irgendetwas geht hier unten gerade kaputt“, meldete sich Atlan aus dem Maschinenraum.
Kampfbrücke, lag Picard auf der Zunge. Doch für die Option die Antriebssektion des Schiffes von der Untertassensektion zu trennen, fehlte ihm schlicht und ergreifend die Mannschaft. Er hatte ja nicht einmal eine voll einsatzfähige Crew für eine Brücke.
Picard schloss eine vollständige Kapitulation als unmittelbare Option nicht mehr aus. Die Verantwortung über mehr als tausend Frauen, Männer und Kinder wog schwer – immer. Genau genommen war dies nicht sein Kampf; nicht der Kampf Starfleets. Aber das war auch nicht sein Universum. Menschen starben hier. Dies war keine Frage von Zuständigkeiten.
Er Blickte kurz zu Perry Rhodan hinüber und als hätte dieser seinen Blick erahnt, sah auch er zu ihm herüber. Der Captain las Entschlossenheit in diesen grauen Augen.
Abermals hörte er das Zischen der Lifttüren, doch erst ein tiefes Knurren lies ihn herumfahren.
Lieutenant Worf betrat die Brücke der ENTERPRISE. Wortlos eilte er an seinen Platz und schob Mike Rhodan einfach zur Seite. Picard registrierte nur am Rande, dass ihm die schulterlangen Haare wirr ins Gesicht hingen.
Der Klingone überprüfte kurz die Kontrollen, schenkte dann Mike einen kurzen zunächst überraschten Gesichtsausdruck und schüttelte dann nur mit einem weiteren Knurren den Kopf.
Dann wanderten seine Finger über die Konsole. Bisher tote Bereiche der Anzeigen flimmerten wild auf. Im nächsten Augenblick schlugen schwere Phasertreffer, gefolgt von Torpedos in das führende Schiff der Angreifer. Eine aufblitzende Glutwolke am Bug des Anführers zeugte von einem direkten Treffer. Die Kombination von punktgenauem Phaser und Torpedobeschuss hatte die Schirme des Gegners derart geschwächt, das die freigesetzten Energien direkt auf die Hülle durchgeschlagen waren. Worf analysierte die Trefferwirkung sofort. Erneut schüttelte er den Kopf.
„Wir erzielen minimale Wirkung. Die Schirme stehen bereits wieder. Ich empfehle taktischen Rückzug, Captain.“
Picard blickte zurück auf den Hauptschirm. Abermals hatten die Gegner ihre bereits ziemlich zerpflückte Formation aufgelöst. Scheinbar hatten sie nicht mit einer derart entschlossenen Gegenwehr gerechnet. Picards geübter Blick erkannte jedoch sofort, dass es sich keineswegs um einen Rückzug handelte. Der Gegner würde sich neu formieren und sich auf die Taktik und offensiven, wie defensiven Möglichkeiten der ENTERPRISE einstellen. Sie hatten schlicht und einfach keine Chance, wenn sie sich an diesen Ort binden ließen.
„Weg hier, Rhodan.“
Perry Rhodan versuchte schon die ganze Zeit nichts anderes.
Worf leitete Energie von den Sekundärsystemen in die Schutzschirme und brachte sie so wieder auf über 80 Prozent.
„Kein Warp“, sagte Rhodan tonlos. „Da unten scheint tatsächlich einiges kaputt gegangen zu sein.“
Er meinte damit den Maschinenraum - 35 Decks tiefer. Bis auf die knappe Meldung Atlans war nicht bekannt, was dort vorgefallen war. Wenn etwa die Antimaterieeindämmung beschädigt worden war...Rhodan hatte plötzlich das Gefühl auf einer Bombe zu sitzen.
„Computer: Manöver Picard Zwo-Drei. Ausführung!“, Picards Stimme klang plötzlich eisig.
Ein durchdringendes Piepsen erfüllte die Zentrale. Rhodan hob die Hände von den Kontrollen, als diese zu eigenständigem Leben erwachten.
Hart wurde die ENTERPRISE nach backbord aus der Flugbahn gerissen nur um Sekunden später die Flugbahn um fast 180 Grad nach steuerbord zu ändern. Diese Manöver wiederholte sich während die nächsten Treffer in die Schirme schlugen. Auf den ersten Blick sah es so aus als schlingerte das Flaggschiff auf seinem ursprünglichen Kurs. Doch dann begriff Rhodan Die Treffer des Gegners schlugen nun abwechselnd in die seitlichen Backbord- und Steuerbordschilde, da das Schiff seine Fluglage zum Gegner ständig änderte. Auch schien die Zielerfassung der Gegner Probleme mit den ungewöhnlichen Flugmanövern zu haben. Die samsonischen Schiffe konnten in diesen Geschwindigkeitsbereichen nicht annähernd so gut manövrieren, wie die ENTERPRISE. Unzählige Schüsse gingen ins Leere.
Picard hatte die Vorteile seines Schiffes gegenüber dem scheinbar grenzenlos überlegenen Gegner erkannt und konsequent in eine fruchtbare Strategie umgesetzt.
Während dessen hatte Worf mit der Zielerfassung keinerlei Probleme. Treffer über Treffer schlugen beim Gegner in die Schirme. Der Klingone konzentrierte seine Gegenschläge auf lediglich ein Schiff. Erneut schaffte er es, die Schirme zu knacken. Dieses mal fand ein Torpedo seinen weg bis zur Hülle des Gegners. Eine Explosion riss das Schiff aus der Bahn. Die beiden anderen Schiffe stoben in entgegengesetzten Richtungen auseinander.
„Schwerer Treffer“, meldete Worf. „Das getroffene Schiff fällt leicht zurück.“
„Ja!“ rief Mike Rhodan aus dem Hintergrund, was ihm einen missbilligenden Blick des Captains und ein Kopfschütteln seines Vaters einbrachte.
Picard setzte sich wieder in seinen Sessel und sprach aus, was Perry Rhodan dachte.
„Wir haben nichts gewonnen. Wir können sie nicht ewig ausmanövrieren und selbst wenn wir auf Warp gehen könnten, sind wir viel zu langsam um ihnen zu entkommen.“
Er stützte einen Ellenbogen auf die Sessellehne und rieb sich das Kinn. Dabei fixierte er aus zusammengekniffenen Augen die Darstellung der Gegner auf dem Hauptschirm.
„Allerdings...“
„...wissen die da drüben das nicht.“
Perry Rhodan hatte den Satz beendet. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht.
Erneut sprang Picard aus seinem Sessel hoch.
„Mister Worf! Stellen Sie das Feuer ein und einen Kanal – volles Frequenzband.“
Die Gestalt Picards straffte sich.
„Hier spricht Captain Jean-Luc Picard, Kommandant des Föderationsraumschiffes ENTERPRISE – einer Nebenwelt. Ihr aggressives Verhalten kann nicht toleriert werden. Ich erwarte Ihre sofortige Kapitulation, oder wir werden Sie zerstören.“
Es geschah. Die Schiffe stellten ihr Feuer ein. Waren Sie einfach nur verunsichert oder glaubten sie den Worten Picards tatsächlich. Klar war inzwischen, dass die Hüter Samsalas wohl seit Urzeiten kein derartiges Verhalten eines Menschen mehr erlebt hatten. Terraner flüchteten, wenn die Hüter-Schiffe erschienen, sie stellten sich nicht einem Kampf, in dem sie auch noch in Unterzahl waren.
„Ich orte Hyperfunkverkehr.“
Picard nickte befriedigt und setzte sich wieder.
„Sie holen sich neue Befehle – oder Verstärkung. Auf jeden Fall haben wir Zeit gewonnen. Counselor?“
Deanna Troi hatte den Blick gesenkt. Regelrecht zusammengekauert saß sie in ihrem Sessel neben Picard. Noch immer war sie von den zurückliegenden Ereignissen gezeichnet. Ihre zitternden Hände lagen in ihrem Schoss. Ihr Blick flackerte. Doch sie streckte tapfer ihre emphatischen Fühler aus.
Es dauerte lange Sekunden, bis sie antwortete.
„Hass, Hohn“, sie blickte Picard verständnislos an. „Verachtung. Sie hassen uns zutiefst. Es ist eine allgemeingültige, unerschütterliche Komponente im Denken dieser Wesen. Und da ist noch etwas: Angst, eine kreatürliche, tief verankerte Angst. Es scheint keine direkte Angst vor uns zu sein, sondern vor...vor einer Situation, die eintreten könnte – durch uns eintreten könnte.“
Nachdenklich blickte Picard die Betazoidin an.
Rhodan war in seinem Stuhl herumgeschwenkt. Er beobachtet Picard genau. Alles in ihm drängte danach aktiv zu werden. Es war für ihn immer selbstverständlich gewesen, derartige Entscheidungen zumindest mitzugestalten. Der Unsterbliche war es einfach nicht gewohnt lediglich auf dem Weg mitzulaufen. Normalerweise war er es, der voraus ging. Doch Perry Rhodan schwieg.
Auf dem Hauptschirm waren noch immer die drei Schiffe panoramafüllend über die Verfolgerkamera zu sehen. Die Sterne hinter den Schiffen schienen zu Schlieren zu verwischen, doch das war die optische Täuschung, die durch die ständigen Flugmanöver der ENTERPRISE entstand.
„So unterschiedlich sind wir wohl doch nicht“, sagte Picard leise zu sich selbst. Doch Rhodan hörte es, und er verstand genau was Picard meinte. Kein weiterer Funkspruch. Picard wartete. Er ließ sie schmoren. Genau so hätte auch Rhodan gehandelt. Es erhöhte die Bereitschaft auf Forderungen einzugehen und es nahm die Hektik aus der Situation, was das Risiko von Fehlentscheidungen minimierte. Ganz nebenbei ermöglichte es eine ruhige Betrachtung der Lage.
Picard kannte dieses Spiel, er hatte es schon so oft gespielt. Dieses Spiel, das begann, wenn die Waffen schwiegen, dieses Spiel der Worte, der emotionalen Reaktion und Gegenreaktion. In diesem Spiel, in dem es um Leben ging, um die Zukunft, um Schicksale, um Krieg und Frieden. In diesem Spiel war alles möglich. In diesem Spiel konnte David gegen Goliath siegreich sein, es konnte der Anfang vom Ende oder aber auch einen Neuanfang bedeuten. Es war das Spiel der Diplomatie.
Picard wartete geduldig.
„Keine Antwort“, kam die rhetorische Bemerkung von Worf.
„Gut. Wir warten.“
„Ortung! Die Fernbereichssensoren empfangen drei Objekte. Schnell näher kommend. Sehr schnell. Kurs...direkt auf unseren Standort.“
Wenn die Fernortung der ENTERPRISE im Alphaquadranten der Milchstrasse ihres Universums angeschlagen hätte, dann wäre es der Mannschaft normalerweise möglich gewesen in Ruhe auf die neue Situation zu reagieren. Doch das war nicht das Universum der ENTERPRISE. Die Schiffe waren innerhalb von zehn Sekunden in der Nahbereichsortung und fielen einen Atemzug später aus dem Hyperraum.
Ohne Warnung eröffneten die Neuankömmlinge das Feuer – auf die Hüterschiffe Samsalas.
„Verdammt!“ rief Rhodan instinktiv aus.
Picards Kopf flog zu ihm herum. In dieser Sekunde verstanden sich die beiden Männer. In dieser Sekunde zwischen einer Manöverbewegung der ENTERPRISE, zwischen den ersten schweren Treffereinschlägen bei den Hüter-Schiffen, zwischen dem Bremsmanövern der Rebellenschiffe und dem Gegenschlag der Hüter Samsalas, in dieser Sekunde zwischen der Möglichkeit auf ein Gespräch und dem kompromisslosen Sprechen der Waffen wussten diese beiden Männer das sie dasselbe wollten, das sie die gleiche Philosophie lebten und nach den gleichen Moralvorstellungen handelten. In dieser einen Sekunde entstand Vertauen.
Die Rebellenstaffel hatte scheinbar sofort das angeschlagene Hüterschiff ermittelt. Mit aller Feuerkraft warfen Sie sich in die Bahn zwischen die ENTERPRISE und die Hüterschiffe. Das Universum schien zu brennen, und Sekunden später warf eine gewaltige Explosion die ENTERPRISE aus der programmierten Bahn. Das Schiff der Hüter Samsalas verging in einer gewaltigen Glutwolke.
Das schien das Zeichen für die beiden anderen Schiffe zu sein. Augenblicklich gingen sie auf synchronen Fluchtkurs. Die Rebellen verfolgten Sie nur wenige tausend Kilometer. Nach knapp einer halben Minute hatten die Hüterschiffe die benötigte Geschwindigkeit erreicht und verschwanden im Hyperraum.
Die Rebellenraumer kamen längsseits der ENTERPRISE.
„Rufen sie sie“, sagte Picard trocken.
Augenblicke später erschien das Bild eines hochgewachsenen Mannes vor Picard. Im Hintergrund konnte er Laura Banks erkennen. Der Mann lächelte.
„Ich grüße Sie, Captain. Wie ist ihr Status? Die Lage ist unsicher hier. Wir werden Sie ins Schlepp nehmen und erst einmal von hier verschwinden.“
Picard schaltete den Status des Maschinenraums auf sein Anzeigepanel des Kommandosessels. Nur nach Sekunden wechselte die Anzeige und spielte ihm nun die Auswertung der Langstreckensensoren ein.
„Negativ“, sagte Picard nur, ohne eine Begrüßung. „Setzen Sie Ziel auf das nächste Sonnensystem.“
Er nannte seinem Gegenüber die soeben ermittelten Koordinaten. Erst danach sah er auf, und blickte James Gonnor direkt in die Augen. Sein Blick war eisig.
„Wir treffen uns dort im Ortungsschatten der Sonne. Ich erwarte Sie dort an Bord der ENTERPRISE. Umgehend!“
*
Die Tür schloss sich leise zischend hinter dem Captain der ENTERPRISE. Automatisch flammte das Licht in seinem Bereitschaftsraum neben der Brücke auf.
Stille umfing ihn. Ruhe. Er orderte am Nahrungsreplikator einen Tee und setzte sich, das dampfende Getränk vor sich auf den Arbeittisch stellend, in seinen Sessel. Für Sekunden vergrub er das Gesicht in den Händen und schloss die Augen. Noch immer plagten ihn Kopfschmerzen. Tief atmete er durch.
Der stellvertretende Chefingenieur der ENTERPRISE hatte vor einer Minute Warp-Bereitschaft gemeldet.
Picard hatte nichts anderes erwartet. Bereits der kurze Check vor dem Gespräch mit den Rebellen, hatte ihm gezeigt das keine schwerwiegenden Schäden am Antrieb vorhanden waren. Kaum hatte Beverly Crusher auf dem Maschinenraum für einsatzbereite Techniker gesorgt, war das Problem unter den interessierten Blicken des Arkoniden Atlan behoben worden.
So war deshalb keine fünf Minuten nach dem Gespräch mit James Gonner die ENTERPRISE wieder voll einsatzfähig.
Die Brücke war wieder vollzählig mit Offizieren besetzt und sein Schiff hatte das Sonnensystem mit dieser Wasserwelt und dem namenlosen Aggressor bereits hinter sich gelassen. Der Kurs auf den Rendezvouspunkt mit den Rebellenschiffen lag an. Die nächste Sonne war nur knappe eineinhalb Lichtjahre entfernt. Auch wenn die Rebellen dort lange vor der ENTERPRISE eintreffen würden, konnte auch das Föderationsschiff bei Maximum-Warp die Entfernung in vertretbaren 6 Stunden erreichen. Die große Schwäche der ENTERPRISE konnte in diesem Fall zum Vorteil genutzt werden. Die Hüter Samsalas würden nicht damit rechnen, dass die Nebenweltler die Zeit nicht nutzen würden, um diesen Raumsektor möglichst schnell zu verlassen. Noch wussten sie nicht über die überaus geringen Überlichtgeschwindigkeitswerte, die zu erreichen die ENTERPRISE nur in der Lage war. Sie würden auf dieser Grundlage falsche strategische Entscheidungen treffen.
Wie in Zeitlupe lies sich Picard in seinem Sessel zurücksinken.
„Wo sind Sie, Q?“
Laut und fordernd sprach er die Worte in die Stille und vermeintliche Leere des Raums.
Keine Antwort.
„Was soll dieses Versteckspiel noch? Ich weiß, dass sie hier sind. Hier in diesem Raum, auf diesem Schiff, in diesem Universum.“
Ruckartig schwenkte er in seinem Sessel herum und blickte aus dem Fenster. Sternenschlieren fielen hinter der ENTERPRISE zurück. Sonst war da nur Schwärze. Er suchte sein Spiegelbild in der Verbundglasscheibe, und fand auch nur das eigene.
„Weis der Teufel, was sie hier suchen, aber ich denke das sie für unseren – Unfall – nicht verantwortlich sind. Hatten Sie selbst einen - Unfall, Q?“
Keine Antwort. Picard sprach mit seinem Spiegelbild .
Erneut schloss er die Augen und schwenkte mit seinem Sessel wieder herum. Das Verhalten Q’s passte nicht so ganz in das Bild, das er sich von dem Superwesen im Laufe der Jahre gemacht hatte.
Es sah Q nicht ähnlich sich zu verstecken, zumindest nicht ohne Hintergedanken. Vielleicht verstand Picard diese Gedanken nur nicht. Vielleicht war Q auch nur zu Besuch; wechselte zwischen den Universen, wie er zwischen den Zeiten wechseln konnte. Er konnte zwischen alternativen Realitäten wechseln, das wusste Picard. Aber war das wirklich zur Gänze dasselbe?
„Q?“
Keine Antwort.
Kopfschüttelnd nahm er den Tee vom Tisch und trank davon. Nur um im gleichen Moment das Gesicht verziehend das Glas zurück auf den Tisch zu stellen.
Was er eben getrunken hatte, war kein Earl Grey Tea, den er geordert hatte, sondern süßer, billig schmeckender Zitronentee.
Wütend erhob er sich und ging zur Tür. Es gab viele Möglichkeiten zu kommunizieren. Er hatte keine Lust auf solche Spielchen; nicht hier, nicht jetzt, niemals.
Erst kurz vor der Tür blieb er stehen und drehte sich nochmals um. Langsam ließ er seinen Blick über sein leeres Bereitschaftszimmer gleiten.
„Trotzdem“, flüsterte er mehr, als das er es sagte. „Danke.“