1. Begegnungen I

Die Geräusche veränderten sich, wenn man den Hauptmaschinenraum der ENTERPRISE betrat. Es war als würden die im Laufe der Zeit zu einem kaum noch wahrnehmbaren Hintergrundgeräusch verschmolzenen Töne geradezu explodieren, sich Raum verschaffen und lebendig werden. Da war das charakteristische Pulsgeräusch der Materie-Antimaterie-Reaktionskammer. Die im selben Rhythmus in einem hellen Blauton glühende, etwa zwei Meter durchmessende Säule, die in dem Reaktor endete, unterstrich das Geräusch visuell überaus beeindruckend.

Mancher Besucher hatte das Pulsgeräusch schon mit dem dumpfen Trommelrhythmus auf einer Galeere der frühen Menschheitsgeschichte verglichen, doch Reginald Bull empfand es anders. Hier auf Deck 36 schlug für ihn das Herz der ENTERPRISE. Es waren starke, bestimmende Schläge, die das Schiff vorwärtstrieben.

Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen betrat er den Raum. Er war nicht das erste mal hier. Bereits vor 12 Stunden hatte er den Hauptmaschinenraum das erste mal betreten. Es war während der Nachtschicht gewesen und ein gelangweilter Fähnrich hatte ihn nach einem kurzen Wortwechsel wieder fortgeschickt, als er den "Chef hier" hatte sprechen wollen. Lieutenant Geordi LaForge war zu diesem Zeitpunkt nicht anwesend gewesen.

Bull hatte mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen, daß sich hier einfach keiner für ihn interessierte. Einerseits war er froh darüber, nicht als der Reginald Bull erkannt zu werden, aber andererseits war es nicht so einfach seit Jahrtausenden gewohnte Verhaltensmuster von Gesprächspartnern plötzlich nicht wiederzufinden. Er vermißte den gewissen Ausdruck in den Augen anderer Menschen, wenn sie mit ihm sprachen. Er hatte sich oft Gedanken darüber gemacht und nach einer Definition für diese Blicke gesucht, doch er war nie zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. Es war wohl eine Mischung aus Bewunderung, manchmal Verehrung und der ständigen Suche nach dem besonderen Etwas in der äußeren Erscheinung eines Unsterblichen. In den letzten zweitausend Jahren hatte Bull jedoch immer mehr den Eindruck gewonnen, daß es eher Blicke waren, die man auch einem interessanten Artefakt in einem Museum schenkt. Natürlich war es anders mit Leuten gewesen, mit denen er sich einige Zeit unterhalten hatte, mit denen er zusammenarbeitete – die einen eben kennenlernten. Sie erkannten schnell, daß auch die Unsterblichen nur Menschen waren, die ihre alltäglichen Probleme ebenso durchzukauen hatten wie jeder Mensch – nur waren eben auch einige Probleme von kosmischer Bedeutung dabei.

Hier an Bord der ENTERPRISE war es nun in der tat anders, und Bull befürchtete, daß es vielleicht sogar umgekehrt sein würde. Würden die Menschen hier irgendwann hinter die Fassade der gewöhnlichen Schiffbrüchigen sehen können? Und mit welchen Reaktionen mußten sie dann rechnen? Rhodans Vorschlag sich vorerst mit Informationen über die eigene Person zurückzuhalten schien Bull inzwischen sehr vernünftig, auch wenn er zunächst seinem Naturell hatte folgen wollen die Karten offen auf den Tisch zu legen. Es war im Moment wohl wirklich besser so. Aber wie lange würde es so funktionieren? Konnte man wirklich Jahrtausende eines Lebens einfach so aus dem Gesicht eines Menschen hinweg wischen?

Du bist der nette kleine Forscher aus dem Nachbaruniversum, murmelte er zu sich selbst, als er in den Maschinenraum trat.

Im Gegensatz zu seinem letzten Besuch herrschte jetzt wesentlich mehr Betriebsamkeit. Techniker standen und saßen in ihren gelben Uniformen vor den unterschiedlichsten Kontrollen, verglichen Daten, nahmen Einstellungen vor oder diskutierten miteinander.

Bull wußte inzwischen, daß die Farbe Gelb für den technisch, sowie sicherheits-technischen Bereich an Bord eines Föderationsschiffes stand, während Rot für Führungskräfte und Blau für die Wissenschaftler in der Sternenflotte dieses fremden Universums stand. Bull stufte diese Uniformgestaltung als überaus funktionell ein, und er fragte sich, wie es sich wohl an Bord der BASIS machen würde. Er konnte sich ein breites Grinsen bei dem Gedanken nicht verkneifen, wenn man etwa den 2,55 Meter großen Ertruser Arlo Rutan in eine derartige gelbe Kluft gezwungen hätte. Mike würde sich sicherlich gut darin machen, aber der Sohn Rhodans machte sich ja in nahezu allen Klamotten gut. Bedächtig fuhr er mit der flachen Hand über seinen leichten Bauchansatz. Der lange Flug zurück von der Großen Leere hatte ihn träge werden lassen. Ob es hier an Bord der ENTERPRISE vernünftige Fitneßräume gab?

Als zwei Techniker an ihm vorbei zum Turbolift drängten, wurde er in die Realität zurückgerissen.

Wenn man den Hauptmaschinenraum betrat, viel einem als erstes der den Vorraum dominierende Kontrolltisch mit den Primärsystemanzeigen auf.

Bull schlenderte an dem Tisch vorbei, sah dabei einer Technikerin über die Schulter, die gerade an dem erhöhten Tischterminal Daten abrief, und ging weiter bis zur Hauptreaktorkammer. Hier teilte sich der Gang auf, und führte um den Reaktor herum. Bull sah zu seiner Rechten einen Techniker in einem kleinen offenen Aufzug ein Deck höher fahren. Wie bereits vor zwölf Stunden legte er den Kopf in den Nacken, und blickte an der rhythmisch glühenden, transparent wirkenden Säule empor.

Hier mußte die Materie oder Antimaterie in die Reaktionskammer geleitet werden – das war Bull klar. Die Säule enthielt also wahrscheinlich den Materie- bzw. Antimateriestrom bündelnde und ausrichtende Segmente.

"Die bis Deck 30 führenden Querschnittsverengungssegmete des Materiestromes - wechselnde Schichten aus kohlenstoffbedampftem Ferrazit und transparentem Aluminium-Bor-Silikat. Unterhalb der Reaktorkammer beginnen die Segmente der Anti-Materiekammer, die bis auf Deck 42 führen. Das blaue Glühen, das Sie sehen sind lediglich harmlose Sekundärphotonen, die von den inneren Schichten abgegeben werden."

Bull blickte überrascht zu dem Mann der an einer Konsole links von ihm gearbeitet hatte, und nun aufstand und zu ihm herüberkam. Das auffallendste an dem Mann mit der schwarzen Hautfarbe war zweifellos das seltsame Gerät, das er über den Augen trug. Es hatte eine schmale Bogenform und endete über den Schläfen am Haaransatz. Bull hielt es für ein spezielles Gerät um vielleicht am Reaktor arbeiten zu können. Erst später sollte er erfahren, daß der Mann nur mit Hilfe dieses Gerätes seine Umgebung wahrnehmen konnte – der Mann, der jetzt neben ihn trat, war ohne diese Sehhilfe blind. Er streckte Bull die Hand entgegen.

"Geordi LaForge, Cheftechniker der ENTERPRISE"" stellte er sich vor. "Ich hörte, Sie haben nach mir gefragt, Mister...?"

"Bull, Reginald Bull." Der Unsterbliche erwiderte den Handschlag. "Ein schönes Schiff haben Sie hier."

"Danke. Aber ich denke, daß sie an dem Ort, von dem Sie kommen noch bessere Schiffe haben."

"Wie kommen Sie darauf?"

Geordi LaForge reichte Bull wortlos ein flaches Multifunktionspad. Im Anzeigefeld waren die Umrisse eines Anzugs von humanoider Form zu sehen. Wichtige Bereiche waren mit Werten und Diagrammen gekennzeichnet. Bully wußte sofort, was er da sah.

"Das ist unser SERUN." Er blickte LaForge an, als wäre damit alles gesagt, doch die Mine des Cheftechnikers der ENTERPRISE blieb abwartend. Bull atmete tief durch, blickte dann noch einmal zu den blau pulsierenden Querschnittsverengungssegmenten auf. Sein Blick blieb schließlich an der Reaktorkammer hängen als er fortfuhr. "Semi-reconstituent recycling unit."

Der Unsterbliche blickte LaForge nun direkt an. "Ein Raumanzug mit einigen Extras. Schutzschirm, Antigrav, Deflektorsystem und vollsystemintegrierte Syntron."

Bull konnte den Ausdruck in LaForges Augen zwar nicht sehen, doch sein Gesicht war eine einzige große Frage. Man konnte sehen wie er nach den richtigen Worten suchte. Er blickte Bull an, dann wieder die Darstellung des SERUNS, dann wieder Bull. Schließlich schüttelte er den Kopf.

"Mister Bull, würden sie mich wohl in eines unserer Labors begleiten. Ich habe noch viele Fragen."

Bull verzog das Gesicht.

"Was würde es an unserer Situation ändern, wenn ich diese Fragen alle beantworte?"

Jetzt lächelte Geordi LaForge. "Vielleicht eine Menge, vielleicht auch nichts. Auf jeden Fall könnte ich danach ruhiger schlafen."