2. Ein Tiriljaner
Über dem Raumhafen Faastolok Süd ging gerade die Sonne unter und tauchte dabei das Landefeld in ein unwirkliches Rot, als das Händlerschiff auf seinem zugewiesenen Landesektor niederging. Staub und Dreck wurde unter den Energien der Landedüsen aufgewirbelt und bildete purpurne Wolken, die langsam wieder zu Boden sanken. Auf Qhaarim IV herrschte eine Schwerkraft von 0,9g und eine Atmosphäre mit einem Sauerstoffanteil von ziemlich genau 19 Prozent.
Die Landestützen nahmen knarzend das Gewicht des etwa 20 Meter langen, klobig geformten Raumers auf. Das Heulen der Düsen und das Sirren des Antriebsaggregats erstarb. Die blinkenden Positionslichter des Schiffes erloschen. Kurz darauf öffnete sich zischend die Schleuse des Schiffes und eine schmale Rampe schob sich die eineinhalb Meter von der Schiffsluke bis zum Betonboden des Landefelds hinunter. Eine etwa zwei Meter große, humanoide Gestalt betrat die Rampe und ging mit schleppenden Schritten nach unten. Dort angekommen drehte sie sich um und verschloß über eine Fernsteuerung das Schott. Erst als die Luke krachend in den Rahmen fuhr und die Verriegelungsmechanik durch einen lauten Schlag das Schiff gesichert hatte, drehte sich das Wesen langsam um und machte sich schwerfällig auf den Weg zum nahen Hafenterminal. Die Gestalt war in ein weites dunkles Gewand gehüllt, daß aus den unterschiedlichsten Soffen zusammengeflickt zu sein schien. Aus den Ärmeln konnte man zwei schwarze fünffingrige Krallen ragen sehen. Auf dem Kopf trug das Wesen eine Kapuze die es sich nun tiefer ins Gesicht zog. Es wurde spürbar kälter auf dem Raumhafenfeld. Die Sonne war nun schon fast völlig hinter dem Horizont verschwunden. Feurig rot spiegelte sich der Himmel in den Fensterfassaden der nahen Gebäude. Dahinter lag die Stadt. Der Fremde konnte die Silhouette der unterschiedlichsten Gebäudeformen erkennen. Hier gab es keine Bauordnungsämter, die bestimmten was wo und wie gebaut werden durfte. Es gab hier fast überhaupt keine Ämter welcher Art auch immer - ein guter Ort für einen guten Handel. Smog hing über der größten Stadt dieses Planeten. Der blinkende und zuckende Widerschein unzähliger Lichter und Reklameflächen, welche alle Bezirke von Faastolok durchzogen, warfen ihr fahles Licht in die Dämmerung. Die Gestalt blieb noch einmal stehen und wandte sich um. Sie sah der Sonne zu, wie sie gänzlich unterging. Dann verharrte des Wesen noch einige Sekunden an der selben Stelle, bevor es sich endlich weiter in Richtung Hafengebäude bewegte. Es war inzwischen wesentlich kälter geworden. Die Nacht dauerte auf dieser Welt 46 Stunden. Es war für den Planeten eine pechschwarze Nacht, die von keinem einzigen Mond erhellt wurde, und in der die Temperaturen bis auf minus 30 Grad Celsius zu dieser Jahreszeit sanken. Wer nachts ohne Schutzkleidung nicht in einer der wenigen Städte oder Dörfer des Planeten war, der starb entweder oder er war ein Chamasch, einer der bepelzten Ureinwohner des Planeten. Die Empfangshalle nahm den neuen Besucher auf, und empfing ihn mit Wärme, dem beißenden Körpergeruch unzähliger Wesen und einem unbeschreiblichen verwirrenden Lärm den hier Reisende und Terminalcomputerstimmen veranstalteten. Der Fremde brachte schnell die Zollformalitäten hinter sich, die hier auf der Freihandelswelt Qhaarim IV nicht besonders eng gesehen wurden. Das Quaarim-System war ein weit vorgeschobener Außenposten der samsonischen Völkergemeinschaft. Die Gesetzte wurden hier am Rande der Sperrzone nicht so genau genommen. Das bildete einen vorzüglichen Nährboden für schmutzige Geschäfte, Piraten und jede Art von galaktischem Gesindel, das sonst nirgendwo auch nur noch ein einziges Geschäft hätte tätigen können. Gerüchte behaupteten sogar, daß man hier manchmal auf menschliche Rebellen traf. Doch das waren Gerüchte wie es sie auf allen Außenwelten immer wieder gab und die glücklicherweise niemals bestätigt wurden. Der Gedanke war auch zu beängstigend, um ihn konsequent zu ende zu denken. Hätte man auch nur einen freien Menschen hier aufgespürt, würde es Stunden später von samsonischen Kriegsschiffen nur so wimmeln schlechte Aussichten für den besonders freizügigen Handel auf dieser Welt. Die Errichtung des Tores vor nun über sechs Standardmonaten hatte Bereits einen Eindruck vermittelt, wie die Anwesenheit der Behörden die Geschäfte negativ zu beeinflussen verstand. Inzwischen hatte sich die Lage etwas normalisiert, und die Inbetriebnahme des Tores hatte den Handel im Quaarim-System sogar gewaltig ansteigen lassen. Trotzdem zeugte die permanente Anwesenheit der samsonischen Wachflotte davon, daß es nie wieder so sein würde wie vor dem Torbau. Man mußte vorsichtiger sein das rief sich auch die Gestalt nochmals ins Gedächtnis, bevor sie auf die Straße vor dem Hafengebäude hinaustrat. Auch hier herrschte geschäftiges Treiben. Dichter Gleiterverkehr in drei Ebenen zog sich an dem Betrachter vorbei, und die unterschiedlichsten Geschöpfe drängelten sich auf den Gehwegen. Das Wesen erkannte mehrere Samsonier, jedoch trug kein einziger eine Uniform, was natürlich nichts zu sagen hatte. Er sah einige Alpha-Centauren, natürlich viele Chamasch und sogar zwei Klingonen, die man in dieser Ecke des Quadranten immer seltener antraf. Auf der anderen Straßenseite konnte er den hitzigen Streit zwischen einem Vulkanier und einem Topsider beobachten. Die beiden Wesen schrien sich aus ihren Gleitern heraus an. Es ging scheinbar um eine Parkbucht, die jeder für sich in Anspruch nahm. Die Differenzen wurden schließlich dadurch beendet, daß der Topsider mit einem schweren Strahler das Cockpit seines Kontrahenten in Flammen setzte. Der Vulkanier hatte keine Gelegenheit mehr zu reagieren. Er verbrannte in seinem Gleiter. Das Fahrzeug wurde noch einige Sekunden von der Automatik in der Luft gehalten. Dann erfolgte eine dumpfe Explosion und der Gleiter kippte seitwärts weg und schlitterte über den nassen, langsam überfrierenden Asphalt mehrere Meter über die Straße bis es krachend in einem anderen geparkten Fahrzeug zur Ruhe kam. Die Passanten nahmen nur kurz Notiz von dem Ereignis, dann gingen sie teilnahmslos weiter. Irgendwann würde die Ordnungsbehörde auftauchen, die Trümmer wegräumen und vielleicht möglichen angehörigen des Opfers die Nachricht eines tragischen Unfalls übermitteln. Auch der eben angekommene Besucher des Planeten wollte sich abwenden und nach dem nächsten Taxi Ausschau halten, als er von der Seite angestoßen wurde. Als er sich dem Anderen zuwandte, erblickte er ein Wesen, das von der selben Rasse zu sein schien, wie er selbst. Es trug eine ähnliche kuttenartige Kleidung, hatte etwa die selbe Größe und unter den langen Ärmeln der Kluft konnte man dieselben Klauen erkennen. Der Artgenosse begann in einer Sprache auf den Neuankömmling einzureden, die wohl der Heimatsprache der beiden entsprach. Es waren knarzende, schabende Tonfolgen und der Redeschwall dauerte fast eine Minute. Als der Fremde fertig war herrschte zunächst Schweigen zwischen den beiden, dann erfolgte eine knappe barsche Antwort des Neuankömmlings, der sich daraufhin abwandte um zu einem Taxi zu gehen. Doch der Artgenosse ließ so schnell nicht locker. Abermals zog er den Anderen zu sich herum und redete auf ihn ein, dann stockte er. Kam mit seinem Gesicht näher an das des anderen heran und versuchte unter die über den Kopf gezogene Kapuze zu sehen. Dann murmelte er etwas und begann dann urplötzlich loszuschreien. Zunächst keifte er in seiner eigenen Sprache auf andere Passanten ein und hielt den Neuankömmling dabei an einem Arm fest. Erst als der Artgenosse merkte, daß er in seiner eigenen Sprache nicht verstanden wurde, wechselte er in die allgemeine Verkehrssprache und schnarrte von neuem los. Er konnte allerdings nur zwei Wörter formulieren, als er von dem Neuankömmling gepackt und gegen die nächste Hauswand geschleudert wurde. Unter einem gurgelndem Laut erstarb das Gekeife. Zwei blitzschnell ausgeführte Schläge folgten, und der Artgenosse sank lautlos in sich zusammen. Er nahm die Gewißheit in die Bewußtlosigkeit mit hinüber, daß er es hier eben nie und nimmer mit einem Angehörigen seines Volkes zu tun gehabt hatte. Einer der Ordnungskräfte, welche die Reste des zerstörten Gleiters wegräumen mußten, rempelte ihn eine halbe Stunde später an und rettete ihn so vor dem Erfrierungstod. Seinem erneut einsetzendem Gerede schenkte der Beamte jedoch keinerlei Beachtung. Inzwischen hatte der Neuankömmling sein Ziel bereits erreicht. Im Schein zuckender Neonleuchten verließ er das Gleitertaxi. "Traders Motel"" stand hier in samsonischen Lettern geschrieben. Von der anderen Straßenseite drang der gedämpfte Lärm aus einer Bar zu ihm herüber. "Quins Bar" hatte das Wesen, die Spelunke für sich getauft. Tatsächlich trug sie den Namen Qunitsonimaschtarrak Bar eine Name der noch schlimmer ausgesprochen als geschrieben wurde. Hier trieb sich nur Gesindel herum also ein exzellenter Ort um seinen Geschäften nachzugehen. Unter einem sirrenden Geräusch erhob sich das Gleitertaxi von der Straße und verschwand um die nächste Straßenecke. Hier, in diesem Teil der Stadt war weit weniger los, als im Bereich um den Raumhafen. Nur vereinzelte, vermummte Gestalten bewegten sich vorsichtig über die inzwischen glatten Gehwege. Eben rollte ein altes Enteiserfahrzeug die Straße herauf um Gehweg und Straßenbelag aufzutauen und die Flüssigkeit zu verdampfen. Das führte dazu das sich der Wasserdampf hinter dem Fahrzeug an den Häuserfassaden niederschlug und dort sofort wieder gefror oder als lockerer Schnee zu Boden fiel. Das Enteiserfahrzeug schuf so eine fast märchenhaft wirkende Winterlandschaft auf seinem Weg durch die Straßenschluchten. Keiner hatte jedoch hier ein Auge für derartige Dinge. Nur das Wesen, das eben aus dem Taxi gestiegen war, sah kurz die Straße hinunter um sich jedoch dann schnell in die Wärme der Motelräume zu flüchten. Inzwischen hatte die Temperatur über minus 20 Grad Celsius erreicht. Ein eisiger Wind pfiff durch die Häuserschluchten und trieb die Kälte unter die Kleidung der Passanten. Nur sehr wenige Wesen vertrugen diese Klima und hielten sich zu dieser Zeit gerne auf offener Straße auf. Hinter dem Empfang des Motels lümmelte ein Chamasch und stierte in ein Videogerät. Dumpf beherrschten die Geräusche des Spielfilms den schäbig eingerichteten Raum. Der Fremde kannte sich hier aus, denn es war nicht das erste mal, daß er hier sein Quartier aufschlug. "Hallo," sprach der neue Gast, als er an die Theke des Empfangs trat. Der Chamasch, ein bepelztes Wesen von fast zweieinhalb Metern Größe, reagierte zunächst überhaupt nicht. "Hallo", sagte der Neuankömmling erneut. "Ich hätten gern Zimmer." "30 Sam pro Nacht. Zahlbar für eine Nacht im Voraus", murmelte der Chamasch ohne aufzublicken. "Gut. Ich einverstanden. Bleiben zwei oder drei Tage. Okay?" Jetzt setzte sich der Chamasch in seinem Stuhl doch auf, was aber wohl weniger am Interesse an dem neuen Gast, als vielmehr an der Werbeunterbrechung des Filmes lag. Er griff nach dem elektronischen Gästebuch und musterte nun sein Gegenüber genauer. "Teriljaner, was?" "Sein richtig", erwiderte der Gast, und zog wie zur Bestätigung seine Kapuze vom Kopf. Ein breites grünbraunes Gesicht mit einer dicken lederartigen Haut kam zum Vorschein. Zwei pechschwarze große Augen blickten den Portier an. Das Gesicht besaß zwischen den Augen einen kleinen länglichen Spalt, welcher als Nasenöffnung diente und einen breiten Mund, in dem der Chamasch lange spitze Reißzähne erkennen konnte. "Keine lebende Nahrung auf den Zimmern. Ist das klar?" "Sicher doch." Der Chamasch reichte ihm das Gästebuch. "Tipp deinen Namen hier ein." Der Gast tat es und schob dem Portier danach fünf Zehn-Sam-Scheine über die Theke. "Stimmt so. Wie laufen Geschäfte zur Zeit?" Der Chamasch ließ mit einem Grunzen zwei Scheine in der Kasse verschwinden. Die anderen Drei landeten in einer Schublade. Dann blickte er auf die Gästeeintragung. Das elektronische Gerät hatte schnelle Arbeit geleistet. "Trinol Stingorm", las er, nun bereits wesentlich freundlicher. "Stammgast, was? Du bist bereits das achte Mal hier." "Das richtig." "Tut mir leid, aber ich kann euch Teriljaner nicht auseinanderhalten, aber so gehts mir mit den meisten Besuchern. Die Geschäfte? Gut. Gestern ist ein Schiff mit kirindianischen Spirituosen gelandet. Ich habe gehört es sollen auch einige stärkere Rauschmittel in den Frachträumen liegen." Der Chamasch warf dem Tiriljaner eine Codekarte zu auf der die Ziffer 26 gedruckt war. Dann wandte er sich wieder seinem Videogerät zu. "Quantonen?" Irritiert blickte der Portier erneut auf. Es schien ihm genug Information für 30 Scheine gewesen zu sein. Er musterte den wohl als abwartend zu bezeichnenden Gesichtsausdruck des Gastes und ließ sich dann zu einer weiteren Auskunft herab. "Nicht viel los zur Zeit. Das letzte Schiff passierte das Tor vor über einer Woche, aber ich habe gehört, daß jederzeit mit einer erneuten Ankunft zu rechnen ist." "Danke für Auskunft." "Wann werdet ihr Tiriljaner endlich richtig sprechen lernen", murmelte der Chamasch zu sich selbst, während der Gast mit schleppenden Schritten die Treppe in den zweiten Stock hinaufkroch. "Ihr seid richtige Krüppel", dachte der Chamasch noch, bevor er sich wieder der Sendung widmete. Sicherlich hätte er anders gedacht, wenn er die blitzschnellen Attacken seines neuen Gastes vor dem Hafengebäude gesehen hätte. Schwer keuchend erreichte der Gast sein Zimmer, doch kaum war die Tür hinter dem vermeintlichen Tiriljaner ins Schloß gefallen, veränderte sich die Haltung das Wesens. Eine der Krallenhände brachte ein kleines Gerät zum Vorschein. Der Fremde hielt es hoch in die Luft, und nach wenigen Augenblicken begann es einmal kurz zu piepsen und eine kleine grüne Leuchtdiode erklomm auf der Oberseite des Geräts. "Sauber", sagte das Wesen nur, in einer Sprache, die hier nicht gerade der Verkehrssprache entsprach, jedoch auch absolut nichts mit der tiriljanischen Heimatsprache zu tun hatte. Das Wesen deaktivierte den kleinen Scanner und ließ ihn auf das Bett fallen. Mit einer schnellen Bewegung entledigte sich der Fremde der Kutte. Schwer fiel das Kleidungsstück zu Boden und gab den Blick auf einen schlanken humanoiden Körper frei, der nichts mit der Schuppenhaut, dem typischen titiljanischen Brustpanzer und den scharfen Knochenrippen gemeinsam hatte. Die Krallenhandschuhe fielen ebenfalls zu Boden und als letztes streifte sich der Gast erleichternd aufatmend die Kopfmaske ab. Die Gestalt streckte sich. Muskeln spielten unter der eng anliegenden Kleidung. Der Gast ging ins Bad und stellte sich vor den Spiegel. Der vermeintliche Tiriljaner öffnete eine Haarspange und langes schwarzes Haar viel glatt und schweißdurchnäßt bis auf die Schultern. Auflockernd fuhren die schmalen fünffingrigen Hände hindurch, bis einige Strähnen tief in ein ebenmäßiges Gesicht hingen. Die Frau betrachtete sich mehrere Minuten im Spiegel. Diese Maske trieb ihr jedesmal den Schweiß aus allen Poren. Trotzdem war es immer noch eine der wirkungsvollsten Maskeraden, die es für Menschen gab. "Du siehst furchtbar aus, Laura Banks", murmelte sie. Dann entkleidete sie sich vollends und stellte sich über eine halbe Stunde unter die Dusche.