4. Der Schatten

Laura Banks wiegte den Gegenstand bedächtig in den Händen. Die Krallenhandschuhe, die sie trug, ließen keinen Tastsinn zu, aber sie tat so als würde sie jede feinste Erhebung und Vertiefung der kleinen Schale spüren. Nachdenklich betrachtete sie die feinen Gravuren. Die Bearbeitung erschien ihr absolut frisch, so als habe der Künstler sein Werkzeug eben erst zur Seite gelegt. Bedächtig fuhr sie mit einer Klaue über das Abbild eines Jägers, der einen Speer in den Händen hielt und in prächtige Kleider gehüllt war. Kein Zweifel: Die Gravur zeigte einen Menschen.

Sie nahm einen kleinen Scanner und führte ihn mehrere Male über das Kunstwerk. Die Daten waren eindeutig.

"Ohne Zweifel ein Quanton", murmelte sie, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und blickte dann ihr gegenüber sitzenden Ferengi lächelnd an.

"Wieviel?"

Die den Ferengi eigene nervöse Art, wenn es um Geschäfte ging, hatte auch dieses Exemplar nicht verschont. Immer wieder blickte er sich in der Bar um. Verfolgte jede Person in Quins-Bar, die an ihrem Tisch vorbei ging mit den Augen um auch keinen einzigen Blick des Interesses für seine Ware zu übersehen. Dabei spielte er unablässig mit dem leeren Glas vor sich auf dem Tisch und malte mit einigen Tropfen verschütteten Alkohols Ringmuster auf den Kunststoffbelag.

"Es ist eines der letzten erhältlichen Quantonen zur Zeit."

Laura lächelte immer noch unter ihrer Maske. Feine neuroelektrische Sensoren übertrugen das Schema der angespannten Gesichtsmuskulatur auf die Maske. Fünfzigtausend hatte sie das Ding gekostet, inklusive der Handschuhe, die bis zu den Ellenbogen reichten. Fünfzigtausend für ein Teil, daß in keiner Weise klimatisiert war. Bereits jetzt rann ihr der Schweiß wieder in kleinen Bächen den Nacken hinunter. Sie spürte, wie ihr das Haar auf dem Kopf klebte, und Schweiß in die Augen lief. Auch die Reaktion darauf übertrugen die Sensoren. Man sah sehr selten augenzwinkernde Tiriljaner. Auch das schien den Ferengi nervös zu machen.

"Dreißigtausend."

Jetzt mußte Laura laut auflachen. Äußerlich riß der vermeintliche Tiriljaner dabei sein Maul mit den langen Reißzähnen weit auf und ein rauhes Krächzen verließ den Rachen. Der Ferengi zuckte instinktiv zusammen. Laura hatte in etwa diesen Geldbetrag erwartet; sie hatte es schließlich mit einem Ferengi zu tun. Amüsiert musterte sie ihr Gegenüber. Laura war sich fast sicher, daß Ferengi in allen Universen den gleichen Charakter an den Tag legten. Er mußte einfach tief in ihren Genen verankert sein, dieser Drang zu Feilschen und dabei nach Möglichkeit den Kunden übers Ohr zu hauen.

"Du beliebst zu scherzen", sagte sie nur.

Da war er plötzlich wieder. Laura Banks hatte ihn bisher nur unterbewußt wahrgenommen. Doch Sie war geschult in diesen Dingen. Sie merkte es instinktiv, wenn sie beobachtet wurde. Es war überlebenswichtig als Mensch diesen Instinkt zu entwickeln.

Es war jetzt das dritte mal, daß ihr die Kuttengestalt auffiel. Das erste mal hatte Laura sie auf der Straße gesehen. Dann hatte sie kurz nach ihr Quins Bar betreten. Jetzt schob sie sich an ihrem Tisch vorbei zur Theke und bestellte sich einen Drink. Dabei fiel ihr Blick wie zufällig zu ihr herüber. Laura konnte nicht erkennen um welches Wesen es sich handelte. Der humanoide, etwa 190 cm große Körper war völlig von der Kutte umhüllt und das Gesicht unter einer Atemmaske verborgen. Der Fremde verstand es meisterhaft in der Menge zu verschwinden. Wenn man ihn nicht gezielt beobachtete, ging er in seiner farblosen grauen Kutte und den gleichmäßigen, zu keiner Sekunde hastigen Bewegungen in der Menge völlig unter. Er war wie ein Schatten im hektischen Treiben der Bar, in der sich Vertreter der Völker aus der ganzen Galaxis zu tummeln schienen. Laura tat so als bemerke sie ihn nicht.

"Ich habe noch andere Interessenten", giftete der Ferengi jetzt und zog damit ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. Den Fremden ließ sie jedoch nicht mehr aus den Augen.

"Davon bin ich überzeugt", sie hatte ihr Lächeln nicht verloren. "Und vielleicht findet sich ja sogar ein verwirrtes Geschöpf, das bereit ist diesen Preis zu zahlen. Von mir bekommst du jedenfalls nur Zehntausend für das Ding - und noch einen Drink."

Der Ferengi gaggerte nervös auf. Es war die Art, wie Ferengi zu lachen pflegten. "Das ist lächerlich. Zwanzigtausendfünfhundert ist mein letztes Angebot."

Der Fremde löste sich von der Theke und kam auf sie zu.

"Inakzeptabel", übertrug die Maske mit scharrenden Lauten Lauras Worte nach außen. Gleichzeitig spannte sich ihr Körper unter ihrer Kutte an. Sie sah den Fremden nur aus den Augenwinkeln, einem Schatten gleich, doch sie war absolut bereit einem möglichen Angriff blitzschnell zu begegnen.

"Wir wissen beide, daß ein Quanton dieser Größe keinesfalls diesen Preis wert ist."

"Wir wissen auch beide, daß nicht die Größe zählt, sondern die Tatsache, daß es ein Erzeugnis der Menschen ist. Und das wiederum steht außer Frage, Tiriljaner."

Der Fremde hatte sie erreicht und ging ohne zu zögern an ihr vorbei zu seinem Tisch einige Meter hinter ihr an dem er alleine saß. Damit verschwand er aus dem unmittelbaren Sichtbereich Lauras. Sie war nachwievor überzeugt das der Fremde sie beobachtete. Damit war ihre momentane Position auf dem Stuhl nicht mehr zu halten.

"Tut mir leid, Ferengi. Aber wir kommen wohl nicht ins Geschäft", sagte sie während sie sich erhob und Anstalten machte um den Tisch herum zur Theke zu gehen. Als Sie den Tisch halb umrundet hatte, hielt sie der Ferengi im Arm fest.

"Warte", rief er aufgebracht, als könne er es einfach nicht fassen, daß man sein Verhandlungsgeschick dermaßen mit Füßen trat. Sie stand jetzt neben dem Ferengi und konnte den Fremden an seinem Tisch wieder sehen.

"Was ist noch?"

In diesem Moment hallte ein intensiver zirpender Ton durch die Bar, und die zahlreichen Monitoren, auf denen die unterschiedlichsten Videoprogramme oder Datenkolonnen des planetaren Informationsnetzes abliefen, wechselten synchron auf einen Kanal und zeigten nun das Bild einer chamaschen Nachrichtensprecherin.

"An alle Bewohner des Quaarim-Systems. Wie uns soeben von der samsonischen Torleitung bestätigt wurde, wird in genau dreiundfünfzig Komma sieben-neun Standardstunden eine Ankunft erfolgen. Der Tor-Countdown wird hiermit aktiviert. Das Ladevolumen ist noch nicht bestätigt, aber wir gehen von mindestens zwanzig Tonnen aus. Alle fünfunddreißig Auktionshäuser nehmen ab sofort ihre Reservierungen an. Bitte vergessen Sie nicht die Gefahren des Trans-Schocks. Wir werden zur gegebenen Zeit nochmals darauf hinweisen um Unfällen vorzubeugen. Beachten Sie in diesem Zusammenhang auch, daß sämtlicher Transportverkehr bereits zwei Stunden vor der Ankunft eingestellt wird. Ich danke ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und nun weiter mit unserem Programm..."

Auf dem Gesicht des vermeintlichen Tiriljaners zeichnete sich ein breites Grinsen ab, wobei die schwarzen Lippen weit zurückrutschten und das komplette überaus beeindruckende Gebiß freilegten.

"Soviel zu einem der letzten verfügbaren Quantonen in diesem System. Ich sage dir etwas, Ferengi, weil du mir sympatisch bist, halte ich das Angebot von Zehntausend noch für genau fünf Sekunden aufrecht."

"Verkauft!" platzte es aus dem Ferengi resignierend hervor. Jeder würde sich jetzt nur noch auf die neue Lieferung stürzen, und absolut keiner würde sich mehr für eine kleine Schale interessieren, die bereits fast ein Standardjahr alt war. Das würde sich erst wieder ändern, wenn die Ladung komplett verkauft war und einige Wochen später die Kaufkraft langsam wieder zurückkam. Aber das würde eben dauern. Kein Ferengi würde solange auf seiner Ware sitzen bleiben wollen.

Grinsend reichte sie dem kleinen Gauner ihr Kreditmodul. Der Ferengi legte es, leise Verwünschungen murmelnd an sein eigenes. Nachdem der Kontakt hergestellt war, bestätigte er zähneknirschend den Betrag von Zehntausend indem er den Wert in das Gerät sprach. Kurz darauf blinkte eine grüne Bestätigungsanzeige auf. Der Ferengi trennte die Module wieder und gab Laura Banks ihres zusammen mit dem Quanton zurück. Diese überprüfte kurz das Zahlungsprotokoll auf einer kleinen Anzeige und nickte dann zufrieden. Sie wollte sich gerade verabschieden, als ihr siedendheiß auffiel, daß der Tisch, an dem der Fremde eben noch gesessen hatte, leer war. Möglichst ruhig und unauffällig blickte sie sich in der Bar um. Der Fremde war verschwunden. Sie hatte einen möglicherweise fatalen Fehler begangen.

Wenn sie den Schatten jedoch richtig eingeschätzt hatte, war der Schaden noch nicht sehr groß. Sie verabschiedete sie sich von dem Ferengi, verstaute die wertvolle Ware in einer der Taschen ihrer Kutte und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Wenn sie richtig vermutete, würde sie den Fremden nicht suchen müssen. Sie schob sich an einer johlenden Gruppe Klingonen vorbei zur Tür, und wäre beinahe mit einem Blue zusammengeprallt, der die Bar eben betrat. Sie beachtete nicht das empörte Zirpen des Tellerkopfes und verließ schließlich die Bar.

*

Das trübe Licht des Tages lag über Faastolok. Laura Banks war nun bereits den zweiten Tag hier. Sie hatte sich von ihrem Aufenthalt mehr erhofft. Torwelten waren nicht nur Zentren des Handels, sie waren auch, und gerade deshalb ein Pool nicht endenwollender Informationen aller Art. Der Handel war für die junge Frau nur ein notwendiger Nebeneffekt ihrer Tarnung. Hätte sie bei ihrem diesmaligem Aufenthalt kein Quanton erstanden, so hätte es sie wenig gestört ihren Laderaum mit Standardhandelsgütern zu füllen, und diese mit ungleich geringerem Gewinn auf der nächsten Welt zu verkaufen. So machten es viele der finanziell weniger gutsituierten Raumhändler.

Quantonen waren jedoch ein gutes und vor allem sicheres Geschäft. Sie waren in der Regel sehr einfach zu transportieren und versprachen auf den reichen Planeten abseits der Torwelten hohe Gewinnspannen. Es gehörte in jeder Familie, egal welchen Volkes, zum guten Ton mindestens ein Quanton zu Hause stehen zu haben. Es war nicht nur ein seit Jahrhunderten anerkanntes Statussymbol, sondern vor allem ein Ausdruck der Zusammengehörigkeit im Kampf gegen den großen gemeinsamen Gegner, und natürlich schürte und förderte Samsala diese Einstellung wo auch immer es möglich war. Es gab Leute, die sparten ihr halbes Leben, nahmen unzählige Entbehrungen auf sich, nur um einmal in den Besitz eines Quantons zu kommen.

Was für eine perverse Welt, dachte Laura Banks bitter. Wie soll man gegen eine Weltanschauung, eine Religion ankämpfen.

Es war bereits später Nachmittag, als sie von der Bar auf die Straße hinaustrat. In etwa zwei Stunden würde die Sonne abermals untergehen und die eisige Kälte erneut über der Stadt hereinbrechen. Es hatte bereits deutlich abgekühlt. Laura schätzte die Temperatur auf etwa 10 Grad Celsius.

Langsam knarzend fiel die Tür von Quins Bar hinter ihr ins Schloß. Der hohe Geräuschpegel der Bar erstarb zu einem dumpfen Gemurmel und verwehte vollends im Lärm der Stadt, als sie die Straße überquerte. Sie bewegte sich langsam in den tiriljanereigenen schleppenden Schritten auf den Eingang zu ihrem Motel auf der anderen Straßenseite zu.

Deutlich konnte sie plötzlich hinter sich das erneute Knarzen der Tür und die Geräusche aus Quins Bar hören, als sie gerade die andere Straßenseite erreichte. Sie war sich sicher, daß der Fremde die Verfolgung aufgenommen hatte. Sie ging langsam an ihrem Motel vorbei, die Straße hinunter.

Mehrere Passanten eilten über die Gehwege. Sie waren alle bemüht Unterkünfte oder öffentliche Gebäude zu erreichen bevor sich die Nacht über die Stadt legte. Fast täglich hörte man auf dem Planeten von Erfrierungsopfern. Ihr Motel befand sich nicht im direkten Stadtzentrum, wo auch Nachts das Leben pulsierte, und die Straßen von leistungsfähigen Thermoprojektoren und Schirmfeldern ständig auf einem erträglichen Temperaturlevel gehalten wurden. Gestern Nacht war sie dort gewesen. Das Zentrum war das Amüsierviertel des Stadt. Es war der Ort, wo man für Geld alles kaufen konnte, doch in erster Linie nur das, was seinen Wert im Augenblick trug, was man nicht mit nach Hause nehmen konnte, und wenn doch, dann blieb am nächsten Morgen nicht viel davon zurück außer einem schalen Nachgeschmack einer verblaßten Illusion. Es war der ort der schnellen Vergnügen - kein Ort für Menschen.

Hier in diesem Viertel der Stadt war es anders. Hier traf man jene Leute, die Ihren Verstand meist noch zusammen hatten, die an klaren, einfachen, wenn auch oft nicht sauberen Geschäften interessiert waren.

In der Geschäftigkeit der Straße konnte sie die Schritte ihres Verfolgers zwar nicht heraushören, doch sie spürte die Blicke des Fremden fast körperlich in ihrem Rücken.

Fauchend schoß ein Gleiter die Straße herauf und an ihr vorbei. Das gab ihr Gelegenheit unverfänglich über die Schulter dem Gleiter nachzublicken. Neben den gewöhnlichen Passanten konnte sie nur den Schatten einer Gestalt hinter dem Treppenaufgang zu ihrem Motel erkennen. Der Fremde war erfahren im observieren von Personen. Einem ungeübten Auge wäre der Schatten sicherlich nicht aufgefallen. Sie ging weiter.

Laura Banks kannte sich in der Gegend gut aus. Eine der wichtigsten Überlebensregel war eine gute Ortskenntnisse des jeweiligen Aufenthaltsortes. Laura hatte, ganz egal wo sie sich gerade befand, immer mindestens einen Fluchtweg im Hinterkopf. An Orten, die diese Möglichkeit nicht boten, hielt sie sich gar nicht erst auf - zumindest dann nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Sie wußte, daß sich hinter ihrem Motel ein altes Fabrikgelände befand. An das Motel schloß straßenseitig nur noch ein Gebäude an, dann endete der Häuserblock. Sie bog um die Ecke in die Seitenstraße. Etwa fünfzig Meter war die Häuserseite lang. Laura beschleunigte in der schmalen Gasse nun ihre Schritte. Unrat lag in den Rinnsteinen. Ein kleines Tier huschte über die Straße und verschwand in dem schmalen Spalt eines Abwasserkanals. Die Geräusche der Hauptstraße wurden leiser. Hinter ihr jaulte ein weiterer Gleiter vorüber, die Geräusche verzerrt durch den Tunneleffekt der Seitenstraße.

An das Haus schloß, wie zu erwarten, der Zaun des Fabrikgeländes an. Es handelte sich um einen uralten geflochtenen Drahtzaun, der an mehreren Stellen eingedrückt und aufgerissen war. Keine zehn Meter weiter war ein Pfosten komplett aus dem Boden gerissen und samt dem Zaun auf das Fabrikgelände gedrückt worden.

Laura musterte im Gehen die klobigen, düster in den Himmel ragenden Fabrikfassaden. Einige Fenstergläser waren eingeworfen. Und in mehreren Wänden konnte sie klaffende Löcher erkennen. Die Fabrik mußte bereits vor mehreren Jahren stillgelegt worden sein. Der einsetzende Verfall war nicht zu übersehen.

Ohne zu zögern stieg über den eingedrückten Zaun auf das Gelände. Mit ruhigen Schritten ging sie auf das nächstgelegene Gebäude zu und verschwand durch den Eingang, in dem die einstigen automatischen Schiebetüren nur noch halb in den Führungen hingen.

Aufgeschreckte Vögel flogen im weit der fast 30 Meter hohen Halle mit lauten Flattergeräuschen auf. Irgendwo tropfte Wasser auf den Boden. Sie orientierte sich sofort in Richtung mehrerer alter Fertigungsmaschinen und verschwand zwischen ihnen.

Laura mußte keine zwanzig Sekunden warten, als sie an den tappenden Geräuschen hörte, daß ihr fremder Schatten ebenfalls die Halle erreicht hatte. Die Händlerin hatte ein sehr feines Gehör. Sie mußte keinen Blickkontakt herstellen, um zu erahnen, wo sich der Gegner befand.

Der Unbekannte betrat die Halle und blieb zunächst stehen. Er versuchte wohl anhand von Geräuschen festzustellen, wo sie sich gerade befand. Spätestens jetzt, da er nichts hörte, mußte er damit rechnen das er in eine Falle lief - zumindest wenn er kein völliger Trottel war. Andererseits hatte er keine große Wahl als ihr weiter zu folgen. Vielleicht sah er auch hier in der Abgelegenheit der Fabrikhalle die beste Gelegenheit sich ihr im Kampf zu stellen.

Die Geräusche wurden deutlich leiser und schwerer zu bestimmen als sich der Fremde wieder in Bewegung setzte. Er versuchte jetzt eindeutig durch die Halle zu schleichen und keine verräterischen Geräusche zu machen.

Laura schätzte daß er noch keine drei Schritte gegangen war, als er bereits blitzartig zwischen den Maschinen auftauchte. Doch da war keine Laura Banks, die ihn überrascht anstarrte. Verwirrt blieb der Schatten stehen. Er hatte wohl eindeutig damit gerechnet, daß sie sich hier zwischen den nahegelegenen Maschinen verborgen haben müsse.

Instinktiv ging der Fremde jetzt in die Hocke, um einer eventuellen Attacke die kleinstmögliche Angriffsfläche zu bieten. Seine Bewegungen waren schnell und präzise und trotzdem hatte er keine Chance. Mit beiden Beinen traf sie ihn direkt im Rücken, als sie von einer der Maschinen heruntersprang auf die sie sich flach gelegt hatte.

Die Wucht des Aufpralls lies den Fremden schreiend vorne überfallen. Geschickt rollte sich Laura ab, war sofort wieder auf den Beinen und sprang mit gezücktem Paralysator auf den Fremden zu. Ein Faustschlag ins Gesicht des Schattens ließ die Atemmaske in weitem Bogen davon fliegen. Klatschend landete der Fremde auf dem Rücken und rutschte einige Meter weiter über den glatten Betonboden. Noch ehe er zur Ruhe kam und wußte wie ihm geschah, saß sie auch schon auf ihm und preßte ihm mit einem Knie die Luft aus den Lungen. Als sie den Paralysator vor dem Gesicht des Fremden in Anschlag brachte, blickte sie in die erschrockenen Augen eines Menschen.

"Hendrick, Samuel. Abteilung Berlin. Für die Zukunft! Gonner schickt mich." Zutiefst erschrocken hatte der Mann die Worte hervorgestoßen. Nur langsam gewann er seine Fassung zurück. "Jetzt laß mich schon los, verdammt!"

"Für die Zukunft!" sprach sie automatisch in ihrer Überraschung den Godespruch der Rebellen aus. Langsam entspannte sich ihr Körper. Schwer atmend glitt sie seitlich von dem Mann herunter, der keuchend Luft in seine Lungen sog. Kopfschüttelnd setzte sich Laura Banks auf. Sie zog sich die Maske vom Kopf.

"Was zum Teufel sollte das Theater. Habt ihr euch seit neuestem auf Versteckspiele spezialisiert? Wo ist Fuhrmann?"

Fuhrmann war jener Agent der Menschen auf Faastolok, mit dem sie bisher jedesmal auf dieser Welt zu tun gehabt hatte. Er hatte sich niemals so verrückt angestellt, wenn er Kontakt zu ihr aufnehmen hatte wollen.

Auch Hendrick setzte sich nun auf, und schlug sich den Staub und Dreck von den Schultern.

"Sie haben Fuhrmann vor drei Wochen erwischt", sagte er ohne aufzublicken. "Er ist tot."

"Das wußte ich nicht", entgegnete sie betroffen und bereits wesentlich weniger verärgert. Für einen kurzen Augenblick tauchte vor ihrem geistigen Auge der blonde Lockenkopf des jungen Fuhrmanns auf. Mit einem Ruck stand sie auf und klopfte sich nun ebenfalls den Dreck von ihrer Kutte.

"Trotzdem. Was will Gonner. Ich stehe nicht mehr zur Verfügung. Das wußte dein Vorgänger. Sag Gonner endlich, daß er sich jemanden anderen suchen soll!"

"Nebenweltler sind hier", sagte der Agent Gonners nur.

Mit großen Augen blickte sie ihn an.

"Nebenweltler? Ist das hundertprozentig bestätigt?"

"Ja. Von Gonner selbst. Und sie haben ein funktionsfähiges kampfstarkes Schiff dabei."

Sie wollte aufgeregt etwas erwidern, doch dann besann sie sich eines anderen. Vor noch gar nicht allzulanger Zeit hätte sie jetzt unzählige Fragen gehabt. Sie hätte Pläne entwickelt und Aktionen gestartet. Doch das war vorbei. Endgültig.

"Na wenn schon. Richte ihnen schöne Grüße aus."

Der Mann stand nun ebenfalls auf und kam mit ernster Miene auf sie zu.

"Wir haben keine Ahnung wo sie sind und konnten bisher noch keinen Kontakt herstellen. Gonner will nur, daß du die Augen offen hältst. Die Fremden sind durch ihre Unwissenheit in großer Gefahr und du kommst viel herum."

Sie blickte ihn scharf an und versuchte hinter die Fassade dieses ernsten Gesichtes zu sehen. Doch da war nichts. Der Mann schien keine Hintergedanken zu haben. Sie war zwar nicht mehr im Geschäft, aber sie konnte sich vor der aktuellen Situation nicht verschließen.

"Natürlich. Ich werde die Augen offenhalten. Sonst noch was?"

"Nein. Das war's eigentlich schon." Jetzt lächelte der Agent. "Aber wir werden uns wiedersehen."

"Das hat keine Eile", entgegnete sie nur und wandte sich zum gehen. Nach zwei Schritten blieb sie stehen und wandte sich nochmals um. "Viel Glück", sagte sie nur, dann streifte sie sich ihre Maske wieder über, preßte die Sensoren auf ihre Gesichtsmuskulatur und verließ mit den gewohnt schleppenden Schritten eines Tiriljaners die Fabrik.