5. Begegnungen III
Fünf Minuten vor Auslösung des Gelben Alarms...
Er war nicht oft hier. - Eigentlich nur zu besonderen gesellschaftlichen Anlässen. Doch der Bordcomputer hatte ihm mitgeteilt, daß sich der Fremde hier befand und nach kurzem überlegen hatte er sich auf dem Weg gemacht.
Unbeantwortete Fragen trieben ihn. Niemals zuvor war die Situation für das Schiff unsicherer, nie zuvor war die Zukunft weniger zu bestimmen gewesen. Alles konnte geschehen, nichts war zu diesem Zeitpunkt sicher dort draußen - jenseits der Hülle des Flaggschiffes der Sternenflotte. Er wußte, daß er sich auf seine Mannschaft vorbehaltlos verlassen konnte. Hier an Bord waren die Besten der Besten, welche er selbst zu einem Großteil ausgewählt hatte. Aber hier an Bord waren auch Kinder - Kinder, die besorgte Mütter und Väter hatten. Die sich ebenso wie er ständig neue Fragen stellten, jedoch mit dem Unterschied, daß sie sich die Antworten auf diese Fragen von ihm erwarteten.
Captain Jean-Luc Picard hatte nicht die Befürchtung, daß seine Leute undiszipliniert handeln würden, oder gar zu einer Meuterei tendierten, aber er wußte was die ständige Unsicherheit in den Menschen bewirkte, das die bohrenden Fragen nach dem, was morgen kam, zu Unkonzentriertheit und Fehlern in der täglichen Arbeit führen konnte. Er wußte das er diese unzähligen notwendigen Antworten, von manchen er noch nicht einmal die genauen Fragen kannte, nicht im Hauruck-Verfahren lösen konnte. Die Zukunft würde zeigen, wie hoch ihre Chancen waren, in ihr eigenes Universum zurückzukehren, aber er wußte, er fühlte ganz genau, daß es bereits hier und jetzt Fragen gab, die es zu beantworten galt. Die fremden Gäste der ENTERPRISE waren für ihn ein einziges großes Fragezeichen. Perry Rhodan hieß jener Mann, der sich als Wortführer der fünfköpfigen Gruppe herauskristallisiert hatte. Ihn suchte er hier.
Es war kurz nach Beginn der Morgenschicht. Um diese Zeit war in der Bar der ENTERPRISE mit dem bezeichnenden Namen Zehn Vorne an der Bugspitze des Schiffes nicht viel los. Die Leute, die Dienst hatten, befanden sich bereits auf ihren Stationen und jene, die Freischicht hatten oder dem Dienstplan nicht unterlagen, zogen es um diese Zeit vor zu schlafen oder anderen Tagesbeschäftigungen nachzugehen..
Nur wenige Frauen und Männer befanden sich hier. Es herrschte eine seltsame Stimmung. Keiner der Anwesenden machte auf den Captain ein resignierten Eindruck, aber ein seltsames Flackern lag in den Blicken seiner Crew. Anspannung konnte er daraus lesen - die Bereitschaft zu Handeln, das zu tun, was nötig war und doch auch die Unsicherheit nicht zu wissen, was denn nun nötig war. Er sah zwar überraschte Gesichter von Menschen, die ihn hier wohl nicht erwartet hatten. Trotzdem sprach ihn keiner an. Jedem war klar, daß er noch keine Antworten für sie hatte, und jedem war auch klar, daß er sie von sich aus informieren würde, wenn er etwas wußte, und wenn er es für angebracht hielt sie zu informieren.
Picard trat an die Bar. Guinan war hier. Sie war eigentlich immer da, wenn er sie erwartete und auch oft, wenn er sie nicht erwartete. Er blickte in ein weise lächelndes Gesicht. Seit nunmehr sechs Jahren befand sie sich auf der ENTERPRISE. Barfrau war ihre offizielle Funktion an Bord des Schiffes. Doch Picard wußte besser als jeder andere das sie weitaus mehr war. Sie war kein Mensch, sie war die menschliche Form einer Entität, deren volles Geheimnis wohl kein Sterblicher jemals ergründen würde. Aber das war auch nicht nötig. Sie war da, nur das zählte.
Wortlos schob sie dem Captain eine Tasse Earl-Grey-Tea über die Theke. Dann blickte sie zu einem Tisch an der Fensterreihe, an der ein einzelner Mann saß, der mit dem Rücken zu ihm bewegungslos in den Weltraum hinausblickte.
Picard nickte Guinan wortlos zu. Er nahm die Tasse Tee und wollte sich in Richtung des Mannes in Bewegung setzen, als die Barfrau zu sprechen begann. Ihre Worte sprach sie in gewohnter Ruhe, und doch glaubte der Captain eine ungewohnte Unruhe herauszuhören.
"Er ist nicht das, was er zu sein scheint. Ich fühle eine unendliche Präsenz. Positive Energie umgibt ihn."
Sie schloß die Augen und lächelte wieder.
"Weisheit, und doch eine kindliche Unruhe. Die ständige Frage, nach dem, was hinter der nächsten Ecke zu finden ist."
Dann öffnete sie die Augen blickte Picard direkt an.
"Ich habe nie zuvor etwas derartiges gefühlt. Er ist ein Mensch, das steht außer Zweifel, aber seine Aura - es besteht eine Verbindung zu kosmischen Begebenheiten, die ich nicht näher definieren kann. Vertauen Sie ihm, geben Sie ihm...Raum."
Picard lächelte etwas unsicher. Er kannte Guinan sehr gut, und ihm war durchaus bewußt, daß ihr diese Worte sehr wichtig waren. Wenn Guinan eine Ahnung aussprach, dann wog diese mehr als wissenschaftlich bestimmte Tatsachen - das hatte er mehr als einmal erfahren müssen. Es war für ihn, den Wissenschaftler und an Regeln gebundenen Offizier der Sternenflotte nicht immer leicht gewesen, doch er hatte diese Tatsache inzwischen als noch ungelöste Gleichung, aber absolut unumstößliche Konstante in sein Denken integriert. Er gab sehr viel auf Guinans Worte, auch wenn das so klar unumstößlich in keinem Bericht an die Sternenflotte bisher erscheinen war.
"Danke", sagte er nur. Dann nahm er seine Tasse und ging zum Tisch Rhodans hinüber.
"Darf ich mich setzen?"
Der Mann schien aus tiefen Gedanken hochzuschrecken. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Picard eine unbeschreibliche Zerrissenheit und Fremdheit in diesen Blicken, als würde sein Geist aus unendlichen Fernen nur widerwillig zurückkehren. Es war nur ein kurzer Augenblick, doch der Captain der ENTERPRISE erschrak zutiefst. Bisher hatten noch Zweifel in ihm genagt, doch in diesem kurzen Moment gewann er absolute Sicherheit darüber, daß es sich bei dem Fremden und seinen Begleitern um besondere Persönlichkeiten handeln mußte. Das Bild der havarierten Wissenschaftler wirkte auf ihn plötzlich wie eine überaus törichte, ja absurde Ausrede.
Picard erfaßte diesen Augenblick der Wahrheit mit absoluter Genauigkeit. Dieser Augenblick würde nicht zuletzt seine zukünftigen Entscheidungen in Bezug auf seine unfreiwilligen Besucher erheblich mitbeeinflussen. Ein Außenstehender mochte das als irrational oder gar unverantwortlich einstufen, für Picard war seine Menschenkenntnis und sein Instinkt jedoch unumgänglicher Bestandteil seiner Entscheidungen. Diese Fähigkeit war es, die aus einem Captain einen guten Captain machte.
"Natürlich Captain, es ist ihr Schiff." Rhodan lächelte. Es war kein aufgesetztes, es war ein offenes Lächeln. Der Mann wirkte sofort sympathisch und er verstand es Leute für sich einzunehmen. "Gibt es etwas neues?"
"Nicht direkt. Wir sind auf Kurs. Wenn wir Warp 9 permanent beibehalten würden, dann könnten wir die Erde in etwa 7 Wochen erreichen, aber ich habe acht Wochen veranschlagt."
Rhodan überschlug kurz die Daten in Gedanken. Er hatte sich natürlich zwischenzeitlich über die grundsätzlichen technischen Eckdaten der ENTERPRISE informiert. Mit Warp 9 würde man etwa 25 Sekunden quer durch das Sonnensystem benötigen und man konnte in 5 Tagen etwa 20 Lichtjahre zurücklegen. Sie befanden sich zur Zeit keine 200 Lichtjahre von der Erde entfernt. Picards Rechnung stimmte, aber natürlich hatte er auch nichts anderes erwartet. Seine Gedanken schweiften kurz wieder ab. Hinaus in den Weltraum, hinweg über jene Grenze, welche die Universen trennte, zu einem 14 Kilometer langen Raumgiganten der gerade im Begriff war bereits zum vierten Mal eine Entfernung von 225 Millionen Lichtjahren zurückzulegen. Das Fernraum-Trägerschiff BASIS, von dort kam er und seine Leute, dort würde man inzwischen verzweifelt nach der Ursache und dem Verbleib der verschwundenen Unsterblichen suchen. Dieses Schiff, dessen Bau er vor Jahrhunderten selbst miterlebt hatte, würde für die geforderte Entfernung ungleich weniger Zeit benötigen. Es war als müsse man von einem Sportgleiter in einen Pferdekarren umsteigen um die nächste Stadt zu erreichen, während um einen herum dichte, bedrohliche Sturmwolken zusammenzogen. Alles in einem drängte danach möglichst schnell vorwärts zu kommen um dem drohenden Gewitter zu entgehen. Doch was brachte es schon darüber nachzudenken? Was hätte es gebracht, es den Menschen von der ENTERPRISE unter die Nase zu reiben, das er einen "Sportgleiter" gewohnt wahr? Nichts. Sie waren hier, und sie mußten mit den Möglichkeiten hier und jetzt zurecht kommen. Perry Rhodan wäre nicht Perry Rhodan gewesen, hätte er damit ein Problem gehabt. Neben all der Gigantomanie des galaktischen Umfeldes in seinem Universum, hatte er doch niemals die Demut vor der Unendlichkeit verloren; ganz gleich wie relativ dieser Begriff auch immer ausgelegt worden war. Die Unendlichkeit und ihre kosmischen Zusammenhänge ließ alles und jeden letztlich winzig und bedeutungslos erscheinen. Er hatte nie vergessen wie wild sein Herz geschlagen hatte als er das erste mal einen Fuß auf den bis dahin unerreichbaren irdischen Mond gesetzt hatte, er hatte auch nie vergessen, wie feucht seine Hände gewesen waren, als er mit dem kleinen Beiboot der Arkoniden damals das erste mal das Sonnensystem hinter sich gelassen, und das Wegasystem erreicht hatte. Entfernungen waren relativ - nur ein Wert, der letztlich ohne Bedeutung war. Ein für seine Umgebung offener, aufmerksamer Mensch konnte bei einem Spaziergang durch einen Wald mehr Wunder erleben, als ein anderer auf einem Flug quer durch das Universum.
"Wir müssen die Augen offen halten. Auch wenn wir in unmittelbarer Nähe einer vermeintlichen Heimat sind. Alles scheint hier anders zu sein."
Da war sie wieder diese seltsame Art Rhodans. Ganz zu Beginn hatte es Picard als Arroganz interpretiert, doch inzwischen wußte er es besser. Rhodan folgte nicht dem üblichen Bild eines Gastes an Bord der ENTERPRISE, der mit Fragen und der Forderung um Lösungen an den Captain herantrat. Rhodan machte ohne Umschweife konstruktive Vorschläge, bot Mitarbeit an.
Dieser Mann ist es nicht gewohnt, daß man für ihn Entscheidungen trifft.
"Wir sind vorsichtig", ging Picard auf Rhodans Worte nur oberflächlich ein. "Sind sie mit ihren Unterkünften zufrieden, Mister Rhodan?"
"Selbstverständlich. Sie haben ein sehr schönes Schiff, Captain."
Rhodan meinte es ehrlich. Die Kabinen, die Gänge, ja die ganze Atmosphäre an Bord der ENTERPRISE war durchaus angenehm. Das Schiff erinnerte jedoch mehr an ein ziviles Passagierschiff als ein militärisches Flaggschiff der Erde.
Andere Universen, andere Sitten, dachte Rhodan. In der Tat hatte jeder der Unsterblichen eine eigene geräumige Kabine zugeteilt bekommen in der es an nichts fehlte.
Das 24 Jahrhundert. Zu dieser Zeit hatte Rhodan den Titel eines Großadministrators des Solaren Imperiums getragen. Es war kurz vor der Zeit gewesen, als er mit der legendären CREST II zum erstenmal die heimatliche Galaxis verlassen hatte. Die Schiffe jener Zeit waren von einem nüchternen Pragmatismus geprägt. Kahle Metallwände und Böden waren Standard in den Schiffen jener Zeit. Lediglich die Wohnräume waren damals individuell geprägt und ließen einen gewissen Stil zu.
"Wer sind sie wirklich, Mister Rhodan?"
Die Frage kam völlig unerwartet. Doch Rhodan, bekannt als Sofortumschalter, der sich blitzschnell auf eine neue Situation einstellen konnte, hatte keine Probleme damit.
"Weshalb ist das so wichtig für sie?"
"Die ENTERPRISE ist hier vollkommen auf sich alleine gestellt. Ich muß mich auf jeden einzelnen hier an Bord verlassen können, und ich muß vor allem das volle Potential an Bord ausschöpfen können. Es ist wichtig zu wissen, welches Potential sie und ihre Leute für uns haben. Was wissen Sie? Ihre Technik weißt auf eine sehr hohe Qualität hin. Das legt nahe, daß sie nicht nur aus einem anderen Universum, sondern auch aus einer uns weit vorausliegenden Zukunft stammen. Wir..."
In diesem Moment zerschnitt der gelbe Alarm Picards Ausführungen. Fast Zeitgleich mit dem Standardsignal sprach der Kommunikator des Captains an.
"Captain Picard, bitte auf der Brücke melden", hörte Rhodan Commander Rikers Stimme aus dem kleinen Gerät auf Picards linker Brust.
"Ich muß gehen", sagte Picard nur, während er sich erhob. "Wir müssen unser Gespräch jedoch demnächst fortsetzen."
"Was ist geschehen?" Rhodan ging nicht weiter auf Picards Worte ein. Er erhob sich jedoch ebenfalls und folgte dem Captain Richtung Ausgang.
"Das weiß ich noch nicht. Ich werde sie informieren, sobald ich näheres in Erfahrung gebracht habe."
"Ich werde sie begleiten."
Picards erster Impuls war es, dies abzulehnen. Einfache Gäste hatten keinen Zutritt zur Brücke - das war Vorschrift. Er war nicht bereit ohne ersichtlichen Grund Vorschriften zu lockern, nur weil sie sich zur Zeit in einer Ausnahmesituation befanden. Es war wichtig gerade jetzt die Disziplin aufrechtzuerhalten.
...geben sie ihm Raum...
Die Worte Guinans waren plötzlich in seinem Denken.
Er blieb stehen und sah Rhodan für einen kurzen Moment nachdenklich an.
"Es ist einfachen Gästen nicht gestattet, die Brücke des Schiffes zu betreten. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, das ich es bei ihnen nicht mit einfachen Gästen zu tun habe. Kommen Sie mit."
Auch darauf ging Rhodan nicht ein, aber er nickte zustimmend. Man konnte dieses Nicken auf viele Arten auslegen.
Als sie Zehn-Vorne gerade verließen begann Rhodans Armbandkommunikator zu piepsen. Es war Michael Rhodan, der anfragte, ob sein Vater eine Ahnung hatte was vorging.
"Noch nicht", spach Rhodan in das Armbandgerät, das man den fünf inzwischen zurückgegeben hatte. Die kleinen Mehrzweckgeräte gehörten zur Standardausrüstung an Bord der BASIS, deshalb hatte auch jeder, sogar Gucky dieses Gerät zur Zeit des Unfalls getragen.
"Ich begebe mich eben mit Captain Picard in die Kommandozentrale. Wenn ich etwas weiß melde ich mich wieder."
"Gut. Ich bleibe solange bei Gucky."
Rhodans Sohn war in den letzten Stunden ständig bei Gucky und überwachte dessen Genesung auf der Krankenstation der ENTERPRISE. Das der Mausbiber wieder vollständig hergestellt werden würde stand zwar inzwischen außer Zweifel, doch Mike hatte es sich nicht nehmen lassen, sich in der Nähe des Ilts aufzuhalten. Perry Rhodan vermutete allerdings das dieses Verhalten vor allem darauf zurückzuführen war, daß die Schiffsberaterin Diana Troi bereits ebenfalls mehrmals Gucky besucht hatte.