7. Pläne und Selbstzweifel

Sie hatten sich alle in der Beobachtungslounge versammelt. Die Führungsoffiziere der ENTERPRISE waren hier und die Unsterblichen, auch Mike Rhodan. Nur Gucky lag noch immer auf der Krankenstation zur Beobachtung. Dr. Crusher hatte noch berechtigte Bedenken, was den Zustand des Kleinen betraf. Der Mausbiber hatte zwar zunächst protestiert, doch erste Gehversuche hatten in einem Schwindelanfall mit anschließenden rasenden Kopfschmerzen geendet.

Drei Stunden waren seit ihrem Rückzug aus dem Quaarim-System vergangen. Jetzt hing die ENTERPRISE nahe einer planetenlosen Sonne vom Typ Rote Riese im Raum. Man konnte es vor allem Riker ansehen, daß er mit der aktuellen Situation mehr als unzufrieden war. Das Flaggschiff der Föderation, die Menschen an Bord, sie waren zu Freiwild in einem feindlichen Universum geworden. Die Optionen, die sie für die Zukunft sahen, waren sehr begrenzt. Wie sollte man in einem Umfeld agieren, in dem einem nichts anderes als blanker Haß entgegenschlug. Eine der obersten Richtlinien der Sternenflotte war der Grundsatz einer friedlichen Konfliktlösung. Waffen konnten nur als letzter Ausweg dienen um ein Problem zu lösen, und selbst dann nur, wenn dieses Problem eine unmittelbare Bedrohung der eigenen Existenz betraf. Die Sternenflotte hatte immer Stärke gezeigt, sie hatte sie jedoch nur in den wenigsten Fällen auch einsetzen müssen.

Und Rhodan? Der Unsterbliche hatte in seinem langen Leben die ausweglosesten Situationen erlebt. Mehr als einmal hatte es den Anschein gehabt, daß man auf verlorenem Posten stand. Trotzdem hatte es immer einen Ausweg gegeben. Jeder Unsterbliche kam irgendwann einmal an den Punkt, an dem ihm klar wurde, daß es keine ausweglose Situation gab. Es war immer nur eine Frage, ob man sämtliche Perspektiven erkennen konnte.

Um alle möglichen und unmöglichen Perspektiven zu analysieren waren sie alle hier zusammengekommen. Lieutenant Commander Data hielt gerade ein Resümee der Situation.

"...so ist nun klar, daß es zumindest zwei sehr unterschiedliche Schiffstypen der Hüter Samsalas gibt. Da war das kleine Schiff, mit dem wir zunächst zusammentrafen. Es verfügte lediglich über eine minimale Defensivbewaffnung. Ich vermute, daß das Schiff deshalb über derart schwache Schilde verfügte, da ein weiterer Schildgenerator für den transuniversellen Flug notwendig war. Schildgeneratoren benötigen Raum. Das Schiff war sehr klein. Vielleicht ein Erkunderschiff."

"Mit welchem Ziel?" warf Atlan in Datas Monolog ein.

"Der Erkundung anderer Universen?"

"Ja, aber welcher Universen. Haben wir es mit zielgerichteten Erkundungen zu tun, oder springen diese Hüter einfach auf Zufall durch die Universen? Das ist eine entscheidende Frage."

"Ich denke vielmehr", erklang Worfs tiefe Stimme, "das es wesentlich wichtiger ist, möglichst schnell unseren Status in diesem Universum zu festigen, als hypothetischen Erwägungen über diese Schiff anzustellen."

"Das denke ich nicht", kam es von dem Arkoniden mit ebenso harter Stimme zurück. Der Sicherheitschef wollte gerade die Widerrede gebührend beantworten, als Picard dazwischen ging.

"Mister Worf, ich denke ich verstehe, was Mister Atlan meint. Gesetz den Fall es gibt keine zielgerichteten Sprünge, und demzufolge auch keine Aufzeichnungen darüber..."

"...dann ist es uns unmöglich jemals in unsere eigenen Universen zurückzukehren", vollendete Perry Rhodan den Satz.

"Aber das Schiff wurde doch zerstört", warf Counselor Troi besorgt ein.

"Allerdings", sagte Rhodan mit undurchsichtiger Miene. "Und das könnte, trotz aller möglicher Erfolge, die wir in nächster Zeit auch verzeichnen mögen, zu unserem größten Problem werden."

"Alles wird dort enden, wo es begonnen hat", murmelte Picard.

"Wie auch immer", begann sich nun auch Riker an dem Gespräch zu beteiligen. "Der Schlüssel zu allen Problemen scheinen die Menschen selbst zu sein. Es muß einen Grund geben, warum sie in diesem Universum als Ausgestoßene behandelt werden. Warum? Wenn wir diese Frage beantworten können, sind wir einen entscheidenden Schritt weiter."

"Sehr richtig, Nummer Eins. Deshalb ist unser primäres Ziel, die Beschaffung von mehr Informationen. Das Verhalten der Hüter läßt darauf schließen, daß die Menschheit hier keineswegs ausgerottet ist. Irgendwo gibt es Gruppierungen von Menschen, als Piraten, Rebellen oder was auch immer."

"Unser zweiter Schritt wird es sein, Kontakt zu diesen Gruppen herzustellen."

"Ich würde vorschlagen ein kleines Kommando auf den Planeten Quaarim IV zu schicken, um vor Ort mehr Informationen zu erhalten."

Picard nickte unbewußt zu Rhodans Vorschlag.

"Es könnte sich als schwierig erweisen, erneut in das System einzufliegen. Die Daten der ENTERPRISE sind nun bekannt", bemerkte Bully. "Sie werden sich nicht noch einmal so abwartend verhalten. Ein offizielles Landekommando verbietet sich von selbst angesichts der jüngsten Ereignisse."

"Ich schlage den Einsatz eines Shuttles vor, Captain. Die Modelle unserer Beiboote sind bisher unbekannt."

Picard blickte seinen Sicherheitsoffizier nachdenklich an. Entschlossenheit sprach aus diesem Gesicht. Picard konnte dieses besondere Feuer in den Augen Worfs sehen, das er nur von Klingonen kannte.

"Ein Risikoeinsatz", stellte der Captain der ENTERPRISE fest. Der Klingone nickte nur wortlos. Picard blickte zu seinem ersten Offizier zu seiner Linken. Auch dieser nickte.

"Ich bin dabei", meldete sich Reginald Bull.

"Abgelehnt", kam sofort die Erwiderung Picards. "Sie bleiben an Bord. Mister Worf, erarbeiten Sie einen Einsatzplan. Sie als Klingone sind für diesen Einsatz prädestiniert."

"Die Auswertungen der Funkgespräche haben eine Liste von Rassen ergeben, die sich offensichtlich frei auf Quaarim bewegen können, ohne aufsehen zu erregen", warf Data ein.

"Gut, aber wir sollten ein möglichst kleines Team zusammenstellen. Nummer Eins, übernehmen Sie das."

Während sich die Offiziere der ENTERPRISE weiter über die Details des Einsatzes unterhielten, sahen sich die Unsterblichen am anderen Ende des Konferenztisches betroffen an. Jeden einzelnen von ihnen brannte es förmlich unter den Nägeln einzugreifen, mitzumachen – die Zukunft mitzugestalten. Das entsprach ihrem Wesen, das war eine der Grundzüge eines Unsterblichen. Zur Untätigkeit verbannt zu sein war inakzeptabel – und außerdem tödlich langweilig.

"Entschuldigen Sie, Captain."

Rhodan war aufgestanden. Die Offiziere verstummten. Er blickte einen nach dem anderen an bevor er ruhig zu sprechen begann.

"Ich denke Sie sollten die Möglichkeit eines gemeinsamen Einsatzes nicht von vorne herein ausschließen. Es geht nicht darum das wir glauben, sie wären nicht alleine dazu imstande diesen Einsatz durchzuführen, aber wir – sind es gewohnt nicht einfach zuzusehen wenn es um unser aller Überleben geht. Außerdem könnten wir von unschätzbarem Wert für die Mission sein, wenn einer von uns den SERUN zum Einsatz bringen könnte. Es könnte die Erfolgsschancen erheblich erhöhen, wenn es zu Schwierigkeiten kommen sollte. Außerdem kann sich ein SERUN-Träger im Schutze des Deflektorfeldes völlig im Hintergrund halten."

"Dem muß ich zustimmen, Sir", mischte sich nun Data ein. "Bei meiner Untersuchung des Anzugs konnte ich ein sehr hohes Defensiv- wie auch Offensivpotential erkennen. Es wäre sehr wertvoll die Möglichkeiten des Anzuges im praktischen Einsatz zu sehen."

"Den Anzug könnte auch einer unserer Leute tragen", warf Riker kopfschüttelnd ein.

"Nehmen Sie es mir nicht übel, Mister Riker." Atlans Stimme klang ebenso ruhig und freundlich wie die Rhodans. "Aber das wäre ebenso, wenn Sie uns hier und jetzt die Kommandofunktionen der ENTERPRISE übertragen würden. Wir könnten nicht einmal einen Bruchteil der Möglichkeiten dieses Schiffes nutzen."

"Ich halte das für keine gute Idee", sagte Worf mit beherrschter, aber bebender Stimme. Dabei blickte er Atlan direkt an. "Sie sind kein Offizier der Sternenflotte. Eine Zusammenarbeit auf einem derartigen Niveau..."

Der Klingone führte allerlei Argumente ins Feld, die im Rahmen der Protokolle der Sternenflotte durchaus Gültigkeit besaßen, und doch gab es keinen bisher gelagerten Präzedenzfall. Die Lage war außergewöhnlich und Picard hatte Datas Bericht über seine Kontaktaufnahme mit der geheimnisvollen Syntronik des Anzugs bereits gelesen.

"Also gut", sagte er schließlich. "Wir sollten alle Möglichkeiten nutzen. Unsere Lage ist eine Grenzerfahrung. Wir können uns keine Verschwendung von Möglichkeiten leisten. Aber eines ist absolut klar: Die Befehlsgewalt liegt bei Mister Worf. Sie haben ihm absolut Folge zu leisten"

"Damit sind wir einverstanden", sagte Rhodan sofort bevor einer seiner Begleiter protestieren konnte.

Picard nickte zustimmend. "Ich nehme an, sie wollen an dem Einsatz selbst teilnehmen, Mister Rhodan."

"Nein, das werde ich tun", rief Atlan und erhob sich nun ebenfalls. Dabei blickte er Worf mit einem strahlenden Lächeln an. Dieser verdrehte die Augen und blickte danach stumm auf die Tischplatte vor sich.

"Dann ist es beschlossene Sache." Auch Picard erhob sich und lächelte diplomatisch. "Ich hoffe sie könne die Antworten auf viele Fragen mitbringen."

"Eine Frage sollten wir uns jedoch bereits jetzt stellen." Atlans Stimme hatte plötzlich einen eisigen, nachdenklichen Ton angenommen. "Kein Volk – keine Völkergemeinschaft entwickelt einen derartigen Haß gegen eine ganze Rasse ohne einen schlüssigen Grund. Was tun wir, wenn der Haß auf die Menschen dieses Universums begründet ist?"

 

*

 

Die Versammlung hatte sich aufgelöst. In einer Stunde sollte der Start des Beibootes mit Lieutenant Commander Worf, Atlan und Data als Einsatzreserve erfolgen. Picard hatte erkannt, daß es Spannungen zwischen dem Klingonen und dem Arkoniden gab. Der wichtige Einsatz würde nicht zuletzt eine Bewährungsprobe für die weitere Beziehung der beiden ungleichen Wesen zueinander sein.

Picard saß alleine am Tischende des Besprechungszimmers und dachte über die eben geführte Besprechung nach. Was war es nur, was ihn an seinen unfreiwilligen Besuchern gleichsam so faszinierte und doch alarmierte. Alles was sie sagten oder taten hatte Hand und Fuß, hatte absolute Gültigkeit oder war zumindest einer Überprüfung wert.

 

Was tun wir, wenn der Haß auf die Menschen dieses Universums begründet ist?

Atlan hatte diese Frage an alle im Raum gerichtet, und doch hatte sie letztenendes ihm gegolten. Er war es, der die Entscheidungen treffen mußte. Der Captain der ENTERPRISE mußte sich eingestehen, daß er über diese Möglichkeit tatsächlich noch nicht nachgedacht hatte. Konnten Sie einfach so für eine Seite Stellung beziehen, ohne die Situation genau zu prüfen? Und was sollte er tun, wenn bei dieser Prüfung herauskam, daß er die Waffen seines Schiffes gegen Menschen richten mußte, um der Gerechtigkeit genüge zu tun?

"Captain, darf ich sie kurz stören?"

Erschrocken blickte Picard auf. Er hatte nicht bemerkt, daß nicht jeder den Raum verlassen hatte. Sein zweiter Offizier stand etwas verloren an der Tür zur Beobachtungslounge. War es Unsicherheit, die der Captain in der Mimik Datas erkennen konnte?

"Natürlich, Mister Data. Was gibt es?"

"Unsere Besucher, Sir. Sie kommen aus einer Welt, die völlig anders ist."

Data kam näher und setzte sich neben Picard. Der Captain blickte in dieses offene, niemals verstellte Gesicht, und wie so oft drängte sich auch jetzt wieder dieses Wort in sein Denken, daß das ganze Wesen Datas umschrieb: Unschuld.

Data schien sekundenlang nach den richtigen Worten zu suchen – ein ungeheurer Vorgang für das Positronengehirn des Androiden.

"In ihrem Universum ist die Technologie der Positronik ein veraltetes Konzept. Es gab sie Jahrtausende und doch entstand nie eine Koexistenz zwischen den Menschen und den Positroniken in Form einer irgendwie gearteten Gleichberechtigung. Positroniken waren lediglich Geräte für die Menschen – und mit den modernen Syntroniken, wie wir sie in dem SERUN unserer Besucher wiederfinden ist das nicht anders."

Picard blickte Data nachdenklich an. "Worauf wollen Sie hinaus, Mister Data?"

"In Anbetracht der vielfältigen Erfahrungen unserer Besucher mit positronischen Systemen stelle ich mir die Frage, ob ich meinen Status nicht", wieder erfolgte eine ungewöhnlich lange Pause zwischen zwei Worten, "überbewertet habe."

Jetzt verstand Picard, was seinen zweiten Offizier beschäftigte: Selbstzweifel. Nachdenklich ließ sich der Captain in seinem Sessel zurücksinken.

"Data." Die Tatsache das er das Mister wegließ, zeigte an das er jetzt nicht als Captain sondern als Freund sprach. "Der Wert eines Individuums definiert sich in unserem Denken nicht über seine strukturelle Zusammensetzung. Als Dr. Soong sie damals erschaffen hat, war seine Zielsetzung nicht ein neues Werkzeug oder einen Gebrauchsgegenstand zu kreieren. Er wollte künstliches, intelligentes, lernfähiges Leben erschaffen und das ist ihm gelungen. Nur weil es diese Zielsetzung im Universum unserer Besucher nicht gab, heißt das nicht, daß sie keine Berechtigung haben muß. Sie waren und sind eine Bereicherung als Offizier und als Persönlichkeit."

Data dachte einige Augenblicke über die Worte nach, dann nickte er.

"Danke, Sir. Ich denke ich habe verstanden."

Steif richtete er sich auf und verließ den Raum.