8. Begegnungen IV

Er öffnete die Augen und sah das ganze Universum. Er breitete die Arme aus und umfaßte Planeten, Sterne, ganze Galaxien. Er hörte jedes Geräusch, sah alles was zu sehen möglich war - an allen Orten und zu allen Zeiten. Mit offenen Sinnen sog er alles in sich ein, war erstarrt von der Fülle der Unendlichkeit, der unbegreiflichen Abgründe aus Raum und Zeit. Er fühlte die Summe aller Empfindungen, die Wesen in diesem Universum durchlebten. Er konnte sich nicht davor verschließen, doch er wußte das er sterben würde, wenn er es nicht konnte. Es würde ihn zerreissen, würde ihn in unendliche Partikel zerblasen zwischen den Abgründen aus Raum und Zeit, die er jetzt noch zu umspannen schien. Er fühlte Freude und Lust, aber ebenso Verzweiflung und Schmerz – das alles ins unendliche potenziert. Sein Geist wurde hin und her gerissen auf der Bühne der Unendlichkeit auf der es keinen Halt gab..

Er versuchte sich zu konzentrieren. Er wußte das es ihm einmal möglich gewesen war Schmerzen und Gefühle bis zu einem gewissen Grad abzuschalten. Es war nur eine Frage der inneren Stärke, des inneren Gleichgewichts der Seele, aber es war ihm auch nicht einmal ansatzweise möglich seinen inneren Ruhepunkt zu finden. Alles in ihm war in Bewegung. Seine Gedanken drifteten in der Unendlichkeit hin und her, ließen sich nicht fassen und deshalb auch nicht beherrschen.

Plötzlich war da ein ruhender Pol zwischen den Dimensionen; ein Punkt der Ruhe, der sich nicht bewegte. Er versuchte sich auf diesen Punkt zu konzentrieren, ihn zu fokussieren und er schaffte es schließlich tatsächlich sich darauf zuzubewegen. Als sich der Abstand verringerte war da plötzlich ein Wispern in seinem Bewußtsein, das langsam aber stetig an Intensität zunahm, lauter wurde. Aus dem Wispern, wurden Lautfolgen, die Laute formten sich zu Worten und schließlich erfüllte eine warme Stimme sein ganzes Denken, trug ihn, erhob ihn aus den unendlichen Abgründen aus Raum und Zeit heraus an diesen Ort der Ruhe. Er fand zu sich zurück, konnte sich sammeln und plötzlich...erwachte er.

Er blickte in das Gesicht einer Terranerin mit schwarzen Haaren, die ihr bis über die Schulter fielen. Sie lächelte. Es dauerte mehrere Sekunden bis er soweit in die Wirklichkeit zurückgefunden hatte um ihr Gesicht zuordnen zu können.

"Diana. Ich...ich denke es hat funktioniert. Die Schmerzen sind nahezu verschwunden. Aber das Schwindelgefühl...", er versuchte sich aufzurichten und sank sofort wieder auf die Liege zurück, "ist nachwievor vorhanden."

"Das ist normal", erklang Lieutenant Commander Diana Trois sanfte Stimme. Behutsam strich sie ihm über den Kopfpelz.

Gucky schloß kurz die Augen und horchte in sich hinein. Es hatte ihn verdammt hart erwischt. Gucky war sich dabei absolut sicher, das sein bisheriger Zustand, sowie die langsame Genesung nicht alleine auf seine Verletzungen zurückzuführen waren. Er hatte bereits zu Beginn des transuniversalen Fluges nie gekannte Schmerzen seines kompletten Nervensystems erfahren. Darüber hinaus hatte er den Eindruck gewonnen sein Geist würde sich ausdehnen, seine übersinnlichen Kräfte auf unbeschreibliche Weise auf eine nicht mehr meßbare Weise anwachsen. Ohne es zu wollen waren die Gedanken seiner Begleiter wie wilde, schallende Peitschenhiebe durch sein telepathisches Bewußtsein gejagt. Seine telekinetischen Fühler hatten jeden Quadratzentimeter der SpaceJet auf einmal erfaßt, waren sogar bis auf subatomare Ebene erweitert gewesen. Gucky war sich sicher, das er in dieser besonderen Form von erweitertem Bewußtsein alles hätte vollbringen können, und hätte er versucht zwei Meter zu teleportieren, so wäre er wohl aufgrund seiner überreizten, potenzierten Parasinne am Ende des Universums wieder zum Vorschein gekommen. Der ganze Zauber hatte nur Sekunden gedauert, dann war es dunkel um ihn geworden.

Er empfand seine jetzige gesundheitliche Lage in erster Linie als eine Nachwirkung jenes Extremerlebnisses. Es war wie der Effekt eines Muskelkaters, der durch einen Stromstoß ausgelöst werden konnte, der den Körper für den Bruchteil einer Sekunde einfach überspannte.

Doch jetzt ging es ihm in der Tat langsam besser. Alles in ihm drängte nun bereits wieder danach zu versuchen seinen Körper telekinetisch in einen Schwebezustand zu bringen oder quer durch das Schiff zu teleportieren. Er wußte noch so erschreckend wenig von den Menschen, denen er sein Leben verdankte. Selbst vor dem Einsatz der parapsychologischen Gabe der Telepathie, die ihm die geringste Energie abverlangte, war er bisher zurückgeschreckt. Es war schrecklich gewesen das erste mal zu erwachen und wie gewohnt die telepathischen Fühler auszustrecken. Unzählige Gedanken waren wie ein Orkan über ihn hereingebrochen. Es war wie das panische Schreien tausender Menschen auf einmal gewesen. Der Schock war so stark gewesen, das sich sein Geist sofort wieder in die Ohnmacht geflüchtet hatte. Seit dem hatte er es nicht mehr gewagt seine Fähigkeiten auch nur probeweise einzusetzen. Doch inzwischen fragte er sich was schlimmer war. Die Telepathie war ein fester Bestandteil seiner vegetativen Sinne. Es kostete viel Kraft sie auszuschalten. Es war wie blind oder taub zu sein. Selbst wenn er nicht die konkreten Gedanken anderer Wesen esperte, war da doch immer dieses Gefühl, das man am besten mit dem Hintergrundgeräusch in einer Halle voller tuschelnder Menschen vergleichen konnte. Man konnte keine konkrete Unterhaltung verfolgen aber man wußte das diese Menschen da waren.

Nun fühlte er sich gestärkt und gefestigt als er in die forschenden Augen der Empathin blickte. Er mußte es einfach erneut versuchen. Dieser Zustand war für den Mausbiber untragbar. Als er gerade versuchen wollte seine telepathischen Fühler vorsichtig auszustrecken betrat Michael Rhodan die Krankenstation. Genau im richtigen Moment um ihn daran zu erinnern das Perry ihn darum gebeten hatte vorerst bei der Anwesenheit von Besatzungsmitgliedern der ENTERPRISE seine Fähigkeiten nicht offen zu zeigen.

"Hallo Miss Diana, wie geht es unserem Patienten denn heute?"

Mit einem strahlenden Lächeln ging er mit schwungvollen Schritten um die Liege herum und blieb neben der Schiffsberaterin der ENTERPRISE stehen.

"Wie lange sind sie denn schon wieder hier? Sie sollten sich etwas Ruhe gönnen."

"Hey, ich bin hier der Patient", rief Gucky und versuchte erneut sich mit dem Oberkörper aufzurichten. Diesmal schaffte er es und stützte sich dabei mit den Ellenbogen auf der Liege ab.

"Genau so ist es." Diana Troys Stimme hatte einen kühlen Unterton angenommen. Michael Rhodan verwirrte sie in gewisser Beziehung. Er zeigte ihr in unverholener Offenheit, das er sie sehr interessant fand. Doch das war gar nicht so sehr das Problem. Diana war Empathin, doch Mike war ebenso wie seine Begleiter emotional nahezu tot für sie. Sie empfing nichts von ihnen und wenn es ihr auch nicht direkt Angst machte, so fühlte sie sich in der Nähe der neuen Gäste der ENTERPRISE doch eindeutig unwohl. Lediglich das kleine Pelzwesen vor ihr hatte sich ihr gegenüber geöffnet. Der Kleine war ein ungewöhnlich begabter Telepath. Sie konnte mit ihm auf geistiger Ebene kommunizieren und hatte ihm so auch auf psychosomatischer Ebene helfen können.

Gleich bei ihrem ersten Kontakt mit dem Mausbiber hatte sie eine Woge positiver Gefühle empfangen, und der Wunsch diesem kleinen, so zerbrechlich wirkenden Wesen zu helfen, hatte sie augenblicklich erfaßt und von da an beherrscht. Inzwischen war sie sich sicher, das Gucky auch ohne ihre Hilfe wieder auf die Beine kommen würde. Trotzdem blieb sie. Denn auch der Kleine trug ein Geheimnis in sich – so, wie seine Begleiter. Außerdem fühlte sie eine schwer definierbare innere Gelassenheit – trotz der peinigenden Schmerzen, die den Geist des Mausbibers noch bis vor kurzem erfüllt hatte. Sie hatte oft die Gefühle von schwer verletzten Wesen empfangen, hatte ihre Schmerzen gefühlt, die Panik und die Todesangst. Diese Empfindungen hatten bei dem kleinen Patienten von Anbeginn gefehlt. Es war fast, als wäre sich dieser Extraterrestrier absolut sicher nicht sterben zu können.

Für Sekunden blickte Diana Gucky in die dunklen offen blickenden Augen, dann wurde ihr wieder klar, das Mike Rhodan neben ihr stand, und wenn sie ihn auch nicht fühlen konnte, so wußte sie doch, das er sie ansah. Ihre Haltung straffte sich.

"Nun, da meine Ablösung hier ist kann ich mich ja wieder meinen Aufgaben widmen."

Sie nickte Michael Rhodan kurz zu, und verließ dann schnellen Schrittes die Krankenstation.

Gucky blickte ihr nach.

"Sie weiß das ich Gedanken lesen kann", murmelte er.

Mikes Gesicht wurde übergangslos ernst.

"Und sonst?"

"Nichts. Ich weiß ja selbst nicht einmal mehr, ob ich meine Fähigkeiten noch einsetzen kann."

Von einer Sekunde zur anderen begann der Körper des Mausbibers mehrere Zentimeter über der Liege zu schweben. Er blickte Rhodan an und sein Nagezahn blitzte dabei.

"Ich denke diese Frage habe ich so eben geklärt."

Schnell drückte ihn Mike auf die Liege zurück. "Schön für dich. Aber du weißt was Perry gesagt hat."

"Jaja, schon klar", maulte der Mausbiber, stellte seine telekinetischen Fähigkeiten ein und streckte sich auf der Liege aus. "Wo sind die anderen."

"Atlan ist mit einigen Besatzungsmitgliedern des Schiffes auf einer Außenmission."

Überrascht blickte Gucky Mike Rhodan an.

"Ihr habt ja wieder mal schnell eure Finger in der Suppe hier drin."

Mike grinste. "Liegt wohl daran, das wir bis über beide Ohren selbst mitten in der Suppe drin stecken."

Gucky ließ erneut seinen Nagezahn aufblitzen. Dann wurde sein Blick forschend.

"Atlan. Wie weit?"

"Etwa zwanzig Lichtmonate von hier."

Gucky schloß die Augen. Die Entfernung für einen telepathischen Kontakt war sehr groß, es war ein guter Versuch seine erweiterten Fähigkeiten zu testen, zudem war ihm Atlan so vertraut wie nur wenige Menschen. Er lauschte hinaus. Seine geistigen Sinne tasteten sich in Breiche weit jenseits der Schiffshülle, durchdrangen die Entfernungen im Bruchteil eines Gedankens und erfaßten schließlich jenseits der toten Leere des Weltraums das bunte Leuchtfeuer fremder, vielfältiger Gedanken.

"Es funktioniert", murmelte er mit geschlossenen Augen. "Ich habe Kontakt."

"Über diese Entfernung?", rief Mike ungläubig aus.

Plötzlich fuhr Gucky aus seiner liegenden Position hoch. Erschrocken blickte er Mike Rhodan an.

"Atlan ist mit dem SERUN unterwegs? Der alte Arkonidenfürst steckt ganz schön tief in der Tinte."