10. Die tote Stadt

Der interne Zeitmesser Lieutenant Commander Datas hatte genau 27 Minuten und 41 Sekunden seit dem Aufbruch Worfs und Atlans gemessen als dem Andoiden der bullige Panzergleiter auffiel, der aus einem der Schuppen am Rande des Raumhafenfeldes kam und mit direktem Kurs auf das Shuttleschiff der ENTERPRISE zuhielt. Die Sensoren registrierten 8 Personen in der Fahrerzelle, und tatsächlich sprangen sie allesamt aus dem Gleiter. Jeder von ihnen war mit Panzerwesten und schweren Gewehren bewaffnet. Sie bezogen rund um das Shuttle Stellung.

Data bewertete innerhalb von Sekundenbruchteilen alle Perspektiven der neuen Situation und erarbeitete über zweihundert mögliche Reaktionsmöglichkeiten. Das Ergebnis war letztenendes ebenso durchdacht, wie simpel: Er beschloß vorerst abzuwarten und nicht zu reagieren.

Als sich jedoch nach wenigen Minuten zwei Personen des Trupps deutlich hörbar am Schott des kleinen Schiffes zu schaffen machten, war er gezwungen die Lage einer erneuten Prüfung zu unterziehen.

Er schaltete auf eine Außenkamera und konnte deutlich erkennen, wie die beiden Wesen, es mußte sich um Angehörige der einheimischen Chamasch handeln, Haftladungen am Schott des Schiffes befestigten.

Datas nächste Reaktion mußte nicht lange errechnet werden. Die Sicherheit des Shuttles als vordergründig einziges Transportmittel des Außenteams, lag über der möglichen Enttarnung seinerseits als unregistriertes Besatzungsmitglied. Aus diesem Grund versuchte er augenblicklich einen Alarmstart zu initiieren. Doch schon als die Generatoren unter einem lauten Sirren hochfuhren, zeigte ihm eine Anzeige das subplanetare Traktorstrahlen das Shuttle erfaßt hatten. Er überflog kurz die Energiewerte und schaltete daraufhin den Antrieb wieder ab.

Für die nächste Entscheidung benötigte der Androide lange. Ganze zwei Zentel Sekunden vergingen, bevor Data mit der absoluten Konsequenz einer Maschine reagierte. Er betätigte mehrere Schaltungen, griff nach seinem Phaser, den er unter seiner Kleidung trug und nahm sich außerdem noch ein schweres Strahlengewehr aus einem Wandschrank. So ausgerüstet schwenkte er im Sitz herum und blickte ruhig abwartend auf das Schott im hinteren Bereich des Shuttles.

Keine zehn Sekunden später flog das Schott aus seinem Rahmen. Trümmerstücke schossen in alle Richtungen davon. Jene Teile, die ins innere des Schiffes geschleudert wurden verfingen sich jedoch in dem Eindämmungsfeld, das Data zwischen sich und dem Heckbereich des Shuttles errichtet hatte.

Unmittelbar nach der Explosion stürmten auch schon die Angreifer in das Shuttle. Sie wurden jedoch schon nach einem Meter von dem Eindämmungsfeld zurückgeworfen. Laut schreiend – ob vor Wut oder Schmerzen durch die elektrischen Entladung bei dem Kontakt mit dem Feld - blickten sie überrascht Data an, der ruhig in seinem Sessel sahs.

"Ein...ein Mensch", schrie der Anführer der Gruppe überrascht auf.

"Danke", meinte der zweite Offizier der ENTERPRISE in ruhigem Tonfall, "aber ihre Beurteilung meine Person betreffend ist leider falsch. Ich bin ein Androide."

Das schien die Eindringlinge jedoch wenig zu interessieren, fast gleichzeitig eröffneten sie das Feuer auf den schützenden Schirm. Schon nach wenigen Feuerstößen begann sich das Feld zu destabilisieren und zeigte erste Schwächen in Form von Entladungen, die auf die Wände überschlugen.

"Computer! Selbstzerstörungssequenz aktivieren. Autorisation: Data, Lieutenant Commander, Code Alpha-Epsilon-Eins-Eins-Vier. Zeit auf 20 Sekunden setzen. Starten."

Ein kurzer Signalton zeigte Data das der Bordcomputer seine Anweisungen verstanden und akzeptiert hatte. An die Eindringlinge gewandt rief er laut, um das Gewehrfeuer zu übertönen:

"Ich mache sie darauf aufmerksam, das dieses Schiff sich innerhalb von... 17 Sekunden zerstören wird, wenn Sie ihren Angriff nicht umgehend einstellen."

Als Antwort wurde das Feuer auf das Eindämmungsfeld noch verstärkt, und als der Countdown der Selbstzerstörung 14 Sekunden erreicht hatte, schlugen die ersten Strahlschüsse durch. Data warf sich zur Seite und erwiderte seinerseits das Feuer. Seine Waffen waren, im Gegensatz zu seinen Angreifern, auf Betäubung geschaltet. Es war eigentlich nicht möglich, das Data ein Ziel verfehlte, und so streckte er mit jedem Schuß einen der Eindringlinge nieder. Als es einem der Nachrückenden gelang Data das Gewehr aus den Händen zu schießen, und dabei die künstliche Haut seines Handrückens verschmorte, sprang der Countdown der Selbstzerstörung gerade auf Minus drei Sekunden. Data stürzte nach vorne in Richtung des aufgesprengten Schotts und somit direkt in die Arme des Stoßtrupps.

 

*

 

Eine sehr seltsame Stimmung lag über der Stadt. Kein einziger Gleiter zeigte sich am Himmel; obwohl sie da waren. Die Parkfelder auf Dächern und in Straßenschluchten waren voll von Gleitertypen der unterschiedlichsten Konstruktionsformen. Nur zweimal sahen Sie auf ihrem Weg militärische Gleiter am Himmel vorüber ziehen. Alle zivilen Aktivitäten schienen auf ein Minimum herunter gefahren worden zu sein. Ab und zu sah man Wesen die Straßen entlang hasten. Jeder schien es sehr eilig zu haben. Mit jeder Minute, die Atlan und Worf unterwegs waren, wurden die Passanten jedoch weniger.

Als Worf ein vorbeihastendes Echsenwesen am Arm festhielt und fragte was denn hier vor sich ginge, erntete er zunächst einen ungläubig fragenden Blick, dann ein nervöses Auflachen und drei kurze Worte als Antwort: "Noch elf Einheiten."

Danach riß sich das Wesen los und lief weiter.

"Er meint das Zeitsignal, das wir schon die ganze Zeit über auffangen", flüsterte Atlan dem Sicherheitschef der ENTERPRISE zu. "Irgend etwas bedeutendes muß zum Zeitpunkt Null geschehen."

Worf nickte.

"Ja", sagte er ohne den Schritt zu verlangsamen oder sich gar umzuwenden. Es schien als führe er ein Selbstgespräch. "Die Frage ist nur, ob es für uns von Bedeutung ist."

Atlan erwiderte nichts darauf, setzte jedoch den Pikosyn des SERUNS gezielt auf dieses Problem an. Damit rückte die Thematik "Planetencountdown" in seiner Wichtigkeit an dieselbe Stelle wie der Begriff "Mensch" bei der Suche in den Frequenzbändern des Planeten.

Als das inkrementierende Zeitsignal in Atlans Helm-Display einen Wert knapp über fünfzehn Minuten erreicht hatte, empfingen die Sensoren des SERUNS eine Mitteilung, die scheinbar auf allen größeren Frequenzen gesendet wurde. Atlan schaltete auf Lautsprecher, damit auch Worf die Übertragung hören konnte. Kein einziges Wesen war zu diesem Zeitpunkt mehr auf der Straße, welches sich über den Klingonen hätte wundern können.

"An alle Bewohner des Quaarim-Systems. Achtung! Der Trans-Shock erfolgt in genau 30 Standard-Zeiteinheiten. Beachten Sie in diesem Zusammenhang die erforderlichen Sicherheitsprotokolle. Ich danke ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, und nun weiter mit unserem Programm..."

Atlan schüttelte ungesehen vom Rest der Welt den Kopf.

Was soll das ganze Theater?

Unterschätze niemals eine mögliche Gefahr, Narr. Du kennst weder diesen Planeten, noch dieses ganze Universum. Du bist ein Blinder in einer Welt von Sehenden.

Er hatte sie schon fast vermißt, die beißenden Kommentare seines Extrasinns, die ihn immer dann auf den Boden der Tatsachen zurückholten, wenn er den Blick für das Wesentliche zu verlieren drohte.

Als sie die Straße erreicht hatten, die der Pikosyn des SERUNS ermittelt hatte, sprang der Countdown gerade auf minus 10 Minuten.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwa fünfzig Meter vor ihnen konnten Sie das bewußte Motel identifizieren.

Es war unwirklich still auf der Straße, als sie den Eingang zum Motel erreichten. In einer Metropole wie dieser gab es normalerweise immer irgendwelche Geräusche, und wenn auch nicht aus der unmittelbaren Nähe, so doch zumindest aus der nächsten Umgebung. Doch es war Still. Fast kein einziger Laut war auf den Straßen mehr zu vernehmen. Die Stadt schien wie tot.

Worf betrat, gefolgt von Atlan das Motel. Hinter dem Tresen des Empfangs stand ein Chamasch, und was er tat, irritierte den Klingonen und den Arkoniden gleichermaßen.

Der Raum war hell erleuchtet, doch das Wesen hatte auf dem Tresen und in anderen Bereichen der Empfangshalle überall Kerzen aufgestellt und entzündete gerade die letzten vor sich neben dem Gästebuch.

Worf trat an die Theke und beobachtete das seltsame Tun seines Gegenübers.

"Entschuldigen Sie, wenn ich Sie frage, aber warum tun sie das hier."

Der Chamasch blickte auf. Die Gestalt des Klingonen schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken.

"Was?"

"Die Entzündung dieser Kerzen."

"Finden Sie es sind zu viele, Klingone?"

"Nein. Ich frage mich warum Sie es überhaupt tun?"

Der Chamasch blickte ihn irritiert an. Er musterte Worf von oben bis unten. Dabei schien er sich zu überlegen, ob er sich zu einer Antwort herab lassen sollte.

"Es dauert oft mehrere Stunden, und bald wird es dunkel."

Die Antwort verwirrte die beiden Besucher mehr, als sie ihnen half, doch bevor Worf eine weitere Frage stellen konnte, redete das Pelzwesen weiter.

"Was wollen Sie? Ein Zimmer?"

Worf ging auf die Frage ein. Irgend etwas in ihm hatte Alarm geschlagen. Er hatte plötzlich das Bedürfnis schnell in der eigentlichen Sache weiter zu kommen.

"Nur eine Information. Ist in ihrem Etablissement ein Tiriljaner abgestiegen?"

"Ja", sagte der Chamasch nur. Worf war richtiggehend überrascht ob der schnellen Antwort.

"Welches Zimmer hat er? Kann ich ihn sprechen?"

"Nein", kam die prompte Erwiderung.

"Es ist wirklich sehr wichtig."

"Geht nicht. Er ist nicht hier. Versuchen sie es drüben in Quins Bar, da treibt er sich gerne herum."

Er gab Worf zu verstehen, das er zu keinen weiteren Auskünften bereit sei, indem er sich abwandte und im Hinterzimmer der Empfangshalle verschwand.

"Eine wahre Plaudertasche", flüsterte Atlan. "Wir sollten uns beeilen."

"Ja", sagte Worf nur. "Das denke ich auch."