11. ...3...2...1...Tod!

Quins Bar schien aus allen Nähten zu platzen – aber das hatte Sie zu diesem Zeitpunkt auch nicht anders erwartet.

Lara hatte schon mehrere Transschocks erlebt und sie kannte die seltsame Stimmung unter den Betroffenen inzwischen sehr gut.

Der Geräuschpegel in der Bar lag mindestens 30 Dezibel unter der Norm. Ein nervöses Getuschel hatte das Grölen und die angeregten Unterhaltungen abgelöst, welche man sonst bei Quins gewohnt war. Einige Besucher führten sogar Selbstgespräche.

Laura hatte keinen Sitzplatz mehr bekommen. Sie lehnte an einer Wand im hinteren Bereich der Bar, von wo aus man nahezu den gesamten Barbetrieb überblicken konnte.

Sie war müde. Es hatte sie fast den halben Tag gekostet, einen Platz in einem der führenden Auktionshäuser der Stadt zu bekommen. Morgen früh würde es los gehen. Sie hatte vor noch ihren Drink zu leeren und danach noch vor dem einsetzenden Transchock in ihr Hotel zurückzukehren.

Sie gehörte nicht zu den Geschöpfen, die die Gesellschaft suchten, die nicht alleine sein konnten vor dem entscheidenden Augenblick. Sie liebte die Stille und Einsamkeit. Andere machten nur Ärger, hielten einem vom Wesentlichen ab und störten immer im falschen Augenblick. Für den Moment eines Gedankens fragte sie sich was denn das Wesentliche eigentlich war, suchte eine Antwort in ihrem halbleeren Glas Alkohol und wischte dann die Frage mit einem kräftigen Schluck aus ihrem Denken.

Hätte sie sich selbst beobachten können, wäre ihrem geschulten Auge sofort der flackernde Blick und die kurze Unsicherheit in der Bewegung aufgefallen. Sie hätte sofort gefolgert, das diesen Menschen etwas beschäftigte, das er sich für Augenblicke nicht unter Kontrolle hatte, das dieser Mensch eine zerrissene Persönlichkeit sein mochte. Doch sie sah sich nicht selbst.

Der Alkohol lief wie flüssiges Feuer ihre Kehle hinunter und sie schloß für einen Moment die Augen und konzentrierte sich auf dieses Gefühl, das alles andere überdeckte. Doch der Augenblick verging viel zu schnell. Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf einen Klingonen in untypischer, wenn auch unauffälliger Kleidung, der gerade die Bar betrat.

Doch ihre Aufmerksamkeit wurde schnell von den Bildschirmen abgelenkt, auf denen der Countdown unbarmherzig herunter lief. Noch eine knappe Minute und das nervöse Warten würde vorbei sein.

Belustigt beobachtete sie einen Vulkanier, der ihr gegenüber ebenfalls an der Wand lehnte und mit geschlossenen Augen zu meditieren schien. Es war ein sehr ungewohnter Anblick. Sie hatte einmal gehört, das das Volk der Vulkanier in früheren Jahrhunderten angeblich eine sehr geistbezogene Kultur gewesen sein sollte, deren Fundament die Logik der Dinge dargestellt hatte. Sie glaubte nicht daran. Tatsächlich hätte sie von diesem Wesen erwartet, daß es sich nervös und betrunken an der Theke festklammerte bis alles vorbei war.

Noch wenige Augenblicke.

Das leise Gemurmel erstarb vollends. Selbst die Bewegungen in der Bar schienen langsamer zu werden und nahezu zu gefrieren. Jeder starrte mehr oder weniger gebannt auf die Bildterminals, die die letzten Zeiteinheiten herunter zählten. In der gebannten Erwartung auf das Bevorstehende schien sich die Zeit zu dehnen. Sonst flüchtige Augenblicke dehnten sich zu durchlebten Ewigkeiten. Laura fand diese Getue lächerlich, wenngleich sie dabei nicht bemerkte, das sie selbst einen der Bildschirme beobachtete.

Doch der Klingone, der ihr eben schon aufgefallen war zog abermals ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er bewegte sich etwas ziellos durch die Bar als suche er jemanden. Der Zeitmesser schien ihn dabei nicht sonderlich zu interessieren. Er wirkte fast wie ein Fremdkörper in diesem zeitlosen Moment zwischen dem Jetzt und dem Gleich, zwischen der Spannung und der Erlösung, zwischen dem Leben und dem Transschock.

Als sich der Klingone gerade durch eine Tischreihe hindurchschob, sprang der Countdown auf Minus zehn Sekunden. Es war der Moment in dem sämtliche Geräte automatisch ausgeschaltet wurden. Die Monitoren erloschen synchron, Das Licht ging aus und die Bar wurde übergangslos in den warmen flackernden Schein der unzähligen brennenden Kerzen getaucht. Zitternde Schatten huschten über die Wände und alle Anwesenden, die nun in Gedanken die Zeiteinheiten herunter zählten.

"Gleich passierts, gleich passierts", meckerte ein Ferengi mit klagenden Lauten irgendwo im Raum. Jemand lachte nervös auf. Der Klingone blieb zwischen den Tischreihen stehen und blickte sich überrascht um, als hätte er so etwas noch nie erlebt.

...NULL!

Laura hatte ein sehr präzises Zeitgefühl, und man konnte über Samsala sagen was man wollte, aber die Tore funktionierten so pünktlich wie eine Atomuhr.

Da Laura diese ganze Prozedur schon mehr als einmal erlebt hatte, war sie auf alles vorbereitet. Eigentlich geschah ja normalerweise auch nicht viel – zumindest nicht, wenn man darauf vorbereitet war. Sie hatte einmal erlebt, wie ein Monitor implodiert war, der über eine autarke Stromversorgung verfügt hatte. Einmal war einem Blue vor ihren Augen ein nicht deaktiviertes Funkgerät in der Tasche explodiert und hatte den Tellerkopf schwer verletzt. Sicher gab es auch immer wieder Tote. Aber hier rechnete sie mit nichts ungewöhnlichem. Der Barbesitzer war sozusagen ein alter Hase was Transschocks betraf. Sie war sich sicher, daß nichts, was Energie verbrauchte in der Bar noch arbeitete. Sie irrte sich.

Einige Augenblicke vergingen in gebanntem Schweigen ob der möglichen Zwischenfälle. Es waren einige überaus nervenzehrende Momente für die meisten, die einen Transschock erlebten. Es hatte auch schon Kreislauf- und Herzversagen zu solchen Zeitpunkten gegeben; aber das war selten.

Laura blickte in fahle, durch das Kerzenlicht unwirklich scheinende Gesichter. Keiner sagte ein Wort, doch schon bald würde der erste einen Witz machen, und die Anspannung war gebrochen. Das Leben würde in den alten Bahnen weiterlaufen. So kannte sie es, so hatte sie es bereits mehrmals erlebt. Doch dieses mal war es anders.

Es mochten keine fünf Sekunden vergangen sein. Die ersten Gäste begannen sich wieder zu rühren, als plötzlich kurz ein hochfrequentes Sirren den Raum erfüllte, dann ein Geräusch wie von einem elektrischen Überschlag. Plötzlich sprühten ein paar Funken von der Decke und ein blaues Glühen hing plötzlich in der Luft. Für einen kurzen Moment war alles vorbei. Ein Augenblick, der einen glauben machen konnte alles wäre nur eine Täuschung gewesen, der einen unsicher den Nachbarn mit den Blicken suchen ließ, um dort nur die selbe Verwirrung wiederzufinden, die einen selbst erfüllte.

Doch es war nur ein Augenblick, dann ging es wieder los: Ein Zischen und Krachen, Lichtkaskaden – mitten in der Luft über den Köpfen der Anwesenden. Dann ein Funkenregen. Elektrostatische Funkenentladungen. Blaue Lichtbögen, die Form annahmen. Eine humanoide Gestalt schälte sich aus dem nichts über den Köpfen der vor Schreck erstarrten Beobachter. Ein blaues Wabern aus Energie in einem Raum, in dem es keine Energie mehr geben durfte. Dann, von einer Sekunde zur nächsten, war es vorbei. Für einen kurzen Moment hing eine aus dem Nichts geborene humanoide Gestalt in der Luft, dann fiel sie krachend auf einen der Tische. Der Geist hatte Form angenommen. Aus dem hellen enganliegenden Anzug des Unbekannten stiegen an mehreren Stellen kleine Rauchfahnen. Für einen Moment blieb das Wesen auf dem Tisch reglos liegen. Dann kam Bewegung in die Gestalt. Hände fuhren hoch zum Helm, der sich daraufhin mit einem leisen Zischen öffnete und der Kopf wurde sichtbar. Ein Mund öffnete sich und sog tief die von Kerzenrauch geschwängerte Luft ein.

Für Sekunden geschah nichts mehr. Der Fremde aus dem nichts blickte sich um. Seine Blicke trafen auf den Klingonen. Blieben dort hängen. Laura stockte der Atem. Sie konnte nicht glauben, was sie eben gesehen hatte. Dann brüllte einer der Anwesenden los:

"EIN MENSCH!"

 

 

*

 

"Sir!" Fähnrich Thomas Winter starrte kopfschüttelnd auf die Sensoranzeigen vor sich auf dem Pult.

"Was ist Fähnrich?" Commander William T. Riker blickte von seinem Bedienkonsole auf. Er war gerade damit beschäftigt gewesen, den neuen Dienstplan zu überprüfen, der aufgrund der aktuellen Situation auf einen Vier-Schichten-Dienst umgestellt worden war.

"Die Subraumortung schlägt an, Sir. Nahe von Quaarim IV erfolgte soeben eine Energieentladung gigantischen Ausmaßes. Die Skalen können den Wert nicht mehr verarbeiten."

Die Stimme Fähnrich Winters war mit jedem Wort lauter geworden.

Riker löste augenblicklich Roten Alarm für das Schiff aus. Keine fünf Sekunden später kam auch Schon Captain Picard aus seinem bereitschaftsraum neben der Schiffsbrücke.

"Bericht", sagte er ruhig, während er auf seinen Platz neben Riker zusteuerte. Er versuchte in den Blicken seines ersten Offiziers die Schwere der Situation abzulesen. Was er sah alarmierte ihn in höchstem Maße.

Noch bevor Riker Meldung machen konnte, schrie Fähnrich Winter erneut auf.

"Achtung, eine starke Subraum-Schockwellenfront bewegt sich auf uns zu."

Picard reagierte sofort.

"Volle Wende. Beschleunigen auf Warp..."

Weiter kam er nicht mehr. Im Bruchteil einer Sekunde veränderte sich die Situation grundlegend. Als die Wellenfront das Flaggschiff der Föderation erreichte, wurde das Schiff nicht aus der Bahn geworfen und hinweggefegt. Die Schockwelle rollte einfach über das Schiff hinweg und was sie zurückließ war Stille und Dunkelheit. Übergangslos erloschen alle Lichter an Bord des Schiffes. Einige Systemsicherungen flogen knallend durch und weißer Rauch stieg dabei von einigen Konsolen auf. Doch das konnte niemand mehr sehen, denn es war tatsächlich stockfinster. Eigentlich hätten bei einem Ausfall der Hautstromversorgung die Reservespeicher sofort anspringen müssen und zumindest die Notbeleuchtung hätte aufflammen sollen, doch nichts dergleichen geschah.

Picard spürte wie er leicht wurde. Selbst die künstliche Schwerkraft, ein mehrfach gesichertes System, war vollständig ausgefallen. Der Captain griff schnell nach der Armlehne seines Sessels um nicht den Halt zu verlieren und an der Decke zu landen.

Er blickte in die Richtung in der er in der Dunkelheit Commander Riker vermutete.

"Was um alles in der Welt ist geschehen, Nummer Eins?"

Er erwartete keine Antwort und schon gar nicht eine vernünftige Erklärung. Einige Sekunden blieb es still – eine Stille, die niemals zuvor auf seinem Schiff zu finden gewesen war.

"Das Außenteam. Was mag mit ihnen geschehen sein?" hörte er plötzlich leise die Gegenfrage Rikers.

"Was auch immer mit ihnen geschehen ist – sie sind auf sich alleine gestellt."