13. Neue Ziele

Geordy LaForge hangelte sich am Geländer, das den Materie-/Antimateriereaktor umgab zu seinem Hauptsteuerpult vor. Dicht hinter ihm war Reginald Bull, der kurz vor der Katastrophe den Maschinenraum betreten hatte.

Sie bewegten sich im fahlen blauen Licht, das die Querschnittsverengungssegmete verströmten. Aus dem Pulsieren war ein schwaches Wabern geworden. Bis auf diese Schwache Lichtquelle war es stockfinster im Hauptmaschinenraum der ENTERPRISE – hier, wo normalerweise die Energie für das gesamte Schiff geboren wurde.

Überall schwebte technisches Personal hilflos im mehrstöckigen Maschinenraum herum, oder klammerte sich irgendwo an Vorsprüngen oder Konsolen fest.

Der Cheftechniker der ENTERPRISE erreichte schließlich sein Pult und zog sich in den Sessel.

"Was ist noch heil?" fragte Bull nachdem er die Füße auf den Boden gezogen hatte und somit ebenfalls eine scheinbar aufrechte Position annahm.

"Gute Frage", murmelte LaForge. "Das Pult ist absolut tot. Ich bekomme keinerlei Anzeige, das ist normalerweise unmöglich."

"Gibt’s nicht sowas wie ein Notstromaggregat oder ne Batterie über die man das Teil betreiben kann?"

"Natürlich, nur müßte das Aggregat automatisch...", er unterbrach sich selbst im Satz. "Moment, das mit der Batterie ist eine gute Idee."

LaForge zog sich unter das Pult und riß die Verkleidung herunter. Weißer Rauch quoll zwischen den Leitungen uns Elektrischen Steuermodulen hervor. Er fächerte den Rauch zur Seite, orientierte sich kurz in dem für einen Laien scheinbaren elektrischen Chaos und riß dann zwei Module aus den Stecksockeln, die er kurz musterte und dann zur Seite warf. Reginald Bull beobachtete, wie die Bauteile durch die fehlende Schwerkraft nicht zu Boden fielen, sondern langsam rotierend in Richtung Wand weiterdrifteten.

"So wie es aussieht", begann LaForge zu berichten, während er weiterarbeitete, "sind sämtliche bestromten Energierelais durchgebrannt, teilweise regelrecht verschmolzen. Dieses hier", er hielt Bull ein weiteres Modul vor die Nase, "ist heil geblieben, weil es Teil der Notstromversorgung war, das zur Zeit des Eintretenden Phänomens nicht unter Strom stand. Wenn ich dieses nun einsetze, und außerdem für einen Ersatz der relativ geringen Sollspannung sorge, dann sollten wir wieder ein funktionsfähiges Steuerpult haben."

Ohne eine weitere Erklärung, nahm er seinen Kommunikator von der Brustseite seiner Uniform, und schlug ihn mit der Kante gegen den Rahmen des Pults. Ein weitere Druck, eine drehende Bewegung, und das Innenleben des kleinen, leistungsfähigen Kommunikators lag vor ihm. Kommunikatoren arbeiteten mit einer Hochleistungsmonozelle, die im Bereitschaftsmodus auf schlafendem Betrieb lief, und sogut wie keine Energie verbrauchte. Das war auch der Grund, warum der Kommunikator nicht ebenso Defekt war, wie der scheinbare Rest des Schiffes.

Die Arme LaForges verschwanden mit den Kommunikatorbauteilen in Händen im Inneren der Konsole. Es dauerte keine zehn Sekunden, als die bunten Anzeigen der Konsole bereits zu neuem Leben erwachten.

"Sehr gut!" rief Bull.

Der Cheftechniker der ENTERPRISE zog sich zurück in den Sessel und nahm mehrere Schaltungen vor.

"Wir haben nicht viel Zeit, die Energie des Kommunikators wird derzeit mit etwa 600 Prozent seiner normalen Leistung beansprucht, das reicht für höchstens..."

Mit ungläubigem Staunen ließ er den begonnenen Satz unvollendet.

"Was ist?" wollte Bull nervös wissen. "Müssen wir aussteigen und schieben?"

LaForge ging auf Bulls Humor nicht ein.

"So wie es aussieht, sind sämtliche Energierelais durchgeschmort. Und, das kann ich zwar nicht feststellen, aber ich bin mir fast sicher, die entsprechenden Leitungen ebenso. Alles, was während des Phänomens Strom geführt hat..."

"Achtung!", erklang plötzlich der schrille Ruf schräg über ihnen. Als die beiden gerade den Blick heben wollten, schoß auch schon eine Gestalt in gelber Uniform an ihnen vorbei und prallte unsanft gegen die rückwärtige Wand, von der, Bull erkannte einen Mann mit schlacksiger Gestalt, dieser natürlich sofort wieder abprallte und haltlos abzudriften begann. Festhalten konnte sich der Mann nicht, denn unter beiden Armen hatte er sich große, zylinderartige Gegenstände geklemmt. LaForge bekam ihn jedoch zu fassen, und zog ihn zu sich herunter.

"Reginald!"

"Ja", kam es von Bull und dem fremden, wie aus einem Mund. Reginald Bull blickte überrascht den Fremden an. Über dessen Gesicht huschte ein fahriges Lächeln, dann stellte er sich kurz vor.

"Reginald Barkley", damit hatte er an Bull auch schon wieder das Interesse verloren. Zu LaForge gewandt fuhr er fort.

"Ich sehe es ebenso, Sir. Sehen Sie die Materiekammer? Das Plasma ist noch aktiv, und zwar, weil es energetisch neutral ist, bevor es mit der Antimaterie reagiert. Verstehen Sie. Mit der Antimaterie ist es dasselbe. Hätten uns das Phänomen während des Warpflugs erwischt, dann hätte es...booom. Ich meine, wenn die Reaktorkammer."

"Jaja", stöhnte LaForge. "Schon gut Reg. Wir sollten..."

"Die redundanten Stromleitungen nutzen und eine Überbrückung schalten. Genau, Sir. Hier habe ich neue Relais. Die müssen wir nur anschließen, dann sollten wir zumindest die Notromversorgung wieder hochfahren können."

"Genau", sagte LaForge nur. "Also an die Arbeit Lieutenant Barkley."

 

*

 

Mit einem leisen Surren nahmen die Aggregate der Brücke wieder ihre Arbeit auf. Das dämmrige Licht der Notstromversorgung flackerte auf, und Captain Picard spürte, wie sein Gewicht den Körper in das Sesselpolster zu drücken begann.

"Sehr gut, Mister LaForge", murmelte er, als bereits die ersten Statusmeldungen der einzelnen Decks hereinkamen.

Kaum war die Ortung wieder aktiv, als auch schon der Anflug eines kleinen Schiffes gemeldet wurde. Ein eingehender Funkspruch wurde gemeldet. Picard ließ eine Leitung schalten und erhob sich aus seinem Sessel. Vor ihm erschien auf dem Hauptschirm das Gesicht einer Frau.

"Hier spricht Laura Banks. Ich habe hier drei Ihrer Leute an Bord, die gerne nach Hause möchten."

Picard verlor seine Fassung nicht, als er in das Gesicht des ersten Menschen blickte, das sie hier in diesem Universum trafen.

"Hier spricht, Captain Jean-Luc Picard vom Föderationsraumschiff ENTERPRISE. Ich grüße Sie. Woher..."

"Keine Zeit für Erklärungen, Captain", wurde er von Laura barsch unterbrochen. "Öffnen Sie ihr Flugdeck, ich muß sofort landen."

Picard blickte sich fragend zu Riker um. Dieser schüttelte den Kopf.

"Keine Energie für die Traktorfeldgeneratoren", sagte er, und erhob sich dabei. "Wir können Sie im Moment nicht herein holen."

"Egal", kam die prompte Antwort. "Werden Sie kurzfristig auf Überlichtflug gehen können?"

Die Nummer Eins der ENTERPRISE bejahte. Der erste Bericht LaForges hatte gezeigt, das der Warpantrieb innerhalb der nächsten zehn Minuten wieder zur Verfügung stehen würde.

"Dann komme ich rein. Ich lande manuell. Keine Diskussion, wir haben keine Zeit zu verlieren." Sie blickte Picard vom Hauptschirm herab fest an. "Glauben Sie es mir."

 

*

 

Laura Banks hatte ohne größere Probleme die BOUNTY in das Haupthangardeck der ENTERPRISE manövriert. Keine fünf Minuten später war das Flaggschiff der Sternenflotte auf Warp gegangen.

Inzwischen waren fünf Stunden vergangen, doch der erste Mensch, den die ENTERPRISE-Crew und Rhodan in diesem Universum getroffen hatten, war bei weitem nicht so kooperativ, wie sie alle erwartet hatten. Laura hatte sich sofort nach der Landung an die Reparatur Ihres Schiffes gemacht. Sie hatte sich als wissenlose Händlerin verkauft, die keine Ahnung von politischen Zusammenhängen hatte, die sich alleine durchs Leben schlug und nichts weiter wollte, als ihr Schiff zu reparieren um möglichst schnell von Bord der ENTERPRISE wieder zu verschwinden.

Alles was sie von ihr erhalten hatten, waren die Koordinaten einer menschlichen Rebellenbasis gewesen. Picard würde dieses Verhalten nicht tolerieren, dessen war sich Rhodan sicher. Doch der Captain der ENTERPRISE drängte die junge Frau nicht.

Die Unsterblichen hatten in Rhodans Kabine die aktuelle Lage besprochen. Bull war rot angelaufen und hatte nur mit Unverständnis regiert. Der emotionelle Mann konnte es nicht begreifen, das Laura Banks so reagieren konnte.

Es war gegen 23 Uhr Bordzeit als sich die Gruppe auflöste, doch Bull ging nicht in seine Kabine, er ging auch nicht in den Maschinenraum, in dem immer noch die Crew um Geordy LaForge arbeitete um die Schiffswerte wieder auf Sollstärke zu bringen, Reginald Bull machte sich auf den Weg zum Hangardeck der ENTERPRISE.

Als er das um diese Zeit verlassene Deck betrat, empfing ihn ein chaotisches Durcheinander. Fast überall in der Halle konnte er Teile der BOUNTY erkennen, und auf der Oberseite des Schiffes schlug eine wütende Laura Banks mit einem schweren Werkzeug auf den Schiffsrumpf ein.

Als sie Bull entdeckte schrie sie ihn wütend an:

"Was wollen Sie? Ich bin beschäftigt!"

"Sind wir das nicht alle", erwiderte Bull mit ruhiger Stimme und lächelte zu ihr hinauf.

Sie blickte kurz in das entwaffnende, offene Gesicht des Unsterblichen und sprang dann mit einem einzigen Satz die über vier Meter vom Schiffsrumpf herunter. Bull ging instinktiv einen Schritt zurück und beobachtete staunend wie Laura den Aufprall am Boden leicht federnd abfing.

Sie wiegte das schwere Werkzeug in einer Hand und blickte ihn erneut prüfend an. Dann wischte sie sich eine Haarsträhne aus dem, mit Schmiermitteln verschmutzen Gesicht.

"Sie an, ein menschlicher, lächelnder Philosoph", sagte sie mit beißendem Sarkasmus. "Ich mag keine lächelnden Menschen - Menschen haben nichts zu Lachen in dieser Welt."

Die letzten Worte waren voller Bitterkeit ausgesprochen. Ihr Blick schweifte für den Bruchteil einer Sekunde ab. Für einen Atemzug zeichnete sich eine unendliche Leere in diesem Gesicht ab. Doch sofort wurden ihre Gesichtszüge wieder hart und unnahbar.

"Verschwinden Sie", sagte sie ohne ihn anzusehen und wischte sich dabei mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn. Dann wandte sie sich ab.

"Warum weigern Sie sich mit uns zusammenzuarbeiten, Laura?"

"Sie haben die Koordinaten der Rebellenbasis", sie nahm ein Schiffsbauteil vom Boden auf und musterte es, "mehr kann ich nicht für Sie tun."

"Nein, so einfach ist das nicht!" Bull bemerkte gar nicht, das er zu schreien begonnen hatte. "Warum arbeiten Sie nicht mit uns zusammen?"

"Was geht das sie an", erwiderte sie mit kaum hörbarer Stimme.

"Wenn sie uns schon nicht helfen wollen, dann will ich zumindest verdammt nochmal wissen warum nicht!"

"Warum...warum...was soll die Frage?"

"Warum nicht?"

"Weil..." Krachend flog das Werkzeug über den Boden und schlitterte bis zur nächsten Wand. Sie ließ den Satz unvollendet.

"Warum nicht?"

"Weil..."

"Warum? Heraus damit!"

Keine Antwort.

"Warum?!"

Keine Antwort.

"WARUM?!" Die Stimme des Unsterblichen hallte durch die weite Halle.

"Weil ich Angst habe!"

Laura brüllte die Worte heraus, so daß Reginald Bull unwillkürlich zusammenzuckte. Ruckartig fuhr sie herum und ihre Blicke funkelten ihn wütend an.

"Weil ich es satt habe Menschen sterben zu sehen! Weil ich es nicht mehr ertragen kann!"

Ihr Blick begann zu flackern. Plötzlich stand da ein kleines Mädchen vor ihm, das am ganzen Körper zu zittern begann. Tränen begannen über ihre Wangen zu rinnen.

"Weil ich es einfach nicht mehr ertragen kann. Ich habe es so satt. Ich...."

Sie schluckte und brachte kein weiteres Wort über die Lippen. Mit versteinertem Blick stand sie vor ihm und blickte ihn an. Sie wollte, sie konnte nicht mehr weinen und trotzdem rannen ihr die Tränen über das Gesicht, in dem sonst kein Muskel zuckte. Schließlich wußte sich Bull nicht anders zu helfen, als sie in den Arm zu nehmen. Kraftlos und wehrlos sank sie an seine Schulter.

Behutsam legte der Unsterbliche seine Arme um sie. Es dauerte einige Sekunden, bis er den dicken Kloß im Hals hinunter geschluckt hatte und etwas sagen konnte. Dann sprach er mit einer, für den alten Haudegen ungewöhnlich sanften Stimme:

"Ich weiß. Man sieht Freunde sterben und das Gute verlieren, und alles was bleibt, am Ende der Wut und der Auflehnung ist Verzweiflung und endlose Hilflosigkeit. Aber das ist nicht das Ende."

Er schob sie von sich um ihr in die erröteten Augen sehen zu können.

"Ich bin über dreitausend Menschenjahre alt. Ich habe grauenhafte Dinge erlebt, habe Menschen, Städte, ganze Sonnensysteme sterben sehen, und doch war am Ende immer der Sieg des Guten über das Böse, der Triumph des Positiven über jegliche wie auch immer gearteten negativen Mächte. Und warum? Weil ich, weil wir niemals aufgegeben haben." Er schüttelte den Kopf und betonte jedes einzelne Wort des folgenden Satzes. "Es gibt keine hoffnungslose Situation. Es ist nicht immer leicht, weiß Gott nicht, aber nur durch Wegsehen kann man nichts beenden. Menschen werden weiter sterben, auch wenn du es nicht mehr sehen kannst. Aber jedes einzelne Leben, das durch deine Mithilfe gerettet wird, wird dir inneren Frieden geben. Nicht was vergeht ist das Wesentliche, sondern das, was bleibt."

Mit großen Augen blickte sie ihn an. Für Sekunden wagte sie nicht einmal zu atmen, dann wandte sie sich ruckartig von ihm ab. Verstohlen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Quälend lange Sekunden herrschte Stille im Raum. Dann nahm sie eines der Schiffsteile auf, doch obwohl sie die Schmorstellen genau musterte, sah sie sie nicht. Übergangslos legte sie das Teil sanft auf den Boden. Dann strich sie mit einer Hand langsam über den Rumpf ihres Schiffes Schließlich wandte sie sich ihm unvermittelt wieder zu. Ihr Blick war fest und klar, als sie ihm in die Augen blickte während sie an ihm vorbei zur Schleuse ging.

"Also los", sagte sie nur. "Wir haben eine Menge Arbeit vor uns. Komm schon!"

Mit schnellen Schritten verließ sie den Hangar. Ein lächelnder Reginald Bull folgte ihr.