Begegnungen - Epilog
Erkenntnis
"Warten Sie!"
Michael Rhodan sprintete los als er sah, wie am Ende des Ganges Counselor Deanna Troi gerade in den Lift steigen wollte. Instinktiv griff die Frau an die Aufzugstüren um zu verhindern, das sich der Lift schloß. Erst dann erkannte sie den Sohn Perry Rhodans. Im selben Augenblick bereute sie ihre Aktion. Sie hatte eine intuitive Abneigung gegen ihn und auch die restlichen Gäste der ENTERPRISE entwickelt. Es war zunächst ein unterschwelliges Gefühl gewesen, doch Deanna wäre nicht Schiffscouncelor gewesen, hätte sie dieses aufkeimende Gefühl nicht sofort erkannt und zu analysieren versucht.
Sie kam zu dem Ergebnis das es wohl daran lag, daß Michael Rhodan und seine Begleiter nachwievor Tod für sie waren. Sie meinte damit natürlich nicht physisch, sondern auf rein mentaler Ebene. Für die Empathin war es eine Selbstverständlichkeit, die Gefühle eines Gegenübers zu erfassen. Es ging dabei nicht um den bewußten Vorgang des Esperns, sondern lediglich um einen Aspekt der Beurteilung eines Menschen, die sich ja aus unzähligen Kleinigkeiten auch für einen Nicht-Empathen zusammensetzte. Etwas fehlte eben, etwas das ein unvollständiges Bild hinterließ. Es war für sie, als würde sie ein Portraitbild eines Menschen betrachten, das zerrissen worden, und deren Stücke nur ungenau wieder zusammengesetzt worden waren. Man versuchte sich auf das eigentliche Bild zu konzentrieren, doch da waren immer die Rißstellen, die einen ablenkten, ungeduldig und irgendwann ärgerlich werden ließen.
"Danke."
Mike Rhodan lächelte sie offen an und stellte sich neben Sie in den Lift. Zischend schlossen sich die Türen. Für ein paar Sekunden blickten beide nur die Tür vor sich an, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
"Und?"
Ungeduld lag in der Stimme von Deanna Troi. Mike blickte sie fragend an.
"Welches Deck?"
"Oh...Zentrale."
"Brücke."
"Wie bitte?"
"Es heißt Brücke, der Computer kann ihre Anweisung sonst nicht ohne Erklärung zuordnen."
"Natürlich. Computer: Brücke!"
Eine kurze akustische Signalfolge, an die sich Mike und seine Begleiter inzwischen gewohnt hatten, zeigte ihm das sein Befehl verstanden worden war. Mit einem fast unmerklichen Ruck setzte sich der Lift in Bewegung.
"Und du?"
"Wie bitte?"
"Auf welchem Deck willst du aussteigen?"
Deanna Troi wandte sich ihm jetzt direkt zu und stemmte die Hände in die Hüften.
"Weshalb, um alles in der Welt duzen Sie mich?"
"Oh entschuldigen Sie. Das ist so üblich, dort woher ich komme. Ich hatte es für eine Sekunde vergessen."
"Soso, vergessen." Sie nickte, doch ihr Blick sagte eindeutig, das sie ihm kein Wort glaubte. "Bei uns ist es jedenfalls nicht üblich."
Mike hatte sich ihr nun auch direkt zugewandt. Ihr Blick war eine einzige vernichtende Anklage.
"Computer: Lift sofort anhalten."
Überrascht blickte sie ihn an.
"Was soll das?"
Mike blickte sie prüfend an. Erst als Deanna Anstalten machte, dem Computer den Befehl zum weiterfahren zu geben, fing er zu reden an.
"Sie müssen mir helfen." Seine Stimme klang ernst und bedächtig. "Es ist ihre Reaktion - ihre Reaktion auf uns. Ihre negative Haltung ist nahezu körperlich spürbar. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Es ist ein Frage, die mir schwer zu schaffen macht. Inzwischen denke ich den Grund gefunden zu haben."
Über sein ernstes Gesicht huschte ein kurzes Lächeln. Seine direkten, offenen Worte ließen Deanna Troi instinktiv schweigen. Es war wie bei einer Therapiesitzung. Wenn der "Patient" von sich aus zu reden begann, mußte man das zulassen.
"Ich und meine Begleiter haben eine psychische Eigenart, die auf künstlichem Wege herbeigeführt wurde. Wir nennen die Abnormität Mentalstabilisierung. Das ist deshalb so, damit wir als Geheimnisträger unseres Volkes nicht durch Fremde parapsychisch ausspioniert werden können."
Tausend Fragen brannten ihr auf der Zunge. Doch als sie zu einer Frage ansetzen wollte. Schüttelte er nur den Kopf. Warte, hieß das.
"Sie als Empathin müssen diese Blockade zu unseren Gedanken und Empfindungen deutlich spüren.
Mein Vater ist der Meinung, das wir ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht allzuviel über uns erzählen sollten. Diese grundsätzlich vernünftige Ansicht...setze ich hiermit außer Kraft."
Erneut wollte sie etwas sagen, doch wieder kam er ihr zuvor.
"Keine Worte mehr", sagte er kopfschüttelnd. Dann schloß er die Augen und löste die ständig vorhandene Mauer, die seinen Geist von der Außenwelt trennte. Er öffnete sich ihr voll und ganz.
Die Augen Deanna Trois wurden größer. Wortlos
taumelte sie rückwärts gegen die Liftwand. Sie fühlte und begriff in diesem Moment das
Besondere, das diese Menschen aus einem fremden Universum erfüllte. Das sie zu etwas
außergewöhnlichen machte, das ihnen Weisheit und Einsamkeit, Reife und
Verantwortungsbewußtsein verlieh. Deanna Troi fühlte in diesem Moment Unsterblichkeit.
*
Ehrerbietung
"Du sollst das doch nicht tun!"
Perry Rhodan blickte Gucky mit strengem Blick an. Sie befanden sich im Lift, der sie zur Brücke der ENTERPRISE bringen sollte.
Eine Besprechung war angesetzt worden. Als der Mausbiber davon erfahren hatte, hatte er darauf bestanden daran teilzunehmen. Rhodan hatte ihn von der Krankenstation abgeholt. Gucky würde dorthin nicht mehr zurückkehren. Dr. Beverly Crusher hatte ihn entlassen. Der Mausbiber fühlte sich wieder fit, und fieberte geradezu danach am aktuellen Geschehen aktiv teilzunehmen.
Was Rhodan monierte, war die Tatsache, das der Mausbiber etwa zwanzig Zentimeter über dem Boden neben ihm in der Liftkabine schwebte.
"Mir tun die Füße weh", jammerte der Kleine. "Ich bin es einfach nicht gewohnt soviel herummzulatschen."
Rhodan verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Er kannte Gucky viel zu gut um die fadenscheinige Ausrede nicht zu durchschauen. Gucky haßte es mit seinen paranormalen Fähigkeiten nicht spielen zu können. Doch vor allem war es eine indirekte Kritik an Rhodans Entscheidung, die Besatzung des Schiffes über die wahre Identität seiner Besucher im Unklaren zu lassen.
"Du weißt, wie ich darüber denke."
"Es ist sowieso zu spät", sagte Gucky leise und sank auf den Boden zurück. "Deanna Troi weiß bescheid."
Rhodan blickte ihn fragend an, doch der Mausbiber schüttelte nur den Kopf.
"Das ist ja mal wieder typisch - aber ich war es trotzdem nicht."
Rhodan wollte etwas erwidern, als sich die Lifttüren auch schon öffneten. Von der Brücke aus waren es nur wenige Meter bis zum rückwärtigen Besprechungszimmer. Lieutenant Commander Data erwartete sie bereits um sie dorthin zu begleiten. Nachwievor war es den Besuchern nicht gestattet sich unbeaufsichtigt in der Zentrale der ENTERPRISE aufzuhalten.
"Es freut mich, sie wieder auf den Beinen zu sehen, Mister Guck."
"Oh, die Freude ist ganz meinerseits, Mister Data", rief Gucky mit erhobener Stimme und theatralischen Gesten, während er in die Zentrale hineinwatschelte. "Gerade rechtzeitig, möchte ich behaupten. Es wird Zeit, Samsala in den Hintern zu treten, und unsere Universen wiederzufinden."
Der Blick Datas war ein einziges großes Fragezeichen. Er sah Rhodan an. Der zuckte entschuldigend mit den Schultern.
"Das Fieber, er ist noch nicht wieder ganz hergestellt."
Der zweite Offizier der ENTERPRISE setzte eine verstehende Miene auf und nickte dann.
"Bitte folgen Sie mir."
Sie erreichten die Beobachtungslounch, von der man durch Panoramafenster einen Blick auf das Heck des Schiffes hatte. Alle anderen waren bereits anwesend. Die Besprechung war anberaumt worden, da sich Laura Banks dazu entschlossen hatte, ab sofort aktiv mit den Terranern zusammenzuarbeiten. Die junge Frau, die sich selbst provokativ als Piratin bezeichnete, saß neben Reginald Bull und unterhielt sich angeregt mit ihm. Auch Atlan und Michael Rhodan waren anwesend. Von der Crew der ENTERPRISE waren Captain Picard, William T. Riker und Deanna Troi anwesend. Data nahm rechts von Picard Platz. Rhodan und Gucky wollten gerade zum anderen Ende des Tisches gehen um sich dort zu setzen, als Laura Banks Blick auf die beiden fiel.
Sie stockte mitten im Satz. Ihre Augen klebten an den beiden Galaktikern, als sähe sie einen Geist. Ihre Kinnlade fiel herunter. Dann stand sie langsam auf und ging auf Rhodan und Gucky zu.
"Kennt sie Perry?", raunte Mike Reginald Bull zu.
Bull zuckte nur mit den Schultern.
"Sie sieht aus, als würde sie ihm gleich die Füße küssen."
Doch Reginald Bull sollte sich täuschen. Laura Banks ging an Perry Rhodan vorbei, als sehe sie ihn gar nicht. Dann sank sie vor dem Mausbiber auf die Knie und senkte schnell den Kopf, als würde sie es nicht wagen Gucky in die Augen zu sehen. Was sie dann sagte, ließ einige Kinnladen mehr im Raum herunterfallen.
"Mein Leben für euch, Allmächtiger. Vergebt mir alle Zweifel. Verfügt über mich, wie es euch beliebt."
Noch nie hatten die Galaktiker den Mausbiber so perplex gesehen; schlimmer noch: er war tatsächlich sprachlos.
Und eine einzige große Frage machte sich in der eintretenden Stille des Raums breit: Wen glaubte Laura Banks in dem Mausbiber erkannt zu haben?
E N D E