3. Der Counselor
Commander Diana Troi befand sich während der Katastrophe in ihren Räumen, und so erlebte sie nicht mit, was auf der Brücke vorging.
Als die ENTERPRISE im Wurmloch auf das kleine Schiff traf, wartete sie gerade auf eine junge Offizierin, die sie in Dianas Eigenschaft als Schiffscounselor um ein Gespräch gebeten hatte.
Obwohl die sensible Empathin von den genauen Geschehnissen nichts mitbekam, registrierte sie doch sofort die Erregung der Brückenoffiziere.
"Computer", sprach sie in den Raum. Ihre Stimme wurde von den Sensoren erfaßt und erkannt. Ein charakteristisches Akustiksignal zeigte ihr, daß der Computer bereit war ihre Befehle entgegenzunehmen. "Teile Lieutenant Nadja Baltinov mit, daß wir unseren Termin verschieben müssen."
Sie spürte, daß sich eine Situation anbahnte, während der sie auf der Brücke gebraucht wurde. Im nächsten Augenblick erreichte sie auch schon Rikers Roter Alarm. Als sie ihren Raum verlassen wollte, erfolgte die Explosion und warf Diana von den Beinen. Obwohl sie sich nicht mehr bewegen konnte, spürten ihre Sinne doch das Chaos in den Köpfen der Besatzung. Sie empfing Angst, teilweise sogar Todesangst. Dann war es vorbei, und die Schwerkraft näherte sich wieder normalen Werten. Sie kam auf die Beine und machte sich sofort auf den Weg zur Brücke.
*
"Captain, ich orte ein weiteres Schiff." Worf mußte ständig die Einstellungen der Sensorenphalanx ändern, um in dem energetischen Chaos, daß das Schiff umgab, einigermaßen aussagekräftige Werte zu erhalten. "Etwa achtzig Kilometer in Flugrichtung."
Picard ging zu Datas Konsole. Dieser hatte bereits seine Sensoren auf den entsprechenden Bereich eingestellt. Besorgt sah er dem Androiden über die Schulter. Die Situation wurde immer komplizierter. Der Captain war sich darüber klar, daß er die Situation längst nicht mehr kontrollieren konnte. Sein Schiff befand sich in einem Kontinuum, mit dem sie keinerlei Erfahrung hatten. Welche physikalischen Gesetze mochten hier gelten? Es war möglich, daß hier nichts so war wie sie es gewohnt waren. Theoretisch konnte hier bereits der Einsatz der Manöverdüsen die Trägheitsdämpfer überlasteten und das Schiff auseinanderreißen. Ebenso konnte der Einsatz der Phaser den kompletten umgebenden Raum in Flammen setzen oder wie eine Feuerwerksrakete verpuffen. Er hatte nichts woran er sich halten konnte. Hinzu kamen nun die Fremden in dem kleinen Schiff, die augenscheinlich Menschen waren, aber vollkommen ungewöhnliche Verhaltensmuster an den Tag legten. Und nun tauchte zu allem Überfluß auch noch ein weiteres Schiff auf. Picard benötigte Hilfe, Anhaltspunkte, eine Charaktereinschätzung der anderen Teilnehmer in diesem chaotischen, fast surrealen Kammerspiel.
"Counselor Troi, sofort auf der Brücke melden!"
Er hatte das letzte Wort noch nicht gesprochen, als sich die Türen des Turbolifts bereits zischend öffneten, und Diana Troi die Brücke betrat.
Picard rang sich ein kurzes Lächeln ab.
"Counselor, ich brauche ihre Einschätzung der Lage." Er deutete auf den Hauptschirm, und erklärte kurz die Lage. "Was fühlen Sie?"
Commander Diana Troi ging, ohne den Blick vom Schirm zu nehmen, langsam zu ihrem Platz links von Picards Sessel. Ihr erster Impuls war Panik gewesen. Sie war eine erfahrener Offizier der Sternenflotte, und hatte während ihrer Dienstzeit so manche Ungeheuerlichkeit erlebt, aber der Anblick des umgebenden Raumes, war absolut neu für sie. Und wenn es da draußen etwas neues gab, dann bedeutete das zunächst einmal Gefahr. Ihre Erfahrenheit ließ die Panik jedoch sofort in den Hintergrund treten und machte einer analytischen Betrachtung der Situation platz. Als sie in ihren Sessel sank, hatte sie bereits die Augen geschlossen, und ihre ganze Konzentration galt dem, was in der Dunkelheit lag. Einer Dunkelheit, die sich für die Halbbetazoidin als ein Raum, erfüllt mit Gedanken und Empfindungen darstellte. Es war ein Raum jenseits des Wahrnehmungsbereichs der Menschen - ein Raum, der Angst machen konnte, und der schon mehr als einmal unbeschreibliche Schrecken bereit gehalten hatte. Doch jetzt war dieser Raum frei von all diesen denkbaren Empfindungen. Zunächst erreichte sie nur die vertrauten Gefühle der Schiffsbesatzung. Doch als sie sich weiter vortastete, an Orte jenseits des Schiffes, jenseits der Warpfeldschale und der Schutzschirme, da driftete ihr Geist ab, konnte keine Richtung halten und keinen Weg beschreiten, der sie zu den Fremden führte. Sie legte alle geistigen Kräfte in dieses eine Ziel, und für einen kurzen Moment glaubte sie Erfolg zu haben.
Die Tatsache, daß ihr Vater ein terranischer Offizier der Sternenflotte war, und nur ihre Mutter Betazoidin, verliehen ihr lediglich die Fähigkeiten einer Empathin, was bedeutete, daß sie zwar die Empfindungen anderer erfassen konnte, nicht aber deren konkrete Gedanken. Nun empfing sie sehr eigenartige Muster. Da war große Hektik, aber doch eine unerschütterliche innere Ruhe, wie sie sie bisher nur bei sehr erfahrenen Menschen erlebt hatte. Diana spürte, daß von diesen Gedanken keine Gefahr für die ENTERPRISE ausging. Da war keinerlei aggressive Ausstrahlung, nur Besorgnis und... Schmerzen.
Dann riß die Verbindung wieder ab, und Diana öffnete die Augen, als wäre sie aus einem unschönen Traum aufgewacht.
"Captain, die Abstände zwischen uns, dem kleinen Raumer, und dem entfernteren Schiff verringern sich. Es scheint eine gravitationsabhängige Anziehung zu bestehen, die in diesem Kontinuum weit über den Wechselwirkungen im Normalraum liegt."
Wie aus weiter Ferne hatte sie zunächst Datas Worte gehört. Dann waren ihre Sinne wieder vollkommen zurück in der Realität der Kommandobrücke.
Picard hatte Datas Worte zwar registriert, doch er stand abwartend vor Diana und wartete auf deren Informationen. Der Counselor schüttelte nur den Kopf.
"Ich kann keine stabile Verbindung zu den Fremden herstellen, aber ich denke, daß keine Gefahr von dem kleinen Schiff ausgeht. Weiter konnte ich nicht vordringen."
Picard nickte. Es war nicht viel, aber es konnte bei seinen weiteren Entscheidungen von Nutzen sein. Dort drüben schienen keine Feinde zu sitzen.
Picard setzte sich.
"Taktische Darstellung!" befahl er.
Lieutenant Worf tippte hinter ihm an seiner Konsole einige Sensorfelder an und im nächsten Augenblick wurde die Anzeige seiner Kontrollen auf den Hauptschirm geschaltet. Man sah nun die ENTERPRISE und die anderen beiden Schiffe als kleine Kreise dargestellt und durch Linien miteinander verbunden. An den Linien lagen Entfernungswerte, die sich rasch verringerten. Nach kurzer Betrachtung wurde deutlich, daß die ENTERPRISE und das kleine Schiff zwar ebenfalls aufeinander zudrifteten, daß die Anziehung an das weiter entfernte Schiff jedoch wesentlich stärker war.
"Captain", die Stimme Worfs klang zwar gefaßt, aber die nun fast acht Jahre gemeinsamen Dienstes, ließen Picard den alarmierenden Unterton keineswegs überhören. "Die Energiefluktuationen scheinen mit sinkendem Abstand der Schiffe zueinander zu steigen. Unsere Schirmbelastung steigt wieder."
"Diese Annahme ist korrekt, Captain." Data hatte auf die Worte des Klingonen hin eine sofortige Analyse eingeleitet. "Es besteht eine indirekte Proportionalität, der Annäherung in Bezug auf die Energiefluktuationen des umgebenden Raumbereiches. Dieser Berechnung zufolge wird die ENTERPRISE in einunddreißig Komma sieben Sekunden ihre strukturelle Integrität verlieren."
Picard blickte zu Riker, der diesen Blick erwartet hatte.
"Wenn ein Zusammenhang der Gefahr für das Schiff, und der Anwesenheit der anderen Raumer besteht, müssen wir einen Angriff in Erwägung ziehen."
Picard überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. Rikers Worte waren zwar logisch, aber eine Abwägung der möglichen Folgen eines Waffeneinsatzes deuteten eher auf eine Verschlechterung der Lage hin. Niemand wußte was geschah, wenn man in diesem Kontinuum die Phaser oder einen Photonentorpedo abfeuerte. Außerdem schien zumindest dieses kleine Schiff keine Verantwortung für die derzeitige Situation zu tragen. Es wäre moralisch höchst verwerflich gewesen, es einfach abzuschießen, ohne auch nur den geringsten Beweis dafür zu haben, daß diese Maßnahme überhaupt von Nutzen wäre. Trotzdem gehörte es zu Rikers Pflichten diese Alternative zur Sprache zu bringen. Sie hatten noch zwanzig Sekunden - Picard beschloß abzuwarten.
Die Vibrationen nahmen wieder zu. Worf meldete ständig die steigenden Werte der Schildbelastung. Data bemerkte, daß die Stabilität der Warpfeldschale nicht mehr innerhalb normaler Parameter lag. Nach zehn Sekunden meldete La Forge aus dem Maschinenraum, daß ein Bruch des Warpkerns bei gleichbleibender oder steigender Belastung unabwendbar sei. Dann eine Entscheidung...
"Mister Worf, auf mein Zeichen erfassen sie das uns nächste Schiff mit dem Traktorstrahl, und drängen es aus unserem Kurs."
Die Worte des Captains duldeten in dieser Situation keinen Widerspruch. Jeder wußte, daß ein Einsatz des Traktorfeldes hier zu keinerlei berechenbaren Reaktionen führen konnte. Aber das war mit den Waffensystemen nicht anders.
"Entfernung zu dem ersten Schiff vier Kilometer, zu dem zweiten Schiff zwölf Kilometer", meldete Data in unbeeindrucktem Tonfall. "Zusam-menbruch der Hüllenintegrität in zehn Sekunden...neun...acht..."
Die Schiffshülle begann zu dröhnen. Aus dem Vibrieren war ein Schütteln geworden, das die Frauen und Männer ihre Konsolen umklammern ließ. Auf dem Hauptschirm zeigte sich ein wahres Feuerwerk aus gleißenden Lichtausbrüchen.
"Kernabschaltung vorbereiten", schrie Riker in das Chaos.
"Mister Worf, mit dem Traktorstrahl auf mein Zeichen warten..."
"...sechs...fünf..."
"Mister Worf, jetzt!"