7. Sein oder Nichtsein

Sie hatten alle an dem langen Konferenztisch platz genommen. Picard saß an der Spitze des Tisches, seine Offiziere links und rechts von ihm. Am anderen Ende des Tisches hatten es sich Rhodan und seine Leute bequem gemacht.

Zwei Blöcke, zwei Gruppen sitzen sich gegenüber – das ist nicht gut, schoß es Perry Rhodan durch den Kopf.

Es war keine fünf Minuten her, daß das fremde Raumschiff vor der ENTERPRISE auseinander gebrochen war. Dieses Schiff hätte der Schlüssel zu vielen unbeantworteten Fragen sein können. Diese Hoffnung war dahin. Trotzdem konnte man Picard keinen Vorwurf machen. Die Defensivbewaffnung des Fremdschiffes hatte in keinem Verhältnis zu dessen Feuerkraft gestanden. Die Torpedos hatten lediglich Zeit verschaffen sollen – hatten einen erneuten Angriff des Fremden hinauszögern sollen, während man selbst einen richtigen Gegenschlag aufbaute. Diese beiden Torpedos hatten den Schirm des Gegners hinweggefegt und waren voll auf die Hülle durchgeschlagen. Die Fremden hatten keine Chance gehabt – genausowenig wie Picard eine Chance gehabt hatte das Unglück zu verhindern.

Rhodan blickte zu dem Captain der ENTERPRISE hinüber, und der fand nun das erste mal die Zeit Rhodan zu studieren.

Eine seltsame Spannung beherrschte den Raum. Nur das monotone Hintergrundgeräusch der Schiffssysteme war zu hören. Reginald Bull war vielleicht der Einzige, der es bewußt wahrnahm. Er hatte ein besonderes Gehör für ein Schiff, und er behauptete steif und fest, daß sich jedes Schiff anders anhörte. Auch dieses Schiff hatte seine eigenen Geräusche. Sie waren ungewohnt aber nicht fremd für ihn. Es war ein dumpfes, sonores Summen, das scheinbar jeden Raum des Schiffes erfüllte. Bull sahs links von Rhodan an der Tischseite.

Der Raum befand sich heckseitig auf Deck 1 des Schiffes, unmittelbar hinter der Kommandobrücke. Bereits beim Betreten des Raumes war sein Blick durch die Fensterreihe auf den Antriebsteil der ENTERPRISE gefallen. Es war ein überaus ungewohnter Anblick für einen Galaktiker, die Antriebssektion eines Schiffes praktisch an der Außenseite zu sehen. Das ganze sah für den ehemaligen Elektronikspezialisten Bull sehr zerbrechlich und irgendwie unfertig aus. Er, der sich sein Leben lang, trotz der vielfältigen Aufgaben und Ämter, die er bereits inne gehabt hatte, immer für Raumschifftechnolgien interessiert hatte, hätte am liebsten das ganze Ding umgebaut. Andererseits strahlte das Schiff eine unvergleichliche Eleganz aus. Die ENTERPRISE bewegte sich mit Überlichtgeschwindigkeit. Interessiert hatte Bull die blau strahlenden Antriebsgondeln gemustert. Die Besatzung bezeichnete den Überlichtflug als Warpgeschwindigkeit – soviel hatte er bereits mitbekommen. Aber unzählige Fragen brannten ihm auf der Zunge.

Seit ihnen in der Arrestzelle, in der sie keine zwanzig Minuten verbracht hatten, glaubhaft versichert worden war, daß ihr Gefährte Gucky bestens auf der Krankenstation versorgt wurde, hatte Reginald Bull den Kopf wieder frei für andere Gedanken. Der Unsterbliche beschäftigte sich eingehend mit dem, was ihn umgab, der technik dieses Schiffes. Denn nach seiner Ansicht war es von fundamentaler Wichtigkeit, daß das Schiff etwas taugte, wenn sie jemals wieder ihr eigenes Universum erreichen wollten. Rhodan war ähnlicher Meinung, nur legte er sein Augenmerk auf die Menschen, die dieses Schiff Kommandierten. Jede Position hatte ihre Berechtigung, und der beste Weg, ihrer aller Ziel zu erreichen, lag wohl irgendwo dazwischen.

"Ich möchte sie noch einmal persönlich an Bord der USS ENTERPRISE 1701-D begrüßen", eröffnete Picard schließlich das Gespräch. Er stellte kurz seine Anwesenden Offiziere vor. "Wären die Umstände besser, würde dieses Treffen sicherlich anders verlaufen. So müssen wir möglichst schnell auf das Wesentliche zu sprechen kommen."

Seine Blicke erfaßten jeden seiner Besucher und blieben dann an Perry Rhodan hängen. Picard hatte wohl bereits erkannt, daß Rhodan sozusagen der Sprecher der Schiffbrüchigen war.

"Wer sind sie, und woher kommen sie?

Die beiden Fragen hingen für Sekunden schicksalsschwer im Raum, als könne die Antwort darauf alle Probleme aus der Welt schaffen, als könnten die folgenden Worte Rhodans ihnen allen die Lösung vorzeigen – den Weg nach Hause eröffnen.

"Danke, Captain." Rhodans Stimme klang absolut ruhig und gefaßt. "Nun, wir sind Terraner und befanden uns auf einer Forschungsmission. Durch einen Unfall an unserem Mutterschiff wurde unser Beiboot wohl hierher verschlagen. Wir sind darüber genau so unglücklich wie sie, Captain. Wir sind verwirrt, und wissen nicht so recht, was wir von der Situation zu halten haben. Ich möchte mich auch noch einmal im Namen meiner Begleiter für den Zwischenfall in der Transmitterstation entschuldigen."

"Transporterraum."

"Bitte", Rhodan blickte den ersten Offizier mit Namen Riker fragend an, der das Wort unzusammenhanglos in das Gespräch geworfen hatte.

"Wir bezeichnen ihren Ankunftsort auf diesem Schiff als Transporterraum."

Ein lauernder Blick lag auf Rikers Gesicht; Mißtrauen war daraus deutlich zu lesen. Er blickte immer wieder zu dem weiblichen Offizier, ebenfalls im Rang eines Commanders. Doch die junge, überaus attraktive Frau mit Namen Diana Troi zeigte keinerlei Regung. Ihre Blicke ruhten auf Rhodan und seinen Leuten. Sie schien sehr konzentriert jedem Wort zu lauschen.

"Entschuldigen Sie, wir sind mit ihrer...Definition der Dinge noch nicht so ganz vertraut."

Picard nahm des Wort wieder auf. "Ihr Heimatplanet ist also die Erde?"

"Ja."

"Lieutenant Data", Picard zeigte auf den Offizier zu seiner Rechten, "vertritt die Theorie, das sie aus einem Paralleluniversum stammen müssen. Sehen Sie das auch so?"

"Ja."

Mehr sagte Rhodan dazu nicht. Schließlich fügte Atlan hinzu:

"Wir sind außerdem der Ansicht, das wir beide, also sie und ihre Crew, Captain, und wir Fünf in einem fremden Universum gelandet sind."

"Diese Annahme", warf Lieutenant Data ein, "ist mit einer hohen Wahrscheinlichkeit korrekt, Captain."

Picard lehnte sich nachdenklich in seinem Sessel zurück. Abermals blickte er seine Besucher nacheinander an.

"Das würde bedeuten, wir haben dieselbe Vergangenheit, die zu irgendeinem Zeitpunkt auseinander driftete."

Atlan nickte.

"Wann?" warf Riker ein. "Wann erfolgte wohl die Trennung."

"Dies festuzustellen dürfte kein Problem sein." Bull verzog leicht das Gesicht, als er die geschwollene Formulierung Datas hörte. "Dafür ist lediglich eine historische Verifikation beider Ereigniswelten erforderlich."

"Ich war nie besonders gut in Geschichte", bemerkte Michael Rhodan lächelnd, und blickte dabei zu Commander Diana Troi hinüber.

Data ließ sich von dem Einwand erwartungsgemäß nicht aus dem Konzept bringen.

"Wer entdeckte Amerika?"

"Christoph Kolumbus, 1392", sagte Mike nur. Es schien Data nun doch etwas zu irritieren, daß der Sohn Perry Rhodans dabei ein strahlendes Lächeln aufsetzte und zudem nicht ihn sondern Commander Troi ansah.

"1492."

Mike blickte erstaunt Atlan an. "Bist du sicher?"

Atlan zeigte ein Gesicht, daß in etwa sagen wollte "wer, wenn nicht ich" und damit hatte er gar nicht einmal so unrecht.

"Das ist korrekt", zog Data die Aufmerksamkeit wieder auf sich. "Wann entwickelte Albert Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie?"

"1915!"

"Das ist korrekt."

Triumphierend sah Mike zu Atlan hinüber. Perry Rhodan konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

"Wann stellten die Menschen den ersten Kontakt mit dem Volk der Vulkanier her?"

Keine Antwort. Die Leute der ENTERPRISE sahen nur fragende Gesichter.

"Ihrer Reaktion entnehme ich, daß sie in ihrer aktuellen Wirklichkeit noch keinen Kontakt zu den Vulkaniern hergestellt haben. Die Trennung erfolgte also vor dem 5. April 2063."

"Das dachte ich mir bereits." Rhodan warf Atlan einen bedeutungsschweren Blick zu. Dann beugte er sich nach vorne und faltete die Hände auf dem Tisch.

"Wann betrat der erste Mensch den irdischen Mond, Mister Data?"

Die Antwort kam sofort.

"Um 3 Uhr 56 und 20 Sekunden am 21.Juli 1969, Sir."

Abermals blickte Rhodan zu dem Arkoniden. Die Augen des alten Freundes begannen zu Tränen – Zeichen höchster Erregung.

"Und wer war der erste Mensch auf dem Mond, Mister Data?"

"Neil Armstrong, Sir."

Rhodan ließ sich in seinem Sessel zurücksinken.

"In unserem Universum war es das Jahr 1971 und der Mann hieß nicht Neil Armstrong."

"Sind sie sicher, Sir."

Rhodan versuchte zu lächeln, doch es mißglückte ihm sichtlich.

"Ziemlich sicher, Mister Data."

Was zu erwarten gewesen war, was er befürchtet hatte, war nun zur Gewißheit geworden. Einen Major Perry Rhodan, der als erster Mensch den Mond betreten hatte und dort auf das Volk der Arkoniden gestoßen war, hatte es nie gegeben. Er, Rhodan, und damit die Leute um ihn hatten niemals existiert. Es hatte niemals eine Dritte Macht gegeben, niemals hatten Menschen ES getroffen, war ein Solares Imperium entstanden und niemals hatten Menschen ein Fernraumschiff mit Namen BASIS gebaut. – Nicht in der Wirklichkeit der Besatzung dieses Schiffes.

Rhodan hielt es nicht mehr in seinem Sessel. Er stand auf und trat an eines der Fenster. Die Blicke aller folgten ihm.

Rhodan dachte an seine Vergangenheit. Es waren nur flüchtige Bilder, die wild durcheinander wirbelten. Er hatte sich oft gefragt, wie sich wohl seine Menschheit entwickelt hätte, wäre er damals nicht auf die Arkoniden auf dem Mond gestoßen und hätte er in der Folge die Geschichte nicht entscheidend mitgestaltet.

Das Bild Thoras tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Ihr Stolz und ihre unbeschreibliche Arroganz, bei ihrem ersten Treffen auf dem Mond. Primitive waren die Menschen in ihren Augen gewesen. Im Laufe der Jahre hatte sie ihre Meinung zwar geändert, aber hatte sie damals nicht doch recht gehabt. Rhodan war damals anderer Meinung gewesen. Er war davon überzeugt, daß die Menschheit etwas besonderes war, daß sie ihren Platz in der galaktischen Geschichte verdiente. Dieser Meinung war er auch heute noch, aber die Sicht der Dinge war doch eine andere.

Er mußte an die Machtblöcke der Erde im 20. Jahrhundert denken, an die drohende Gefahr eines atomaren Weltkrieges, an die unzähligen Gespräche mit konservativen, in ihren Blickwinkeln festgefahrenen Politikern.

Wie hätte sich alles entwickelt, wenn er damals nur Staub und Steine auf dem Mond gefunden hätte? Diese Frage hatte ihn sein Leben lang beschäftigt.

Ruckartig wandte er sich zu Picard um.

"Eine Frage, Captain. Von wem haben sie das Wissen über die Technologie des überlichtschnellen Raumfluges erhalten?"

Picard schien die Frage zum momentanen Zeitpunkt etwas unpassend, aber er blieb die Antwort nicht schuldig.

"Zefram Cochrane baute die erste warp-fähige Rakete 2063 in Montana, Nordamerika."

Die Anspannung wich aus Rhodans Gesicht, und tief in seinem Innern fand er eine nie gekannte Ruhe. Die Menschheit brauchte keinen Perry Rhodan um den Weg zu den Sternen zu finden. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. In seiner Realität war dies für die Menschheit vielleicht sogar überlebenswichtig gewesen – aber es gab Alternativen. Es gab auch andere Wege – ohne ihn. Für einen Unsterblichen, der die Last eines ganzen Volkes mehr als einmal auf seine Schulter geladen hatte, war das ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung.

Er lächelte, als er sich wieder in seinen Sessel setzte. Bedächtig ließ er die Blicke über die anwesenden Offiziere der ENTERPRISE gleiten. Das hier war nicht seine Menschheit, aber es war eine gute Menschheit.