8. Die Tränen eines Lebens

Ruhe herrschte im Raumbereich um den Explosionsort der beiden Schiffe.. Die ENTERPRISE war planmäßig zwanzig Sekunden nach der Katastrophe auf Warp-Geschwindigkeit gegangen und hatte den Ort des Geschehens verlassen.

Die Stille und Leere des Weltalls legte ihren Mantel über das Geschehen. Nur die vereinzelten größeren Trümmerstücke des zerstörten Fremdschiffes und der SpaceJet zeugten noch von dem was hier eben geschehen war. Die Fragmente drifteten in alle Richtungen davon und traten ihre endlose Reise durch diesen Kosmos an. Die Partikelwolken aus Gas und mikroskopisch feinen Elementen der Schiffmaterialien waren längst zu einem Teil kosmischen Staubs in der Unendlichkeit dieses Universums geworden.

Die unschuldige Stille, die sich über den Ort gelegt hatte, wurde jedoch schon nach Minuten durch drei hyperenergetische Erschütterungen zunichte gemacht.

Drei Schiffe stürzten aus dem Hyperraum, verzögerten mit Höchstwerten und kamen nahe des Explosionsortes zu relativem Stillstand. Hektischer Funkverkehr begann den Äther zu füllen.

*

Gonner erhob sich und trat an den großen Panoramaschirm. Das Grau des Linearraumes war dem gewohnten Bild der Sterne gewichen. Er konnte erkennen wie sein Schiff stark verzögerte und schließlich nahe der ermittelten Koordinaten stoppte.

"RENEGAT ZWEI und DREI melden Einsatzbereitschaft", meldete Kate Simmons von der Funkanlage.

Gonner quittierte es mit einem kurzen Nicken.

"Alarmstufe Zwei wird beibehalten. Ortung?"

"Negativ", rief die immer etwas hysterisch klingende Stimme Bill Ancors. "Da ist nichts."

Gonner rieb sich das seit Tagen unrasierte Kinn.

"Wo, zum Teufel, sind die?"

"Moment." Bill vergrub sich hinter seinen Bildschirmen. "Ich orte Trümmerstücke... Ja, mehrere große Trümmer. Nach Geschwindigkeit und Richtung zu urteilen, muß hier vor nicht einmal fünfzehn Minuten ein Schiff explodiert sein."

"Verdammt!" Gonner schlug hart mit der Faust gegen die Wandverkleidung neben dem Hauptschirm. "Wir sind zu spät gekommen."

Plötzlich erfüllte ein Rauschen und Knistern die kleine Zentrale. Kate hatte den Funk auf die Lautsprecher geschaltet.

"Hier RENEGAT ZWEI." Die Stimme Vanessa Newmanns, der Kommandantin des Begleitschiffes erklang. "Jim, wir sollten verschwinden. Das hat keinen Sinn mehr."

Gonner ging zu seinem Sessel zurück.

"Du hast Recht Vanessa, wir..."

"Hier RENEGAT DREI", mischte sich Nico Tamal vom zweiten Begleitschiff in des Gespräch. "Ich weiß ja nicht, ob ihr es schon bemerkt habt, aber wir haben auch Trümmer eines samsonischen Schiffes geortet."

Gonner fuhr herum. Bill vollführte hektische Schaltungen auf seinen Konsolen. Dann blickte er mit weit aufgerissenen Augen zu Gonner hinüber.

"Nick hat Recht", stammelte er nur. "Da draußen sind eindeutig Trümmer eines samsonischen Aufklärers."

"wir haben aber doch von hier einen Hyperraumeintritt geortet, Bill?"

"Allerdings."

"Wenn hier sowohl ein samsonisches, als auch ein menschliches Schiff zerstört wurde, dann muß ein Schiff entkommen sein."

"Absolut logisch, Jim."

"Bill, hast du jemals davon gehört, daß samsonische Aufklärerschiffe nicht alleine unterwegs sind?"

Ein nervöses Grinsen huschte über Bills Gesicht.

"Niemals, Jim."

"Damit, Leute, ist es als sehr wahrscheinlich einzustufen, daß ein Nebenweltlerschiff entkommen ist."

Verhaltener Jubel klang in seiner Zentrale und der der beiden anderen Schiffe auf.

"Jim, das ist phantastisch." Vanessas Stimme klang etwas brüchig. Gonner konnte deutlich hören, wie sie um ihre Fassung rang. Zu viele Niederlagen hatten Sie in letzter Zeit einstecken müssen, und Gonner konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte mal einem Nebenweltlerschiff gelungen war zu entkommen. Oft waren die schwer beschädigten Schiffe bereits kurz nach dem Transfer explodiert. Hier war es anders verlaufen – endlich.

"Bill, kannst du den Flugvektor des Nebenweltlers annähernd bestimmen?"

"Ich arbeite bereits daran, aber die Fernortung....Ortung!" Bills Stimme überschlug sich. Mehrere Schiffe auf Abfangkurs. Es sind samsonische Kampfschiffe."

Gonner reagierte sofort.

"An RENEGAT ZWEI und DREI: Formation Alpha herstellen. Maximale Fluchtgeschwindigkeit."

Die Bereitschaftsmeldungen kamen sofort. Die Schiffe bildeten eine Keilformation und beschleunigten mit Höchstwerten von den ankommenden Schiffen weg. Die Schutzschirme wurden noch nicht hochgefahren. Alle Energie wurde in die Antriebseinheiten gepumpt.

"Ich orte fünf Schiffe. Sie haben uns entdeckt. Entfernung 45000 fallend. Sie schwenken auf unseren Kurs ein..."

Gonner ließ sich in seinen Sessel fallen. Die Hetzjagd hatte begonnen. Wieder einmal waren sie auf der Flucht. Die Entfernung war kritisch. Die samsonischen Schiffe konnten zwar nicht besser beschleunigen als seine Schiffe, aber sie nutzten den Geschwindigkeitsvorsprung, den sie aus dem Hyperraumrücksturtz besaßen – und sie nutzten ihn konsequent. Mit dreißig Prozent Lichtgeschwindigkeit stürzten die Kampfschiffe auf sie zu.

"20 – 15 –10..."

"Schilde hoch ... Ausweichmanöver hart Steuerbord!"

Die fünf Kampfschiffe stürzten an seinen Schiffen vorbei. Gleißende Feuerbahnen ließen das Weltall aufflammen. Ein harter Ruck ging durch die RENEGAT EINS. Kate stürzte schreiend zu Boden.

Aus den Lautsprechern erklang die Stimme Vanessas.

"Volltreffer im Heckbereich. Die Schilde versagen. Antrieb leicht beschädigt."

Gonner schlug auf einige Tasten an seinen Kommandokontrollen ein. Eine Taktische Darstellung blitzte auf dem Hauptschirm auf. Er konnte sehen, wie sich die fünf Feindschiffe rasend schnell von ihnen entfernten. Die Zahlen bei jedem der Schiffe zeigten ihm jedoch, daß sie mit Höchstwerten verzögerten und in eine enge Kurve flogen. Seine Schiffe hingegen beschleunigten weiter während sie aus dem ursprünglichen Kurs von den Feindschiffen wegzogen. Aber schon bald würde die maximale Feinddistanz erreicht sein. Ab einem gewissen Kurvenpunkt würden die samsonischen Schiffe wieder beschleunigen. Sie würden immer noch eine Menge Überschußgeschwindigkeit auf ihren nächten Angriffsflug retten können. Es würde verdammt knapp werden.

"20 Prozent Licht", schrie Bill.

Sie benötigten mindestens 65 Prozent Lichtgeschwindigkeit um in den Hyperraum wechseln zu können, und selbst dann würde es ihnen noch fast die Gedärme aus dem Leib reißen.

"Feindschiffe kommen näher!"

Die samsonischen Schiffe hatten ihre höchste Entfernung überschritten, und kamen nun wieder langsam näher. Sie flogen dabei zwangsläufig einen riesigen Bogen, während die Schiffe Gonners einen, wenn auch durch leichte Kurswechsel variierenden, relativ geradlinigen Kurs verfolgten.

"45 Prozent...."

In diesem Moment registrierten die Orter das Ausbrechen von RENEGAT ZWEI aus der Formation. Vanessas Schiff wurde langsamer.

"Was ist los bei euch?"

" Der Antrieb, Jim. Wir können die Geschwindigkeit nicht halten. Der Reaktor überhitzt."

Gonners Finger gruben sich in die Armlehnen seines Sessels. Er verfolgte die Werte von Vanessas Schiff auf dem Hauptschirm. Die Beschleunigungswerte sanken rapide.

"Wir können euch nicht helfen."

Seine Stimme war leise – fast ein Flüstern. Doch das Mikrofonsystem der Zentrale nahm die Worte dennoch auf und übertrug sie.

Für kurze Zeit war es still. Keiner sagte etwas. Dann Vanessas Antwort:

"Ich weiß." Ihre Stimme klang absolut ruhig und gefaßt. "Verschwindet schon."

Die Angreifer hatten das zurückfallende Schiff ebenfalls registriert. Ihr Kurs veränderte sich abermals. Sie verzögerten erneut. Die sichere Beute war ihnen wichtiger, als die eventuell langwierige Jagd auf die schnellen Einheiten.

Es knackte und Rauschte in den Empfängern der Zentrale, als ein neuer Sendekanal erfaßt wurde.

"Hier sprechen die Hüter Samsalas. An Rebellenschiff: Stoppen sie und senken sie die Schilde. Sie werden geentert. Widerstand ist zwecklos."

Vanessa schien die Worte nicht gehört zu haben.

"Für die Zukunft."

Jim Gonner richtete sich steif in seinem Sessel auf.

"Für die Zukunft...Ich werde dich niemals vergessen."

Abermals folgte Stille, nur unterbrochen vom Rauschen und Knistern des Empfängers. Es waren nur Sekunden, doch sie schienen sich endlos auszudehnen.

"Ich weiß", war die kurze Antwort von RENEGAT ZWEI. Im nächsten Augenblick verschwand der Orterreflex aus der Anzeige. Hinter den beiden Rebellenschiffen dehnte sich eine Detonation an der letzten Position des zurückgebliebenen Schiffes aus.

"Verdammt", schluchzte Kate an Gonners Seite.

"Bei 65 Prozent Licht Eintritt. Setzt Kurs auf Rebellenbasis BERLIN", sagte James Gonner mit eisiger emotionsloser Stimme.

Die beiden Schiffe waren außer Gefahr. Durch die Verzögerung der Angreifer hatten sie nun keine Chance mehr auf Schußdistanz heranzukommen. Die Selbstzerstörung des Schiffes Vanessas ließ die samsonischen Schiffe mit leeren Krallen zurück. Die Gegner der Menschen hatten eine Niederlage zu verzeichnen – aber zu welchem Preis.

Gonner fixierte mit starren Blicken den Hauptschirm. Für Momente sah er Vanessa vor seinem geistigen Auge. Er sah, wie sie ihn anlachte, beobachtete die Art, wie sie ihre Haarsträhnen aus dem Gesicht zu fegen pflegte und sah die kleine Falte, die sich immer über ihrer Nasenwurzel gebildet hatte, wenn sie mit einer Sachlage nicht einverstanden war. Er erinnerte sich an ihre gemeinsamen Streitigkeiten und die anschließenden Versöhnungen.

James Gonner zeigte bei all diesen Gedanken keinerlei äußerliche Regung. Er hatte schon so viele Freunde sterben sehen, daß er sie nicht mehr zählen konnte.

Irgendwann sind die Tränen eines Lebens aufgebraucht. Was dann bleibt ist Leere.

Er würde noch viele seiner Kameraden sterben sehen, daß wußte er. Er würde seine Stützpunkte und Schiffe explodieren sehen, und er würde dasselbe empfinden wie jetzt in diesem Moment. Das Sterben war sein ständiger Gefährte – er war schließlich ein Mensch.

"Wir werden die Schäden reparieren, und uns dann sofort auf die Suche nach dem Nebenweltler machen", sprach er mehr zu sich selbst, als zu seinen Kameraden. "Wir werden sie finden; das sind wir Vanessa und all den anderen schuldig."